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Bürgerliche Frauen schlagen härtere Gangart an

Sibylle Burger-Bono, Präsidentin des Dachverbandes alliance F, im Gespräch mit swissinfo.

(swissinfo.ch)

An den Aktionen zum Internationalen Frauentag vom Montag machen in der ganzen Schweiz auch viele bürgerliche Frauen mit. Dies nach der "Ohrfeige" bei den letzten Bundesrats-Wahlen.

Weiterer Grund ist die Referendums-Attacke auf die Mutterschafts-Versicherung von rechts-konservativen Politikern.

"Ein schwarzer Tag für die Frauen – Backlash ist Realität!" Solche Töne hatte man von bürgerlichen Frauen lange nicht mehr gehört. Grund für die Empörung waren die Bundesrats-Wahlen vom vergangenen 10. Dezember, als die beiden bürgerlichen Politikerinnen Ruth Metzler und Christine Beerli nicht wieder-, beziehungsweise nicht gewählt wurden.

Der rechtskonservative "Putsch" mit der Wahl der beiden "alten" Männer Christoph Blocher (64) und Hans-Rudolf Merz (62) aktivierte auch viele junge Frauen. An der grossen Protestdemonstration mit 15'000 Menschen hatte es jedenfalls besonders viele Frauen, die zum ersten Mal auf die Strasse gingen.

Die Fäden des Protestes liefen bei alliance F zusammen, dem Dachverband der bürgerlichen Frauenorganisationen. Der lautstarke Protest gegen den Wahlausgang war aber keine Eintagsfliege. Alliance F unterstützt das Referendum der Linken gegen die 11. AHV-Revision, welche insbesondere den Frauen eine Reihe von Nachteilen bringen würde.

Sibylle Burger-Bono, die Präsidentin von alliance F, erklärt im Gespräch mit swissinfo auch diesen Wandel.

swissinfo: Alliance F macht heuer erstmals mit am Internationalen Frauentag vom 8. März, dem traditionellen Aktionstag sozialistischer Frauen. Ist künftig ein gemeinsamer Weg möglich?

Sibylle Burger-Bono: Wir haben den 8. März immer wahrgenommen, aber anders begangen. Unser Weg ist nicht unbedingt, auf die Strasse zu gehen, aber sehr wohl, Solidarität zu zeigen. Auch in diesem Jahr. Wichtig ist die Solidarität vor allem mit den ganz jungen Frauen, die nach dem 10. Dezember auf die Strasse gegangen sind und jetzt politisiert werden.

swissinfo: Die Bundesratswahlen vom 10. Dezember waren mit der Abwahl Ruth Metzlers und der Nichtwahl Christine Beerlis eine Ohrfeige für alle Frauen, besonders aber für die bürgerlichen. Empfanden Sie eine persönliche Demütigung?

S.B.B.: Nein, aber es hat mir für Beide wahnsinnig leid getan. Es hat mich auch wütend gemacht. Es war die Bestätigung eines Trends, den wir schon seit längerer Zeit gespürt haben: Dass man gegenüber den Anliegen der Gleichstellung gleichgültiger geworden ist.

swissinfo: Nach dem 10. Dezember war viel von Frauensolidarität die Rede. Gibt es eine solche, besonders wenn man bedenkt, dass sich die SVP-Frauen bereits vom geplanten nationalen Frauenkongresses für 2005 distanziert haben?

S.B.B.: Da müssen wir Sach- und Wahlebene auseinanderhalten. Die Wahlsolidarität funktioniert nicht. Eine solche werden wir auch nie erreichen, weil sich dort unterschiedliche politische Haltungen zeigen.

Auf der Sachebene hingegen funktioniert die Frauensolidarität. Wir haben in den letzten Jahren eine enge Zusammenarbeit erreicht, über die Grenzen aller Bundesrats-Parteien inklusive Grüne hinweg.

swissinfo: Die Staatskasse ist leer, die Zeche sollen gerade die Frauen bezahlen. Stichwort 11. AHV-Revision, welche die Erhöhung des Frauen-Rentenalters ab 2009 auf 65 Jahre vorsieht. Was sind Ihre Alternativen?

