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Eine Schweizerin in Myanmar "Immer nur diese Erdbeerkonfi!"

Zwei Frauen studieren ein Kochbuch

Therese Hubler (links) schaut sich mit der Burmesin Ma Ame die Buchungen für die nächste Woche an.

(swissinfo.ch/Eva Hirschi)

Therese Hubler, einst Mitbesitzerin eines Gourmetrestaurants in Bätterkinden in Bern, leitet heute ein Gästehaus in Myanmar. Als Asienanfängerin beging sie anfangs einige kulturelle Fauxpas – aber hat daraus viel über das Land gelernt.

"Immer nur diese Erdbeerkonfi, könnt ihr nicht mal eine andere kaufen?", fragt Therese Hubler die drei Burmesinnen, die in der Küche stehen und sie mit grossen Augen anschauen. Die 67-jährige Schweizerin möchte das Frühstücksangebot im Gästehaus "Lei Thar Gone" anpassen.

Bis sie realisiert: Es gibt in Yenangyaung, einer Stadt 550 Kilometer nordwestlich von Yangon, gar keine andere. Denn Burmesen essen ohnehin nie Konfitüre. Zum Frühstück gibt es entweder Reis oder Fischsuppe.

"Als ich beschloss, 2013 nach Myanmar zu reisen, wusste ich gerade mal, dass dieses Land in Asien liegt. Ich musste die Kultur zuerst kennenlernen", sagt Hubler.

Yenangyaung ist von Bagan mit einem Taxi oder mit dem öffentlichen Bus in gut zwei Stunden erreichbar. Gäste werden an der Bushaltestelle kostenlos abgeholt und ins Gästehausexterner Link gebracht. Eine Übernachtung kostet zwischen 25 Dollar (einfaches Einzelzimmer) und 70 Dollar (Suite) für zwei Personen; das Frühstück ist inbegriffen. Beste Reisezeiten für Myanmar: Zwischen November und März.

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Die damals frisch pensionierte Bernerin suchte nach einem Projekt, in welchem sie ihre Fähigkeiten einbringen und etwas bewirken konnte.

34 Jahre lang hatte sie zusammen mit ihrem Ehemann Res Hubler ein Gourmetrestaurant in Bätterkinden im Kanton Bern geführt. Er ein Spitzenkoch, sie Absolventin der Hotelfachschule in Lausanne.

Von Freunden erfuhr sie von einer Schule für Waisenkinder in Myanmar. Daneben war ein Gästehaus am Entstehen, das ein Einkommen für die Schule generieren sollte. Therese Hubler reiste kurzerhand nach Yenangyaung und packte mit an.

Von Checklisten für die Zimmerreinigung über Menüs für das Abendessen bis hin zum Ausstellen von Rechnungen unterstützte und unterrichtete sie die Angestellten, alles Frauen aus schwierigen Verhältnissen, kaum eine mit einer höheren Schulausbildung als drei Jahre. "Aber sie sind wissbegierig und lernen schnell", sagt Hubler.

Schweizerisch angehauchtes Frühstück in Myanmar

Omelette, Müesli und Bananenkonfitüre: Ein burmesisch angehauchtes Schweizer Frühstück.

(swissinfo.ch/Eva Hirschi)

Zwei Mal jährlich reist Hubler seither für jeweils sechs Wochen nach Myanmar, im Dezember war sie zum elften Mal dort. Den Rest des Jahres managet die zweifache Mutter und vierfache Grossmutter die Reservationen von der Schweiz aus, kontrolliert die Buchhaltung, ist mehrmals wöchentlich mit den Angestellten in Kontakt.

Nach der Isolation die langsame Öffnung

Das Problem mit der Erdbeerkonfi ging Therese Hubler nicht aus dem Kopf. Als Restaurateurin wusste sie, dass Gäste Abwechslung brauchen. Wenn es keine andere hat, warum also nicht einfach selber eine machen? Sie überlegte, was für Zutaten das ganze Jahr über in Myanmar vorhanden sind – Bananen, Limetten, Kokosnuss –, und schon stand das neue Rezept.

Würde ihre eigene Kreation den Burmesinnen vielleicht sogar besser schmecken als die Erdbeervariante? Hubler beschloss, gut schweizerisch, ihr Küchenteam degustieren und abstimmen zu lassen. Und beging den nächsten kulturellen Fauxpas: Niemand hob die Hand. Nicht bei der Bananenkonfitüre. Aber auch nicht bei der Erdbeerkonfi.

Was denn jetzt wieder los sei, fragte sie die Burmesinnen. "Ich weiss nicht", oder "Wir finden beide gut", drucksten die Frauen herum. In einem Land, das über 60 Jahre unter einem strengen Militärregime geführt wurde, in dem es über Jahrzehnte verboten war, eine eigene Meinung zu haben, trauten sich die Frauen nicht, zu sagen, welchen Brotaufstrich sie besser fanden.

