Pflegefachleute gehen weltweit auf die Barrikaden

Im Juli gingen britische Pflegefachleute in London auf die Strasse, um höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu fordern. Keystone / Andy Rain

Nach Monaten des Kampfs gegen das Coronavirus fordert das Pflegepersonal auf der ganzen Welt bessere Arbeitsbedingungen. Auch in der Schweiz sind Aktionen und Demonstrationen geplant. Derweil zögert das Parlament, die Situation des Pflegepersonals nachhaltig zu verbessern.

Dieser Inhalt wurde am 16. September 2020 - 21:00 publiziert

Vereinigte Staaten, Neuseeland, Frankreich, Peru, Simbabwe: Überall streiken Pflegefachleute, um bessere Arbeitsbedingungen zu fordern. Die Coronavirus-Pandemie brachte die Härte des täglichen Lebens der Beschäftigten im Gesundheitswesen ins Scheinwerferlicht. Unterbesetzung, schlechte Bezahlung, mangelnde Anerkennung: Die Extremsituation, in der sich das Pflegepersonal in den letzten Monaten befand, gibt den seit Jahrzehnten erhobenen Forderungen neuen Auftrieb.

Auch in der Schweiz gewinnt die Bewegung an Dynamik: Verbände und Gewerkschaften schlossen sich zusammen, um eine Allianz der Berufe im Gesundheitssektor zu gründen. Für Ende September ist eine Protestwoche geplant, auf die am 31. Oktober eine Aktion vor dem Bundeshaus in Bern folgen soll.

Schüchterne Reaktion im Parlament

Das Parlament debattiert gegenwärtig über die Eidgenössische Volksinitiative "Für eine starke Pflege (Pflegeinitiative)". Diese wurde 2017 vom Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) eingereicht.

Die Abgeordneten fordern das Stimmvolk auf, diesen Text abzulehnen, schlagen aber ein indirektes Gegenprojekt vor. Dieses soll einige der Ziele der Initiative erreichen: die Ausbildung unterstützen und die Fähigkeiten des Gesundheitspersonals verbessern.

Die beiden Kammern diskutieren derzeit die Einzelheiten dieses Gegenvorschlags. Im Zentrum steht die Verpflichtung der Kantone, jungen Menschen in Ausbildung finanziell zu helfen. Sowie auch Leistungsrückerstattungen durch die Grundversicherung, die von Pflegefachleuten auf selbständiger Basis erbracht werden.

Der SBK bedauert jedoch, dass der Entwurf des Parlaments keine Massnahmen gegen Personalknappheit und zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen enthält. 46% der Pflegefachleute verlassen ihren Beruf, wie eine Studie des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums zeigte. Es ist die höchste Rate unter den Fachleuten in der Branche.

Schweiz als gute Schülerin, aber…

Während die Schweiz im internationalen Vergleich zwar einen der höchsten Anteile von Pflegefachleuten pro Kopf aufweist, sind einige Indikatoren dennoch besorgniserregend.

So gehört ihre Vergütung im Verhältnis zum Schweizer Durchschnittslohn zu den niedrigsten in den OECD-Ländern. Das zeigt die neuste Ausgabe von "Gesundheit auf einen Blick", herausgegeben von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die 2019 veröffentlicht wurde.

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Zudem rangiert die Schweiz mit einem Anteil von 25% an zweiter Stelle derjenigen Staaten, die am meisten im Ausland ausgebildete Pflegefachleute beschäftigen. Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigen darüber hinaus, dass 36% der Pflegefachleute keine Schweizer Staatsangehörigen sind: 13% sind Deutsche, 12% Franzosen und 3% Italiener.

Diese Abhängigkeit von ausländischen Fachkräften, namentlich von Grenzgängerinnen und Grenzgängern, trat während der Pandemie besonders stark hervor: Als die Staaten während des Lockdowns ihre Grenzen schlossen, musste die Schweiz mit ihren Nachbarländern verhandeln, um die Freizügigkeit des Gesundheitspersonals zu ermöglichen und das Funktionieren ihrer Institutionen zu gewährleisten.

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Diese Situation setzt sich mit dem erneuten Aufflammen des Coronavirus und den Quarantänen fort, die bei der Einreise aus gefährdeten Regionen in die Schweiz verhängt werden: Die Regierung setzte etwa bestimmte französische Departements auf die rote Liste, stellte aber klar, dass für Grenzgebiete Ausnahmen vorgesehen sind.

Angespannte Situation vor Ort

Eine internationale Studie aus dem Jahr 2012 zeigt, dass Schweizer Pflegefachleute mit ihrem Arbeitsumfeld im Vergleich zu anderen europäischen Ländern eher zufrieden sind und weniger unter geistiger Ermüdung leiden.

Aber eine Ende 2019 von der Gewerkschaft Unia durchgeführte Befragung des Schweizer Pflegepersonals ergab, dass 90% der befragten Pflegefachleute der Meinung waren, unter Druck zu arbeiten. Und 87% meinten, sie hätten nicht genügend Zeit, um sich den Patientinnen und Patienten zu widmen. Eine Mehrheit gab an, Dienstleistungen bündeln zu müssen, ohne die Ruhezeiten respektieren zu können, und nicht genug Zeit für Familie und Freizeit zu haben.

Unsere Umfrage über den Alltag der Pflegefachleute in der Schweiz bestätigt den Stress, die Überlastung und den Zeitmangel, sich den Patienten widmen zu können. Die Befragten prangerten auch den Druck seitens der Vorgesetzten und die Geringschätzung des Pflegepersonals an.

"Um auch in Zukunft eine gute Pflege zu gewährleisten, braucht es ausreichend Personal und gute Rahmenbedingungen", sagt SBK-Präsidentin Sophie Ley. "Eine Ausbildungsoffensive wird nicht ausreichen, wenn fast die Hälfte von ihnen den Beruf aufgibt."

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