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Einbürgerung - ein Schritt zur Integration

Der Migrationsexperte Etienne Piguet bezeichnet die Integration der ausländischen Bevölkerung in die schweizerische Gesellschaft als Erfolgsgeschichte.

Gegenüber swissinfo spricht er sich für Sprachtests im Einbürgerungsverfahren aus, hat aber wenig Verständnis für so genannte "Gesinnungstests".

Dass Sprachkenntnisse, eine gute Ausbildung und der Zugang zur Arbeitswelt wichtige Faktoren für eine erfolgreiche Integration sind, wie das im jüngst veröffentlichten Bericht des Bundesamtes für Migration zum Ausdruck kam, ist für Etienne Piguet nichts Neues.

Auch dass Ausländerinnen und Ausländer die hiesigen Gesetze respektieren müssen, ist für den Migrations- und Integrationsexperten der Universität Neuenburg selbstverständlich.

swissinfo: Was bedeutet für Sie Integration?

Etienne Piguet: Integration ist Partizipation, die Möglichkeit, sich auf verschiedenen Gebieten der Gesellschaft zu beteiligen: am Arbeitsmarkt, in der Schule, an kulturellen Aktivitäten.

Auch die politische Partizipation ist ein wichtiger Aspekt. Das kann über die Einbürgerung geschehen, aber auch durch ein Stimm- und Wahlrecht für Ausländerinnen und Ausländer.

swissinfo: Ist die Schweiz mit ihrer Integrationspolitik auf gutem Weg?

E.P.: Ja, die Integration greift. In den letzten 50 Jahren war die Schweiz das grösste Einwanderungsland Europas, die Integration verlief angesichts dieser Tatsache gut.

swissinfo: Wieso kennt die Schweiz mit einem Ausländeranteil von 22% keine Ghettos wie zum Beispiel Frankreich oder Deutschland?

E.P.: Einerseits hat das mit den relativ kleinen Schweizer Städten zu tun. Wichtigster Faktor ist aber die Geografie des Arbeitsmarktes. Die Ausländer, darunter viele Saisonniers, arbeiteten im Tourismus in den Bergregionen, in der Landwirtschaft, im Baugewerbe, im Gastgewerbe. Und dies nicht nur in den Städten.

Dass die Arbeitslosigkeit unter Ausländern, je nach Nationalität, höher ist als bei Schweizern, ist ziemlich neu. In den 60er-, 70er-Jahren war die Arbeitslosigkeit unter Ausländern relativ tief. Denn ohne Arbeitsvertrag gab es keine Einwanderung.

Wer die Arbeit verlor, musste zurück. In den 70er-Jahren mussten über 100'000 Italiener ausreisen. Dies ist heute nicht mehr der Fall. Sollte die Arbeitslosigkeit weiter zunehmen, könnte es künftig jedoch Integrations-Probleme geben.

swissinfo: Verschiedene europäische Länder prüfen nicht nur die Sprachkenntnisse von Einbürgerungskandidaten, sondern führen so genannte "Gesinnungstests" durch. Garantieren solche Massnahmen eine erfolgreiche Integration?

E.P.: Solche kulturellen Tests, wie sie in einigen Ländern durchgeführt werden, waren in der Schweiz in den 60er- und 70er-Jahren Praxis. Erinnern wir uns nur an den Film "Die Schweizermacher" aus den 70er-Jahren. Gewisse Gemeinden kennen sie noch immer.

Wir sind von diesen teils grotesken Prüfungen weitgehend weggekommen. Würden solche Tests hier wieder praktiziert, wäre das erstaunlich.

Man kann Forderungen stellen, die integrationsfördernd sind. Sprache kann ein objektives Kriterium sein. Schwieriger ist es bei Fragen, die subjektiv sind oder nur gewisse Gruppen betreffen, wie Polygamie, Mann-Frau-Beziehungen oder das Schleiertragen. Wer sich einbürgern lassen will, kann die richtigen Antworten einfach auswendig lernen.

swissinfo: Spielt bei gewissen Fragen, wie es beispielsweise das deutsche Bundesland Baden-Württemberg praktiziert, nicht ein gewisser Rassismus mit, der sich direkt gegen die muslimische Bevölkerung richtet?