Gästehaus in einem Wald auf einem Hügel

Das Gästehaus verfügt über ein eigenes Restaurant mit schöner Aussicht.

(swissinfo.ch/Eva Hirschi)

Erst seit 2011 befindet sich Myanmar in einem langsamen Demokratisierungsprozess. "Auch die Gesellschaft braucht Zeit, sich zu verändern", sagt Hubler. Deshalb, so ihre Kultur, wollten die Burmesinnen das antworten, was Hubler als Antwort erwartete – nur war diese Schweizerin so undurchschaubar, dass sie lieber gar nichts statt etwas Falsches sagen wollten.

"Ich musste ihnen langsam beibringen, dass sie eine eigene Meinung haben dürfen und es keine Konsequenzen hat, ob sie die Erdbeer- oder die Bananenkonfi lieber haben", sagt Hubler. Natürlich ging es nicht nur um die Konfitüre, diese aber ist Sinnbild für die Stimmung im ganzen Land, besonders in ländlichen Gebieten.

Das Gästehaus hilft Waisenkindern

Yenangyaung hat ungefähr gleich viele Einwohner wie das bernische Thun. Das Gästehaus liegt am Rande der Stadt auf einem Hügel, von dem man das Ayeyarwady-Delta überblickt. Felder reihen sich an Felder, am Horizont glitzert der Fluss. Touristen zieht es selten hierhin, obwohl die Stadt nur eine gut zweistündige Busfahrt von den historischen Pagoden des Touristenmagnets Bagan entfernt ist.

Älterer Mann mit Waisenkindern

Der Gründer des Gästehauses und der Schule, Eric Trutwein, mit Waisenkindern.

(zVg)

Anfang des 20. Jahrhunderts war die Region rund um Yenangyaung als Erdölförderungs-Gebiet bekannt. Dies ist heute nicht mehr so. Als der Burmese Eric Trutwein nach einiger Zeit in Myanmars grösster Stadt Yangon im Jahr 2000 in seine Heimatstadt zurückkehrte, traf er auf grosse Armut und viele bettelnde Kinder. Erschüttert nahm er einige bei sich auf und begann, ihnen Essen und Unterricht zu geben.

Für sie wollte Trutwein, dessen Urgrossvater aus England stammte, ein Waisenheim bauen, doch er bekam keine Lizenz von der Regierung; Waisenheime waren Klöstern vorbehalten. 2012 erhielt er allerdings die Bewilligung für eine Privatschule, und so eröffnete er ein Jahr später "Light of Love", Licht der Liebe. Inzwischen hat sich die Schule ein Renommee aufgebaut, vom Kindergarten bis zur zehnten Klasse zählt sie rund 180 Kinder.

Finanzielle Unterstützung erhält die Schule von Stiftungen, wie etwa Hirtenkinder aus der Schweiz, Kinderhilfe Birma aus Deutschland und Enfants de Birmanie aus Frankreich. Daneben baute Trutwein das Gästehaus auf: "Damit auch Geld reinkommt, wenn ich einmal nicht mehr da bin", so der 74-Jährige. Inzwischen zählt "Lei Thar Goneexterner Link", was auf Burmesisch "sanfte Brise" bedeutet, 15 Zimmer im Bungalow-Stil, vom einfachen Einzelzimmer bis hin zur Suite. Selbst einen Pool gibt es im Garten. Doch die Anzahl an Gästen ist rückläufig; nicht nur hier.

Mit der langsamen Öffnung des Landes ab 2012 wurde viel in den Tourismus investiert, aber seit zwei Jahren sinkt die Anzahl an Gästen aus Europa und Nordamerika wieder. Die Rohingya-Krise könnte Schuld daran tragen.

Pagode auf einem Hügel

Von der Suite aus sieht man auf eine typische buddhistische Pagode.

(swissinfo.ch/Eva Hirschi)

"Wir werden immer wieder gefragt, ob es nicht gefährlich sei, nach Myanmar zu reisen", sagt Hubler. Doch der Konflikt zwischen der muslimischen Minderheit und dem burmesischen Militär spielt sich hauptsächlich im nördlichen Teil des Gliedstaats Rakhine ab, über 200 Kilometer Luftlinie entfernt. Annullierungen trafen trotzdem ein, und auch heute möchten viele Touristen nicht in ein Land reisen, dessen Regierung des Genozids bezichtigt wird.

Hubler selbst hat sich nie überlegt, Myanmar deswegen zu boykottieren. "Das schadet den Falschen", ist sie überzeugt. Schliesslich würde sie mit ihrem Projekt nicht die Regierung unterstützen, sondern Waisenkinder und Frauen, die kaum Zukunftsperspektiven hätten. Sie werde auf jeden Fall weiterhin nach Myanmar gehen. "Ich bin nicht der Typ, der aufgibt", sagt Hubler, "ich möchte weiterhelfen. Die Menschen hier brauchen eine Zukunft."

swissinfo.ch

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