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Asymmetrie der Sympathien

Ist die Fiskal-Idylle an Schweizer Gestaden imageschädigend oder nicht?

(picswiss.ch)

Prominente Steuerflüchtige und Unternehmer sorgen mit ihrem Umzug in die Schweiz für Schlagzeilen.

Der Exodus der Steuerflüchtigen und Unternehmer aus Deutschland ist primär ein deutsches Inlandproblem und weniger ein Schweizer Imageproblem.

In den letzten Wochen gab es fette Schlagzeilen über den bayerischen "Molkerei-Mogul" Theo Müller, der nach Erlenbach an der Zürcher Goldküste umzieht. Er will dem deutschen Fiskus die Erbschaftssteuer nicht zahlen, die wegen der Übertragung des Unternehmens an seine Söhne anfallen würde – falls er bliebe.

"Steueroase für Steuerflüchtige", "geräuschlose Teutonenwanderung" und "aussereuropäische Versenkung der Schweiz" lauteten die Schlagzeilen in der Schweizer Presse. Der Medienrummel zeigt, dass man im Inland befürchtet, wegen diesen Absetzbewegungen könnte der bereits angeschlagene Ruf der Schweiz im Ausland weiter ramponiert werden.

Kein Vorwurf an die Schweiz

Doch wählen offenbar die Deutschen die Schweiz nicht zum Wohn- und Firmensitz, weil sie die Schweizer Vorzüge so sehr schätzen, sondern weil sie in erster Linie den Zuständen in Deutschland selbst entfliehen.

Unternehmern in Deutschland mache, losgelöst von der Steuerfrage, die Überreglementierung zu schaffen, sagt Martin Theurer, Direktor der Handelskammer Deutschland-Schweiz in Zürich. "In der Schweiz gibt es aus deutscher Sicht zwar keine kapitalistischen Auswüchse wie in den USA, aber andererseits auch keine Missbräuche auf Arbeitnehmerseite."

Aufgrund der Art der Anfragen aus Deutschland in seiner Handelskammer in Zürich findet Theurer eher "den Drang beängstigend, aus Deutschland raus zu wollen als den Drang, in die Schweiz rein zu wollen".

"Ausflaggen" als Nationalhobby

Diesen Drang verspüren in Deutschland nicht nur Prominente. Laut einer jüngst publizierten Gallup-Umfrage packten 2002 rund 600'000 "nicht prominente" Deutsche ihre Koffer und zogen ins Ausland, um zu arbeiten. "Ausflaggen" nennt sich das im Jargon.

Prominente Absetzbewegungen à la Theo Müller "werden von immer mehr Leuten in Deutschland verstanden", sagt Fritz Dinkelmann, während Jahren SR DRS-Korrespondent in Berlin, gegenüber swissinfo.

"Deutschland muss sich darüber nicht wundern, denkt sich heute schon mancher Deutsche", sagt Dinkelmann. "Bei solchen legalen Sitzverlegungen macht man in Deutschland der Schweiz keine Vorwürfe."

Das gelte natürlich nicht für die ganze Schwarzgeld- und Steuerflucht-Thematik. "In diesem Bereich hat die Schweiz nach wie vor Imageprobleme." Dinkelmann reiht dies jedoch in einen grösseren Problemkreis ein, in "den Egoismus der Schweiz".

Schweizer Egoismus am Pranger, nicht Steueroase

Dies bestätigte auch eine Umfrage, die "Präsenz Schweiz" Anfang Jahr bei der Uni Bern und "Input" in Auftrag gegeben hatte. Nicht die Steueroase, sondern das Manko an internationaler Zusammenarbeit stört die befragten Meinungsmacher in den Nachbarländern.

"In den grossen Zügen stimmen auch die Meinungen in Frankreich mit denen in Deutschland überein", sagt Martial Pasquier, Professor am Institut des hautes études en administration publique bei Lausanne und Mitautor dieser Umfrage, gegenüber swissinfo.

Fast 70% der befragten deutschen Meinungsmacher wissen zwar, dass das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in der Schweiz gegründet wurde. Doch Geschichte allein genügt offenbar nicht.

Das Image-Minus im Bereich der "Unterstützung von humanitären und menschlichen Anliegen" schmerzt umso mehr, als die Aussenpolitik der Schweiz, dem Depositarstaat der Genfer Konventionen, ihre Akzente ausgerechnet in diesem Bereich zu setzen versucht.

