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"Michael Moore jongliert mit der Realität"

Reger Kontakt, aber kein Gespräch Auge in Auge: Michael Moore (links) und Yeslam Binladin.

(Keystone)

Michael Moores neuer Film "Fahrenheit 9/11" enthalte Fehler über seine Familie, sagt Yeslam Binladin nach einer privaten Vor-Visionierung.

Der in Genf lebende Wahlschweizer, ein Halbbruder Osama Bin Ladens, hatte aber eine Interview-Anfrage Moores für den Film abgelehnt.

Am Mittwoch kommt "Fahrenheit 9/11" des erfolgreichen US-Dokumentarfilmers Michael Moore in die Schweizer Kinos. Yeslam Binladin, der in der Schweiz lebende Halbbruder Osama Bin Ladens, hat das cineastische Pamphlet bereits am Montag gesehen, in einer Privatvorführung in Genf.

Im seiner zweistündigen cineastischen Anklage stellt Moore den republikanischen US-Präsidenten George W. Bush als Versager im Anti-Terrorkampf, dicken Freund der saudischen Ölscheichs und als Marionette amerikanischer Konzerne dar.

Erklärtes Ziel des Filmers und Buchautors ist es, mit "Fahrenheit 9/11" die im Herbst anstehende Wiederwahl Bushs zu verhindern, wie Moore in Interviews immer wieder repetiert.

Unterschiedliche Schreibweise

Der saudische Geschäftsmann Binladin – er legt grossen Wert auf die exakte Schreibweise seines Familiennamens – und Michael Moore sind in den letzten Monaten in regelmässigem Kontakt gestanden.

Doch aus den zahlreichen Briefen und Telephongesprächen ist nie ein Treffen geworden. Hier der omnipräsente Medienprofi und Bilderstürmer Moore, der mit seinem hochpolitischen Werk in Cannes die "Goldene Palme" gewann.

Dort der diskrete, die Öffentlichkeit wie der Teufel das Weihwasser scheuende Yeslam Binladin, Verwandter des meistgesuchten Terroristen der Welt. Für seinen Film hätte Moore gerne ein Interview mit Yeslam Binladin gemacht.

Moore und Binladin in Cannes

Sogar an den Filmfestspielen in Cannes hatten sich ihre Wege nie gekreuzt, obwohl beide in derselben Woche an der Côte d'Azur weilten.

Yeslam Binladin, der in Genf lebende Wahlschweizer, hatte Ende 2003 im amerikanischen Magazin "Rolling Stone" einen offenen Brief publiziert, in dem er Moore zu drei Korrekturen aufforderte.

"Luftraum wieder geöffnet"

"Entgegen ihrer Darstellung war der amerikanische Luftraum unmittelbar nach dem 11. September 2001, als meine Familie die USA verliess, für die Zivilluftfahrt wieder geöffnet", präzisiert Yeslam Binladin. Zuvor sei die Familie zudem von den amerikanischen Behörden mehrere Male kontrolliert und befragt worden.

Drittens dementiert er kategorisch, dass weder Brüder noch Schwestern aus der Familie an der Hochzeit von Bin Ladens Sohn teilgenommen hätten. Der Saudi lud in seinem Brief Moore zum Abend des Schweizer Kinos während des Festivals in Cannes ein.

Swiss Films an Bord

Die "Soirée du Cinema Suisse" wird seit vier Jahren von der Lausanner Firma Almaz Film Productions zusammen mit Swiss Films, der Promotions-Agentur für das Schweizer Filmschaffen, organisiert. Wissenswert: Almaz Film Productions gehört Yeslam Binladin.

Ende Januar trifft bei Binladin eine ebenso höflich abgefasste Antwort Moore's ein. Darin bedankt sich dieser für die Bemerkungen und stellt ein Treffen Ende März in Genf in Aussicht.

Humor an der Strippe

Mitte März lehnt der Wahlschweizer seinerseits die erneute Interview-Anfrage von Moore ab. "Wird ihr Telefon abgehört?" erkundigt sich Moore. Antwort Binladins: "Möglicherweise, ich weiss es nicht." Darauf die ironische Bemerkung Moores: "Also werden wir in Stereo abgehört."

Im April erneuert Binladin seine Einladung für den Schweizer Anlass in Cannes. Michael Moore aber erschien an diesem 18. Mai nicht und liess auch danach nichts mehr von sich hören.

"Trotz meines offenen Briefes enthält der Film nach wie vor die besagten Fehler, was meine Familie angeht", sagte Binladin, nachdem er sich den Film am Montag Vormittag in Genf in einer Privatvorstellung angesehen hatte. Ein Gesamt-Urteil über den Film wollte er aber nicht abgeben.

Familie nicht tangiert

"Michael Moore jongliert mit der Realität, dies anhand von sehr effizienten Montagen", so Binladin. Er räumt aber ein, dass der Film nicht seine Familie in Frage stelle, sondern den amerikanischen Präsidenten.

Mehr liess der schweigsame Saudi nicht verlauten. An seiner Stelle äusserte sich Gérald Morin, Direktor von Almaz Film:

"Dieser Dokumentarfilm ist eine ausgezeichnete Manipulation des Bildes", urteilt Morin. Der Autor habe ein Amalgam der Anklage geschaffen, das manchmal jeglicher Grundlage entbehre.

"Aber das ist die Waffe des Pamphlets. Man bemerkt darin die Handschrift eines grossen Meisters dieses Fachs", anerkennt Morin.

Der Assistent Fellinis

Der Westschweizer Filmproduzent war früher Assistent des legendären italienischen Regisseurs Federico Fellini.

"Mein Film ist ein Kommentar, keine journalistisch neutrale und ausgewogene Dokumentation", hatte Moore selber in diversen Interviews immer wieder betont.

Im Schlussurteil ist "Fahrenheit 9/11" ein geniales, subjektives Kondensat über die Fehler und Irrtümer des amerikanischen Präsidenten. Der Film wird alle schonungslosen Kritiker Bushs beglücken.

swissinfo, Luigino Canal
(Übertragung aus dem Französischen: Renat Künzi)

Fakten

Im Film stellt Moore US-Präsident George W. Bush als Versager im Anti-Terrorkampf, dicken Freund der saudischen Ölscheichs und als Marionette amerikanischer Konzerne dar.
Moores Ziel ist es, mit "Fahrenheit 9/11" die Wiederwahl Bushs zu verhindern.

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In Kürze

Am Mittwoch startet Michael Moores Dokumentarfilm "Fahrenheit 9/11" in den Schweizer Kinos.

Yeslam Binladin, Schweizer Halbbruder Osama Bin Ladens, bemängelt, dass der Film drei Fehler über seine Familie enthalte.

Binladin hatte ein Interview für den Film abgelehnt.

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