Ärzteschwemme, aber Hausarztmangel

Grippe-Nachkontrolle im Beisein der Mutter. Ein Tag im Leben des Hausarztes Walter Raaflaub in Saanenmöser. Severin Nowacki

Der Schweiz droht ein Mangel an Hausärzten. Nach dem Aktionstag vor zwei Jahren organisieren die Ärzte auch diesen 1. April Events in Praxen und Städten zum Thema: Wie lässt sich Hausarztmedizin politisch stärken?

Dieser Inhalt wurde am 31. März 2008 - 15:37 publiziert

Eigentlich ist den Allgemeinmedizinern die Lust am Scherzen vergangen. Dennoch organisieren sie am 1. April den "Tag der Hausarztmedizin" - bereits zum zweiten Mal.

Wie schon nach der Grosskundgebung vom 1. April 2006 machen auch diesen Dienstag zahlreiche Hausärzte-Organisationen auf nationaler und regionaler Ebene auf die Bedeutung ihrer Medizin aufmerksam.

Politisches Machtpotenzial

Laut der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (SGAM) gibt es zwischen Patienten und Hausärzten ausser der fachlichen und der menschlichen noch eine dritte Art von Beziehung: nämlich die politische:

Hausärzte und Patienten hätten damit ein grosses "plebiszitäres Potenzial", mit dem sie Abstimmungen gewinnen oder Referenden und Initiativen durchsetzen könnten. Und es gäbe einiges an Politischem, das zu Gunsten der Hausarztmedizin verändert werden müsse.

"Spezialisierung ist einfacher als Allgemeinmedizin"

Zu verändern wäre zum Beispiel die sich in den letzten Jahren eingespielte Bevorzugung spezialisierter Ärzte. Zahlreiche institutionelle Praktiken diskriminierten heute den Allgemeinpraktiker.

Nur schon die Eröffnung einer allgemeinen privaten Arztpraxis brauche mehrere hundert tausend Franken, sagt Beat Hählen, Hausarzt in der Lenk im Berner Oberland, gegenüber swissinfo. Und Kredite dafür seien heute nicht mehr so leicht zu finden wie früher.

"Ausserdem hat eine Spezialisierung für den Mediziner zur Folge, dass er in einem begrenzten, das heisst überblickbarem Umfeld, arbeiten kann." Das sei für viele Ärzte angenehmer. "Der Spezialist weiss alles über relativ wenig, während der Allgemeinpraktiver immer weniger über immer mehr weiss."

Und auch der beste Doktor könne nicht alles wissen, so Hählen. Daraus ergebe sich dann die Aversion des ärztlichen Nachwuchses zur Soloarbeit: Viele fürchteten sich vor der Situation, irgendwo weit abgelegen in den Bergen mit einem Patienten konfrontiert zu werden, über dessen Schicksal man sofort, alleine und ohne Team-Support entscheiden müsse.

Als weitere Probleme seiner Berufsgattung ortet Hählen einen zu häufigen Notfalldienst von Hausärzten im Vergleich zu spezialisierten Ärzten, ein tieferes Prestige und den zunehmenden Druck der Politiker und Krankenkassen:

Hausärzte würden, nur schon weil es zahlenmässig so viele sind, oft als die kostenverursachenden schwarzen Schafe des Gesundheitswesens dargestellt.

Tarmed – je spezialisierter, desto teurer

Deshalb lohne es sich für Politiker bei ihren Sparungsübungen auf diese Gattung loszugehen, obwohl Spezialisten eher teurer arbeiteten.

So seien Urologen zum Beispiel viel häufiger operativ tätig als Allgemeinärzte, was gemäss Tarmed besser entlöhnt werde. Und die Lobbys der spezialisierten Ärztebranchen hätten in den Tarmed-Verhandlungen für diese operativen, aber häufig einfachen Routine-Eingriffe einen sehr guten Tarif ausgehandelt.

