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"Niemand wird sich diese Arbeit je vorstellen können"



Wieder am Tageslicht: Mineur Gerhard Fürpass und sein Bike, auf dem er abschalten kann.

Wieder am Tageslicht: Mineur Gerhard Fürpass und sein Bike, auf dem er abschalten kann.

(swissinfo.ch)

Hunderte von Mineuren graben seit Jahren den neuen Gotthard-Basistunnel. Einer von ihnen ist der Österreicher Gerhard Fürpass. Der 45-jährige Familienvater kommt aus St. Johann im Salzburgerland. Für swissinfo.ch berichtet er über sein Arbeitsleben tief im Berg.

"Ich bin bereits 25 Jahre, seit 1985 als Mineur im Tunnelbau tätig. Seit 2002 arbeite ich auf Alptransit-Baustellen des Gotthard-Basistunnels, zuerst in Bodio, seit zwei Jahren in Faido – als Angestellter des Baukonzerns Alpine. Ich bin als Vorarbeiter auf der Tunnelbohrmaschine (TBM) in der Weströhre im L1 Bereich tätig.

Das heisst: Ich führe mit den Kollegen die ganzen Sicherungsarbeiten nach dem Auffahren des Tunnels aus. Wir sind vier bis fünf Mann in diesem Bereich, nur fünf Meter vom Bohrkopf entfernt. Wir sind also die ersten, die den aufgefahrenen Tunnel sehen. Wenn das Gestein fest ist, müssen wir nur wenig sichern, mit Netzen und Anker. Ist der Fels weniger standhaft, müssen wir auch Gitter und Spitzbögen anbringen.

Heimfahrt viel gefährlicher

Es ist sicherlich kein alltäglicher Job. In gewisser Weise auch gefährlich. Aber wenn man so lange dabei ist wie ich, hat man viel Erfahrung und kann sich auf die Kollegen verlassen. Es gibt die Gefahr von Wasser- und Felseinbrüchen, die Absturz- und Rutschgefahr. Mir ist glücklicherweise nie etwas passiert. Und ich hoffe, dass es so bleibt.

Fast gefährlicher finde ich eigentlich meinen Nachhauseweg. Mit einigen Kollegen fahren wir jeweils alle 10 Tage nach Österreich zu unseren Familien – eine Strecke von rund 600 Kilometern. Immer in Fahrgemeinschaften. Was man auf der Strasse alles erleben kann – einfach Wahnsinn!

Elf Stunden am Stück im Berg

Ich arbeite im Schichtbetrieb, wenn die TBM läuft. Wir fahren am ersten Tag um 22 Uhr ein, beginnen um 23 Uhr und arbeiten bis 8 Uhr morgens. Um 9 Uhr bin wieder draussen und auf meinem Zimmer. Dann gehe ich schlafen. So geht das fünf Tage lang. Ich habe ein Container-Zimmer. Das ist klein, aber es reicht und hat sogar eine Klimaanlage.

Am sechsten Tag gibt es einen Wechsel, da gibt es eine Schicht von 16 bis 23 Uhr. Es folgen vier Schichten von jeweils 13.30 Uhr bis 23 Uhr. Am 10. Tag kommen wir also um 23 Uhr aus dem Tunnel. Viele meiner Kollegen fahren dann noch in der Nacht nach Hause, einige schlafen und fahren erst am Morgen. Wir haben fünf Tage zu Hause.

Fünf Tage für die Familie

So ein Rhythmus ist gewöhnungsbedürftig, aber für mich und meine Familie ist es normal. Ich habe drei Kinder und vier Enkelkinder. Und meine jüngste Tochter hat immer gesagt, es ist wichtiger, einen Papa zu haben, der fünf Tage wirklich präsent ist und sich der Familie widmet, als ein Papa, der jeden Abend da ist, aber sich nicht um die Familie kümmert. Auch meine Frau hat mich so kennengelernt, sie hat nie ein Problem damit gehabt.

Wie gesagt, ich arbeite schon 25 Jahre im Tunnelbau. Durch meinen Vater kam ich zu diesem Beruf, auch er war Tunnelbauer. Ich hatte eigentlich eine Lehre als Gas-Wasser-Leitungsinstallateur absolviert. Als ich kurz arbeitslos war, hat mich mein Vater mitgenommen. Dabei war Baustelle eigentlich nie mein Traum.

Anreiz Verdienst

Doch ich übe meinen Beruf gerne aus. Ich könnte mir nicht vorstellen, einfach einen Bürojob zu machen oder in einer Fabrik zu arbeiten. Mineur ist nicht einfach ein Beruf, es ist vielleicht schon mehr, auch wenn das Wort Berufung wohl zu hoch gegriffen ist. Das Geld spielt dabei eine wichtige Rolle. Wenn ich zu Hause gleich verdienen würde wie hier, wäre ich wohl kaum da. Das gilt auch für die Kollegen. Wir verdienen gut, aber der Lohn hat seinen Preis.

