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"Haben Sie gute Laune mitgebracht?"

Nach dem währschaften Mittagsmahl geht die Verkaufsschlacht in die nächste Runde.

(Keystone)

Wenn einer eine Werbefahrt mitmacht, so kann er etwas erzählen. Ein swissinfo.ch-Reporter berichtet von einer als Schiffstaufe getarnten Werbefahrt. (Teil 2).

Was bisher geschah: Statt der versprochenen Schiffstaufe werden 26 vorwiegend betagte Menschen in einem einsamen Landgasthof einer dreistündigen Gehirnwäsche unterzogen, damit sie eine Stutenmilchtherapie für über 2000 Franken kaufen. (Siehe Beitrag "Lernen Sie Kapitän Larsson kennen".)

Nach dem Mittagessen geht es weiter. Angeboten wird nun ein weiteres Stutenmilchprodukt, eine Lotion. "Wer von Ihnen kennt Stu-Vital?" - Keine Reaktion.

"Was ist jetzt los? Sind Sie müde? Kennen Sie das ehrlich nicht?", fragt Fernsehmoderatorin Claudia.

"Stu-Vital können Sie bereits seit zwei Jahren in allen Reformhäusern zu einem Preis von 98 Franken kaufen. Ich möchte, dass Sie es jetzt selber einmal ausprobieren." Sie träufelt nun allen Anwesenden einen Spritzer Stu-Vital auf eine Hand.

"Bilden Sie sich selber ein Urteil und fassen Sie ihre Haut an. Wie fühlt sich das an? Weich? Ja, die Haut wirkt glatt." Ein kritischer Geist könnte einwenden, dass sich die Haut nach jedem Eincremen glatter als vorher anfühlt...

Zentimeterdicke Hornhaut

Claudia kommt in Fahrt: "Die Stutenmilch stützt und fördert den Heilvorgang bei offenen Wunden oder Entzündungen. Wenn ältere Menschen in den Sommermonaten kurzärmelige Kleider tragen, sehen die Ellenbogen teils unansehnlich aus. Da sträuben sich meine Nackenhaare. Zentimeterdicke Hornhaut, schuppig, blutig, eingerissen. Aber das ist im Alter so."

Nun drückt sie auf die Tränendrüsen. Es folgt eine anrührende Geschichte vom Neffen, der mit einer Schuppenflechte geplagt sei. Seit er Stu-Vital benutze, brauche er keine Cortison-Spritzen mehr. "Ist das ein Erfolg? Ja oder Nein?"

Die Leute sind begeistert. Und als Claudia ankündigt, dass sie das Produkt um über 50% unter dem Ladenpreis abgebe, sind die "wenigen" Flaschen im Nu ausverkauft.

"Und zu guter Letzt, bevor Sie die Schokoladenfabrik besichtigen, kommt noch ein Herr, der Ihnen wunderbare Neuigkeiten mitzuteilen hat", kündigt Claudia den nächsten "Höhepunkt" an.

"Kaufen können Sie bei mir gar nichts!"

"Haben Sie gute Laune mitgebracht? Ich habe für Sie den Reisebus bezahlt und ihr Mittagessen", sagt Seppel, ein gemütlicher Mittfünfziger.

Er arbeite für die Swiss Media AG. "Vorher habe ich für den Bertelsmann-Konzern gearbeitet. Wir sind der Schweizer Ableger von Bertelsmann", erklärt er. Und macht zum Vornherein klar: "Kaufen können Sie bei mir gar nichts!"

Seine Firma, sonnenklar.tv, sei mit einer Fernsehsendung eine der grössten Reiseanbieterinnen Europas geworden. "Da aber in der Schweiz 90% der Haushalte Kabelfernsehen haben, kann nicht jeder alle Satellitenprogramme empfangen. So haben wir uns gedacht, wir kaufen uns in solche Veranstaltungen ein, geben ein paar Geschenke, und Sie machen Werbung für uns."

Seine Firma hätte ihr Werbebudget auch in einen Prominenten investieren können. Er bringt ein Beispiel aus der Schweiz : "Roger Federer ist für mich immer noch der beste Tennisspieler der Welt. Credit Suisse zahlt Federer für 10 Jahre Werbepartnerschaft 200 Mio. Franken."

Bertelsmann mache kein Prominenten-Sponsoring, so Seppel. Die Firma gebe ihr Werbebudget lieber direkt an ihre Kunden weiter.

Boris Kalaschnikow

Im Publikum macht sich eine leichte Unruhe breit. Einer mit einem grossen Mitteilungsbedürfnis gesegneten Frau droht Seppel: "Ich hole gleich meinen russischen Freund rein, der heisst mit Vornamen Boris, mit Nachnamen Kalaschnikow." Der Satz tut seine Wirkung: Seppel erntet Gelächter, die Frau schweigt.

"Würden wir diese Aktion machen, wenn wir nur 25 Leute erreichen würden? Da hätten wir keinen Werbeeffekt", doziert Seppel weiter. "Aber stellen Sie sich vor, Sie würden mit uns Ferien machen. Wenn Sie wieder nach Hause kommen, fragen Ihre Freunde und Verwandten, wie Ihnen die Reise gefallen habe. Und wenn Sie ihrem Nachbarn vom schönen Urlaub mit uns erzählen, wird auch er mit uns vielleicht mal Urlaub machen wollen. Also erreichen wir mit dieser Aktion, an der wir nur was verschenken wollen, jeden Tag Tausende von Menschen."