"Alle diese aussenpolitischen Aktivitäten der Schweiz interessieren in Deutschland keinen Menschen, solange die Schweiz nicht Mitglied der EU wird", doppelt Dinkelmann aus deutscher Sicht nach. "Wer das in der Schweiz anders sieht, macht sich etwas vor."

Das sehe man auch in der deutschen Berichterstattung über die Schweizer Parlamentswahlen: Bei der Erwähnung von Blocher und seiner Partei werde, so Dinkelmann, immer seine EU-Gegnerschaft in den Vordergrund gestellt. "Und das nicht immer nur im negativen Sinn..."

Dass die Schweiz nicht EU-Mitglied ist, wissen zwar laut Präsenz-Schweiz-Umfrage 95% der deutschen Meinungsmacher. Aber nur 41% wissen, dass die Schweiz UNO-Mitglied geworden ist.

"Absolute Asymmetrie" der Gefühle

In Deutschland sei "die naive Gläubigkeit gegenüber allem Schweizerischen" geblieben, so Martin Theurer. Trotz Swissair-Grounding glaubten die Deutschen immer noch, dass in der Schweiz "die Berge höher sind und die Schokolade süsser ist".

Dem gegenüber habe wegen der Flughafen-Situation die Häme und teils sogar die Gehässigkeit der Schweizer im Raum Zürich gegenüber Deutschland stark zugenommen.

"Diese totale Asymmetrie in der gegenseitigen Einschätzung zwischen Deutschen und Schweizern ist frappierend", sagt Theurer, ein seit Jahren in der Schweiz ansässiger Deutscher. Eine derart grosse Diskrepanz in der gegenseitigen Einschätzung hat Theurer in keinem der Länder, in denen er bisher gearbeitet hat, erlebt.

Frankreich: Mehr Prominente als Unternehmer

Der Unternehmer-Exodus ist in Frankreich weniger ein Thema. "In den sechziger Jahren kam wegen der Wechselkurs-Restriktionen eine erste Welle von französischen Industriellen in die Schweiz, nach der Machtübernahme der Sozialisten 1981 eine zweite", sagt der Lausanner Professor Martial Pasquier.

Jetzt spreche man vor allem von einzelnen Prominenten, die hier ihre Ruhe suchten und mit ihren Schweizer Wohngemeinden Steuerpauschalen ausmachten. Französische Steuerflüchtige würden eher nach Monaco ausweichen.

Die Schweiz figuriere in der Image-Hitliste bei französischen Meinungsmachern nach Kanada und Frankreich an dritter Stelle, zitiert Pasquier seine für "Präsenz Schweiz" gemachte Umfrage – zusammen mit Italien und Belgien.

swissinfo, Alexander Künzle

Fakten

Nicht alle verlegen ihren Sitz mit Mediengepolter in die Schweiz wie Theo Müller. Beispiele für "stillere" Sitzverlegungen:
John Deere von Mannheim nach Schaffhausen (US-Firma)
Cargills internationale Verkaufstochter in Genf (US-Firma)
Gilette von London nach Genf
Ralph Laurens europäischer Sitz von Paris nach Genf

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In Kürze

Klischee und Wahrheit: Nicht nur Steuerflüchtige zieht es in die Schweiz.

Deutsche Erbschaftssteuer auf Betriebsvermögen:
Der "mittelständische Molkerei-Mogul" Theo Müller verlegt seinen Wohnsitz nach Erlenbach, weil er sich in Deutschland diskriminiert fühlt. Er müsste dort, weil er sein Unternehmen seinen Kindern übergeben will, wie ein Privatmann umgerechnet 350 des 760 Mio. Franken betragenden Eigenkapitals seiner Firma als Erbschaftssteuer dem Fiskus abliefern.

Überreglementierung in Deutschland:
Die Schweiz weist flexiblere Arbeitsmärkte, niedrigere Steuern und tiefere Lohnnebenkosten als Deutschland aus, obschon die Löhne selber höher sind. Die Mitbestimmung von betriebsfremden Gewerkschaftern stört Unternehmer in Deutschland. So hat Klaus-Michael Kühne den Hauptsitz seines Logistik-Unternehmens Kühne & Nagel in die Schweiz verlegt, weil ihm die Schweiz als Wirtschaftsstandort eher zusagt.

Steuerrechtlicher Wohnsitz:
Das Beispiel von Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher zeigt, dass auch Ausländer ohne Erwerbstätigkeit in der Schweiz dieses Land attraktiv finden. Sie werden nicht unbedingt nach ihrem effektiven Einkommen besteuert. Hier spielt die Steueroase eine Rolle.

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