Ich bin jetzt acht Jahre hier. Das ist aussergewöhnlich. So lang war ich noch nie auf einer einzigen Baustelle. Niemand hätte gedacht, dass es so lange dauert. Aber dieser Tunnel ist ein Megaprojekt und es sind einige Schwierigkeiten aufgetreten. Zweifel an der Machbarkeit kamen bei mir nie auf. Im Tunnelbau schafft man alles. Manchmal geht es vielleicht nur Zentimeter vorwärts, aber es geht immer vorwärts.

Stolz...

Im Sommer kann es sehr heiss im Tunnel werden, wenn es vielleicht Versorgungsprobleme mit dem Wasser gibt. Solange wir die Temperatur auf 26 bis 28 Grad halten, geht es, aber wenn es mal 34 Grad wird. Meine Güte! Das kann sich niemand vorstellen.

Es gibt schon einen gewissen Stolz, am Bau des längsten Tunnels der Welt beteiligt zu sein. Bei der alltäglichen Arbeit denkt man aber nicht dran. Ein Ingenieur, der vor kurzem tödlich verunglückt ist, sagte immer 'hinter der Hacke ist es dunkel'. Und er hatte Recht! Tunnel ist Tunnel.

... und Trauer Teil des Mineur-Berufs

Wenn Unfälle passieren, sprechen wir natürlich darüber. Es geht einem schon nahe. Und es bringt einen auch zum Nachdenken. Wofür das Ganze? Kollegen werden ersetzt. Irgendwie ist man eben doch nur eine Nummer.

Ich versuche immer, positiv zur Arbeit zu gehen. Und es gibt natürlich auch die Freizeit. Ich setze mich gerne aufs Rad. Da kann ich am besten abschalten. Die frische Luft tut mir gut, schlechte Luft haben wir im Tunnel genug. Und das Gebiet hier ist bestens geeignet für Touren mit dem Mountain Bike. Wir fahren viel in der Gruppe. Ich kenne jetzt alle Strassen, Wege und Pässe in dieser Gegend. Und wenn ich mich zu müde fühle, gehe ich vielleicht nur nach Faido, um einen Kaffee zu trinken.

Sprache, nicht Stein als Grenze

Leider habe ich immer noch mit dem Schweizerdeutsch Mühe, und auch Italienisch habe ich in all den Jahren kaum gelernt. Das wäre wohl anders, wenn ich direkt mit Italienern zusammenarbeiten würde. Doch wir arbeiten vorwiegend in Sprachgruppen, das heisst ich arbeite mit meinen österreichischen Kollegen, die ich schon lange kenne.

Wie geht es weiter, wenn der Vortrieb hier beendet ist? Ich weiss es nicht, ob meine Firma wieder Arbeit erhält. Ich würde gerne nach dem Gotthard-Basistunnel weiter in der Schweiz bleiben. Die soziale Absicherung ist hier besser als im Rest von Europa. Vielleicht kommt ja der zweite Gotthard-Strassentunnel. Hier sind wir alle dafür. Wir könnten diesen in acht Jahren bauen.

Wir sprechen hier oft über den Aufwand, der nötig ist, um den Gotthard-Basistunnel zu verwirklichen. Dereinst wird der Zug in 15 Minuten die Röhre durchfahren. Und niemand wird sich vorstellen können, welche Arbeit dahinter steckt – von den Kosten ganz zu schweigen."


Aufgezeichnet von Gerhard Lob
Faido

GOTTHARD-BASISTUNNEL

Gesamtlänge: 57 Kilometer, Weltrekord.

Länge Tunnel, Schächte, Stollen: 151,84 Kilometer.

Geplanter Hauptdurchschlag in der Oströhre zwischen Faido und Sedrun: 15.Oktober 2010; Hauptdurchschlag Weströhre: Frühjahr 2011.

Aushubmaterial: 24 Mio. Tonnen – entspricht dem fünffachen Volumen der Cheops-
Pyramide in Ägypten.

Geplante Inbetriebnahme: Dezember 2017.

Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h (Personenzüge), 160 km/h (Güterzüge).

Bauherrin: AlpTransit Gotthard AG (gegründet am 12. Mai 1998), 100-prozentige SBB-Tochtergesellschaft mit Sitz in Luzern.

Anzahl Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AlpTransit Gotthard AG: 140; Beschäftigte auf Baustellen: zirka 2200 (Gotthard- und Ceneri-Basistunnel).

Mutmassliche Endkosten (ganze Gotthard-Achse): 12,2 Mrd. Franken (Preisstand 1998, ohne MWSt, Zinsen, Teuerung).

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