"Wir bescheissen jetzt das deutsche Finanzamt"

Jetzt wird er konkret: "Wer würde sich freuen, wenn er von mir pro Person 200 Franken Reiskostenzuschuss bekommt? Für die Spanien- oder Türkeireise bleibt dann ein lächerlicher Betrag von gerade mal 549 Franken übrig. Auch für die anderen Reisen bleibt ein Reisepreis pro Person von 320 Stutz pro Person."

In den Reisepreisen enthalten sei eine so genannte Reisabsicherung Plus im Wert von 99 Franken. Diese gelte jedoch nicht für die ermässigten Urlaubspreise. "Wie sollen wir von den ermässigten 549 oder 320 Franken noch 100 Franken Versicherungsprämie bezahlen?"

Und das verbale Feuerwerk geht weiter: "Mögen Sie eigentlich das deutsche Finanzamt? Das, was ich hier mache, kann die Bertelsmann Hauptzentrale in Deutschland als Werbung absetzen. Wer hindert uns daran, dass Sie das Geld, das Sie als Versicherung bezahlen, von uns sofort wieder zurückbekommen. Wir bescheissen jetzt das deutsche Finanzamt. Entschuldigung, dass ich das so direkt sage. Ich ziehe also 100 Franken nochmals aus dem Reisepreis raus. Dann bleibt für die Spanien- oder Türkeireise ein Preis von 449 Franken. Ist das in Ordnung?"

Gratis…

"Wo möchten sie hin?", fragt Seppel. "Nach Spanien? Zu zweit? Dann kriegen Sie von mir zwei Checks, und ich sage herzlichen Glückwunsch! Würden Sie sich sehr ärgern, wenn ich Ihnen zwischendurch noch etwas schenke? Als Dankeschön dürfen Sie sich zwei weitere Reisen aussuchen, jeweils à zwei Personen. Da brauchen Sie nichts dafür zu bezahlen, auch die Begleitperson ist gratis. Was ich Ihnen nicht schenken kann, ist die Versicherung, die Sie wieder rückvergütet erhalten.

Und die Menschen sind begeistert. Sie stehen Schlange, zücken ihre Geldtaschen und kaufen das Absicherungspaket der Gratisreisen, denn sie werden die 100 Franken pro Person ja von sonnenklar.tv wieder zurückerhalten.

Das dicke Ende...

Was in diesem Moment keiner der 26 reiselustigen Gäste im Saal weiss: Die Swiss Media AG ist kein Tochterunternehmen von Bertelsmann. "Das ist schlicht gelogen. Wir wollten auch schon gerichtlich gegen diese Firma vorgehen. Auch sonnenklar.tv gehört nicht zu unserem Konzern. Unsere Konzernzentrale in Deutschland ist schon gegen solche Werbefirmen vorgegangen. Aber das ist schwierig, denn viele davon sind in England niedergelassen und nehmen immer wieder neue Adressen an", erklärt Peter Gerber von Bertelsmann Schweiz gegenüber swissinfo.ch.

Und sonnenklar.tv-Pressereferent Christian Müller sagt: "Wir stehen in keinerlei Verbindung zu diesem Unternehmen. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns die Ergebnisse Ihrer Recherchen zukommen lassen könnten - wir würden sie gerne an unsere Rechtsabteilung weiterleiten."

Noch nie so betrogen worden

"So wie heute sind wir noch nie betrogen worden", sagt eine Frau nach dem über 6-stündigen Verkaufsmarathon zu ihrem Ehemann. Dieser nickt. Aber sie werden wahrscheinlich, wie die vorigen Male auch, wieder eine solche Fahrt buchen.

Was ist mit den gross angekündigten Geschenken? Die sind nun so gross auch wieder nicht. Statt einer Kaffeemaschine für die Frau und einem Navigationsgerät für den Mann und einem LCD-Fernseher für jedes Ehepaar erhalten die Frauen ein Döschen Hautcrème und die Männer ein winziges, billiges Werkzeugset.

Und die Schokoladenfabrik? "Sehen und erleben Sie hautnah die Tradition feinster Schokoladenherstellung. Inkl. Fabrikverkauf", heisst es ja in der Einladung. Der Busfahrer windet sich. "Nun ja, es ist nicht ganz ein Fabrikbesuch. Wenn Sie wollen, können Sie noch im Fabrikladen eines grossen Schokoladenherstellers einkaufen." Das scheint irgendwie gerecht: Keine Schiffstaufe – keine Schokoladenfabrik.

Und so verzichten die müden Buspassagiere auch auf den Schokoladen-Fabrikladen. Sie wollen nur möglichst rasch nach Hause.

Tipps für Werbefahrt-Teilnehmende

Seien Sie skeptisch gegenüber

Gewinn-Versprechen. Firmen wollen Geld verdienen, nicht Wohltäter spielen!

Lassen Sie sich nicht zu einer

Unterschrift drängen (auch wenn das Spezialangebot "nur heute" gilt).

Leisten Sie keine Voraus-Zahlungen.

Das Schweizer Recht bietet

Rücktrittsmöglichkeiten. Kaufen Sie bei einer Werbefahrt, können Sie innert 7 Tagen vom Vertrag zurücktreten.

Werbefahrtfirmen unterlaufen das oft, indem sie ihren Kunden den Artikel bereits ein, zwei Tage nach Vertragsabschluss liefern und bar einkassieren. Darauf wird es erfahrungsgemäss sehr

schwierig, wieder zu seinem Geld zu kommen.

Steht auf der Einladung nur ein Postfach anstelle der genauen Adresse des Reiseveranstalters, ist umso mehr Vorsicht geboten.

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swissinfo.ch


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