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Der einst kämpferische Jura will den Dialog

Noch heute ist die "Jurafrage" in den Landschaften zu lesen.

(swissinfo.ch)

Heute herrscht keine Kampfstimmung mehr. Es gilt vielmehr die interkantonale Zusammenarbeit unter Ägide der interjurassischen Versammlung (AIJ).

Aber eines ist sicher: Die "Jurafrage" war mit dem Plebiszit von 1974 nicht geregelt worden. Der Konflikt schwelte noch lange weiter.

"Die jurassische Regierung bleibt dem Gedanken eines Kantons mit sechs Bezirken (drei jurassische und drei zum Berner Jura gehörende) verbunden, aber ohne jeden Zwang", erklärte vor kurzem Regierungspräsident Jean-François Roth in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur SDA. "Wir wollen keine neuen Spannungen".

Damit bekräftigt er die bereits 1993 eingeleitete Wende, als der Kanton Jura sich offiziell los sagte von der militanten Strategie, wie sie von Roland Béguelin, dem führenden Kopf im jurassischen Unabhängigkeitskampf, vertreten wurde: In der Frage einer historischen Wiedervereinigung der jurassischen Bezirke gab sich der inzwischen verstorbene Béguelin stets kompromisslos gegenüber Bern.

Die jurassischen Behörden anerkannten also die Existenz eines Berner Jura und überliessen es dessen Bevölkerung, zu entscheiden, ob sie in der Frage eines Zusammenschlusses initiativ werden wollte.

Chaos, juristische Spitzfindigkeiten und prekäres Gleichgewicht

Diese Vereinbarung kam erst nach jahrelangem Durcheinander zu Stande. Denn das Plebiszit von 1974 hatte die Spannungen nur verschoben, statt sie zu lindern: Nachdem der Norden seinen Status als souveräner Kanton erlangt hatte, begann es, im Süden zu brodeln, besonders im Bezirk Moutier.

Vielleicht hätte man eine Lösung erreicht, "wenn es nach dem Sieg der Separatisten in berntreuen Kreisen nicht zu einem solchen Aufruhr gekommen wäre. Sie konnten nicht verstehen, dass sie die Abstimmung verloren hatten", sagt der Journalist und Verfasser der Schrift "Die Jurafrage" (Collection Le savoir suisse), Alain Pichard.

"Béliers" contra "Sangliers"

Die 70er und 80er Jahre waren sehr gespannt und geprägt von zahlreichen Zusammenstössen zwischen den jurassischen "Béliers" und den als Reaktion von jungen Anti-Separatisten auf die Beine gestellten "Sangliers".

Und dann flog die berüchtigte Affäre der "schwarzen Kassen" auf: 1985 wurde ruchbar, dass die Berner Behörden den anti-separatistischen Bewegungen grosszügige Finanzspritzen verabreicht hatten, und das seit 1974.

Nicht der einzige Skandal, wenn man das Vorgehen der bernischen Regierung in der Geschichte des Laufentals dazu rechnet. Die Nordjurassier versuchten deshalb auf etlichen juristischen Schleichwegen, die Karte ihres Kantons zu ihren Gunsten zu verändern und zu vergrössern. Diesen Versuchen setzte das Bundesgericht 1991 ein Ende.

Neue Perspektive



Und 1993 zeichnete sich in der Jurafrage eine neue Perspektive ab: Sie sollte nach entsprechender Vermittlung der Eidgenossenschaft ("Bericht Widmer") in einer gegenseitigen Anerkennung zwischen dem Kanton Jura und dem Berner Jura münden.

Die Gründung einer "Interjurassischen Versammlung" (AIJ) im folgenden Jahr sollte den Gesinnungswechsel konsolidieren. Sie setzte auf Dialog und Konsens in allen anfallenden Belangen mit dem Ziel, gemeinsame Abkommen und Institutionen in die Wege zu leiten.

Vom Traum zur Wirklichkeit

Dem militanten Flügel des Rassemblement jurassien schwebte ein fortschrittlicher und sozialer Modellstaat vor. Die Wirklichkeit hat die Idealisten inzwischen eingeholt. Wie zahlreiche andere Schweizer Kantone durchläuft der Kanton Jura eine wirtschaftliche Krise.

Haushaltdefizit, Sparschraube, Arbeitslosigkeit. Und seine periphere Lage macht den Kanton zusätzlich anfällig. Obwohl die Bevölkerung des neuen Kantons ein regelmässiges Wachstum verzeichnet hat, besteht nun das Risiko einer rückläufigen Tendenz. Etwas, das er mit dem Berner Jura gemeinsam hat ...

Generationenwechsel

Auf politischer Ebene steht der "vernünftigen" Haltung der Behörden eine gewisse Demotivation der Jugend gegenüber. "Es ist klar, dass die Gründung des Kantons für die neue Generation schon eine alte Geschichte ist", stellt Alain Pichard fest.

"Das ist übrigens eines der Probleme der interjurassischen Versammlung: Sie kommt nur langsam voran, weil sie zerschlagenes Geschirr flicken muss. Und je mehr Zeit parallel dazu vergeht, desto mehr verblasst das Ideal der Einheit im gleichen Kanton", fügt er bei.

Suche nach Identität geht weiter

Und doch probieren es einige manchmal wieder mit kämpferischen Methoden: so lancierte etwa die jurassische Autonomiebewegung (Nachfolgerin des Rassemblement jurassien) 2003 eine Volksinitiative unter dem Namen "Un seul Jura" (ein einziger Jura). Aber die Kantonsregierung hat das Parlament aufgefordert, das Begehren für ungültig zu erklären, weil es dem Abkommen von 25. März 1994 zuwider laufe.

Mit der Absicht, das Bevölkerungswachstum anzuregen, legte Regierungspräsident Jean-François Roth das Projekt "Jura - pays ouvert" vor; das jurassische Stimmvolk sagte jedoch im Frühling Nein dazu ... Zwischen Wirtschaftskrise und dem Willen zum Aufschwung, zwischen der Sehnsucht nach Einheit und dem Respekt des erzielten Gleichgewichts sucht der Jura immer noch seine Identität.

Aber eines ist sicher: Wer sich zum Beispiel von Tramelan nach Saignelégier begibt, stellt fest, dass sich Wiesen, Tannen und Viehherden, ob nun im "Norden" oder "Süden" nicht voneinander unterscheiden lassen.

swissinfo, Bernard Léchot
(Übertragung aus dem Französischen: Monika Lüthi)

Fakten

Alain Pichard ist seit fast 25 Jahren Journalist bei der Tageszeitung "24 Heures".

Er verfolgt das Jura-Dossier seit 1974 und hat zum Thema ein Buch geschrieben ("Die Jurafrage").

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In Kürze

Der Kanton Jura feiert dieses Jahr sein 30-jähriges Bestehen und das 25-jährige Jubiläum der vollen Souveränität.

Um dieses Doppeljubiläum zu würdigen, bietet der Kanton ein reichhaltiges Programm mit kulturellen und volkstümlichen Veranstaltungen an.

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