Numerus Clausus, ausländische Ärzte und Moratorium

Keinen Reim könne sich die Öffentlichkeit darauf bilden, dass einerseits derart viele Ärzte aus dem Ausland rekrutiert würden, und andererseits junge Inländer wegen des Numerus Clausus' nicht Medizin studieren dürften.

"Je mehr man sich den Bergen und Alpen nähert, desto grösser wird der Hausärztemangel", sagt Hählen. Statistisch belegt sei, dass in peripheren Kantonen das Durchschnittsalter Richtung 60 gehe.

In den nächsten Jahren würden diese in Ruhestand treten. Nachfolger gäbe es kaum. Dieser Umstand sei eine "Zeitbombe". Ärztemangel sei immer ein Hausärztemangel.

Die Kantone könnten dieses Problem entschärfen, so Hählen, täten es aber nicht: Vielfach habe ja ein Praxisstopp (Ärztemoratorium) bestanden – wobei die Kantone Ausnahme bewilligen durften. Auf diese Weise hätten in attraktiven Regionen die Spezialisten zugenommen, während in der gleichen Zeit zum Beispiel im Berner Oberland kein einziger Praktiker mehr eröffnet habe und Praxen zu gingen.

Die vielen ausländischen Ärzte, die sich heute in den Spitälern konzentrieren, werden laut Hählen ebenfalls wenig Lust darauf haben, Landpraxen zu übernehmen.

"Die Kantone müssten die Platzierungen etwas besser mit dem Bedarf abgleichen", findet Hählen. "Ein Praktiker in Meiringen oder in Appenzell wäre nötiger als ein weiterer Augenarzt in einer Grossstadt."

Wenig Zukunft für die Zunft

Er selbst fühlt sich in der Lenk überaus glücklich. Doch auch er wird in den nächsten Jahren an die Pensionierung denken und wäre noch glücklicher, würde er einen Nachfolger finden. "Ich habe schon mit vielen jungen Kollegen gesprochen. Einige wären gerne gekommen, aber ihre Ehefrauen oder Partnerinnen nicht."

"Für mich ist die Gegenwart zwar perfekt. Ich wurde Hausarzt, weil ich die Vielfalt wollte – nur eine Zukunft für meine Zunft sehe ich nicht."

swissinfo, Alexander Künzle

Hausärzte

In die Kategorie "Hausärzte" fallen Allgemeinmediziner, Internisten und Kinderärzte.

Die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) zählt in ihrer Statistik folgendes auf:

Ärzte für innere Medizin gibt es 3316,
Ärzte für Kinder- und Jugendmedizin gibt es 771,
Allgemeinmediziner gibt es 3513.

Insgesamt gibt rund 17'000 Ärzte mit Praxistätigkeit.

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Vertragszwang: Muss nicht sein

Am 1. Juni stimmen Volk und Stände über einen neuen Verfassungsartikel in Sachen Gesundheitswesen-Finanzierung ab.

Die Ärzteschaft hat sich gegen die neuen Vorschläge ausgesprochen, weil sie eine Aufweichung des so genannten Vertragszwangs fürchtet. Dies hätte ein "Kassendiktat" zur Folge.

Der Vertragszwang zwingt die Krankenkassen, mit jedem Arzt, der eine Zulassung erhalten hat, abzurechnen, egal ob er nun billig oder teuer behandelt.

Beat Hählens Meinung als Hausarzt lautet aber anders. Er wäre "gar nicht so unglücklich, wenn der Vertragszwang wegfiele". Denn dann wäre nicht nur die Krankenkasse nicht mehr verpflichtet, mit ihm zu arbeiten – er als Arzt könnte endlich entscheiden, mit einer bestimmten Kasse nicht mehr zusammenzuarbeiten.

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Tarmed

Tarmed ist der Einzelleistungstarif, der für sämtliche in der Schweiz erbrachten ambulanten ärztlichen Leistungen im Spital und in der freien Praxis Gültigkeit hat.

Einzelleistungstarife im Krankenversicherungsbereich müssen auf einer gesamtschweizerisch vereinbarten Tarifstruktur beruhen.

Tarmed wird seit Anfang 2004 flächendeckend angewendet.

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