E.P.: Natürlich, das wird auch angeprangert. Ein Tabu dürfen solche Fragen wie Schleiertragen oder Zwangsheirat aber nicht sein. Die Forderung, gewisse Werte sowie die Verfassung zu respektieren, sollte mit den Kandidaten besprochen werden. Aber nicht in einem Test.

swissinfo: Sind die verschärften Einbürgerungsverfahren eine Reaktion auf die Terroranschläge der letzten Jahre? Ist es Ausdruck der Angst vor einer Islamisierung der Gesellschaft?

E.P.: Ja. Es ist für mich eher ein Symptom unserer Angst als ein Instrument der Integration. Integration wird so nicht verbessert. Der Arbeitsmarkt und die Sprache sind Integrationsmittel, die greifen.

Man sollte vermeiden, gesellschaftliche Randgruppen zu kreieren. Vielleicht ist es effizienter, ein Paar einzubürgern, das eine traditionelle Vision der Rolle zwischen Mann und Frau hat, als es zu marginalisieren. Es gibt schliesslich auch Schweizer Paare, die keine gleichberechtigte Beziehung leben.

swissinfo: Ist Europa dabei, sich gegen unerwünschte Fremde abzuschotten und nur jene aufzunehmen, die ihm passen?

E.P.: Man muss unterscheiden zwischen Integrationspolitik und Einwanderungspolitik. Es wird häufig vermischt. Für Arbeiter, Flüchtlinge inklusive Familiennachwuchs, die hier sind und wohl auch bleiben, ist eine gute Integration äusserst wichtig. Welche Immigrationspolitik wir künftig brauchen ist eine andere Debatte.

swissinfo: Sind Werte und Einstellungen wichtig bei der Einbürgerung?

E.P.: Eine Information und Diskussion über die Werte der Gesellschaft könnte durchaus interessant sein. Es gibt Gemeinden, die mit den Kandidaten diskutieren, was Einbürgerung bedeutet und welches die zentralen Aspekte des Staatsbürgers sind. Vielleicht wird dabei klar, dass die Person keineswegs bereit ist, sich zu integrieren. Tests mit Multiple-Choice-Fragen bringen jedoch nichts.

swissinfo: Würden in der Schweiz, wo die Einbürgerung Sache der Gemeinden ist, standardisierte Tests Sinn machen?

E.P.: Wir haben 2002 eine Studie über Einbürgerung in den Gemeinden durchgeführt. Dabei haben wir enorme Unterschiede festgestellt. Jemand aus der Türkei, der gut integriert ist, hat in einigen Orten keine Chance, anderorts keine Probleme.

Der Gerechtigkeit halber wären standardisierte Tests und eine Rekurs-Möglichkeit dringend nötig.

swissinfo: Ist die Einbürgerung eine Garantie für eine gelungene Integration?

E.P.: Natürlich nicht. Es ist ein Schritt auf dem Weg zur Integration und nicht eine Krone am Ende eines Prozesses. Für die Ausländer ist es ein Ansporn zur Integration.

swissinfo-Interview: Gaby Ochsenbein

Fakten

Etienne Piguet
Geboren: 20. August 1966 in Montreux
Studium der Wirtschaftspolitik in Lausanne
Seit 2001 Professor am geografischen Institut der Universität Neuenburg
Experte für Migration und Integration
Verfasser verschiedener Bücher und Publikationen, darunter "Die Einbürgerungen in der Schweiz: Unterschiede zwischen Nationalitäten, Kantonen und Gemeinden. Piguet, Etienne und Philippe Wanner. 2000. Neuchâtel: Bundesamt für Statistik.
Eben erschienen im Haupt-Verlag, Bern: "Einwanderungsland Schweiz"

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In Kürze

Wer sich in der Schweiz einbürgern will, muss seit 12 Jahren hier wohnhaft sein.

Eine Einbürgerungsbewilligung des Bundes erhält, wer gut integriert ist und die schweizerische Rechtsordnung kennt.

Die Einbürgerung erfolgt durch den jeweiligen Kanton und die Wohngemeinde.
Die Einbürgerungsverfahren sind je nach Gemeinde sehr unterschiedlich.

2004 lehnte das Stimmvolk eine Verfassungsänderung ab, welche Ausländer der zweiten und dritten Generation unbürokratisch einbürgern wollte.

2005 wurden 39'753 Einbürgerungen vorgenommen, so viele wie nie zuvor.

In der Schweiz leben 1,5 Mio. Ausländer.

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