S.B.B.: Alliance F hat das Referendum gegen die 11. AHV-Revision unterstützt, obwohl wir als Verband für das Rentenalter 65 für Frauen sind. Aber bevor nicht endlich der Mutterschutz da ist, gibt es mit uns keine Diskussion mehr über solche Fragen. Viele Frauen sind der Meinung: 'Wenn nicht mal dies funktioniert, könnt ihr alles andere vergessen!' Das trage ich voll mit.

swissinfo: Hat demnach eine Radikalisierung der bürgerlichen Frauen stattgefunden?

S.B.B.: Ja, teilweise schon. Bei den freisinnigen Frauen kann ich das klar feststellen, auch bei den CVP-Frauen. Bei den SVP-Frauen eher nur in den Kantonen Bern und Graubünden.

swissinfo: "Der Backlash ist Realität!", sagten Sie im Dezember. Das gilt auch bei der Mutterschafts-Versicherung, die aus freisinnigen Kreisen stammt und jetzt aus FDP- und SVP-Kreisen bekämpft wird. Was entgegnen Sie Ihren bürgerlichen Kollegen?

S.B.B.: Wir versuchen klarzumachen, dass im Moment vor allem das Gewerbe den Preis zahlt. Viele Gesamtarbeitsverträge sehen einen Mutterschafts-Urlaub von 14 bis 16 Wochen vor, und der geht voll zu Lasten der Arbeitgeber. Das kann bei kleinen und mittleren Unternehmen, die in der Schweiz über 90% aller Unternehmen ausmachen, match-entscheidend sein.

Bei den Blockzeiten überlegen sich die FDP-Frauen ernsthaft, ob sie nicht eine Volksinitiative lancieren wollen. Der Herbst-Schulanfang musste auch auf diesem Weg eingeführt werden.

swissinfo: Jahrzehntelange Gleichstellungs-Politik hat den Frauen kaum Verbesserungen gebracht. Frauenlöhne sind immer noch bis zu einem Drittel tiefer, Teilzeitarbeit ist immer noch mehrheitlich Frauensache. Braucht es da neue Strategien und Qualitäten?

S.B.B.: Heute haben wir nicht mehr die Möglichkeit zu grossen Gesetzesentwürfen, denn rechtlich ist die Gleichstellung zum grössten Teil erreicht. Das Problem ist, dass sie im täglichen Leben nicht funktioniert.

Frauen sind in verschiedenen nicht frauentypischen Berufen massiv im Vormarsch, beispielsweise im Malergewerbe und bei den Immobilien-Treuhändern. Dort, wie übrigens auch an den Universitäten, sind die Frauen bei den Abschlüssen bei den Besten. Danach verschwinden sie. Dort ist die Schnittstelle, an der Gleichstellung einsetzen muss.

swissinfo: Ist in dieser frauenpolitisch eher düsteren Grosswetterlage ein neues Bewusstsein der Frauen am Entstehen?

S.B.B.: Ich weiss es nicht. Für mich steht aber ganz klar fest, dass es ohne eine höhere Beteiligung der Frauen in der Arbeitswelt für uns wirtschaftlich ganz, ganz schwierig wird. Ein höheres Wachstum in der Schweiz ist nur über diese Schiene möglich, ausser man lässt eine massive Zuwanderung zu.

Eine Volkswirtschaft kann es sich ganz klar nicht leisten, dass sie einen grossen Teil der Leute ausbildet, sie danach aber nicht beschäftigt. Das ist in unserer hochtechnologisierten Welt nicht möglich.

swissinfo: Also doch noch eine optimistische Perspektive: Die Ressourcen der Frauen als Pfand für die künftige wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz?

S.B.B.: Das wäre schön!

swissinfo, Renat Künzi


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