Jurafahne am Rathaus im Berner Städtchen Moutier provoziert

Die Jurafahne, im Bild neben der Schweizerfahne oben rechts, weht schon lange am Rathaus von Moutier. Aber im gegenwärtigen Klima vor der Abstimmungswiederholung empfinden die Berntreuen sie als Provokation. Alain Meyer

Am Rathaus des Städtchens, das im Kanton Bern liegt, sorgt eine Jurafahne für Wirbel. Denn die eine Hälfte der Bevölkerung will dort keine solche sehen. Zwar steht der Termin für die Wiederholung der Abstimmung über einen Kantonswechsel von Bern zu Jura noch nicht fest. Aber die Provokation verfehlt ihre Wirkung nicht. 

Alain Meyer

Je nachdem, ob man separatistisch, das heisst pro-jurassisch oder anti-separatistisch, also berntreu ist, ist es historisch gerechtfertigt oder absolutes No go, dass die Jurafahne vom Rathaus von Moutier weht. Das Stück Stoff symbolisiert alle Ressentiments und Spannungen beider Lager. 

Diese sind nach wie vor ungebrochen. Diese polarisierte Stimmungslage hängt mit den letzten Erschütterungen in der Jurafrage zusammen, die hier im Herzen des Berner Jura, noch immer einer Lösung harrt.

Moutier ist die letzte Bastion, gewissermassen der letzte Fleck Erde, um das die beiden Lager streiten. "Sehen Sie an einem offiziellen Gebäude in Moudon oder in einer anderen Ortschaft im Kanton Waadt eine Genfer Fahne wehen?", fragt Marcelle Forster vom Komitee Moutier-Prévôté. "Ein solches Szenario ist an keinem anderen Ort vorstellbar, ausser hier in Moutier."

Forster und ihre Gruppe kämpfen für den Verbleib des Städtchens mit seinen 7400 Einwohnern und Einwohnerinnen im Kanton Bern. Dabei folgen sie der Agenda der Regierung des Kantons Bern: Diese will nichts überstürzen und schlägt eine erneute Abstimmung über die Kantonszugehörigkeit von Moutier im Februar 2021 vor.

Die Separatisten hingegen wollen, dass das Thema noch in diesem Sommer entschieden wird. Sie fordern eine Abstimmung schon am 21. Juni dieses Jahres. Denn sie sind der Ansicht, je länger es dauere, desto mehr Zweifel könnten sich einschleichen und ihnen letztlich einen Strich durch die Rechnung machen. Denn das separatistische Lager pocht noch immer auf seinen Sieg an der Urne vor knapp zwei Jahren.

Rückblende: Am 18. Juni 2017 hatte sich in einer Gemeindeabstimmung eine Mehrheit von 51,7% für den Wechsel Moutiers von Bern zum Kanton Jura ausgesprochen. 

Der Urnengang war jedoch wegen Unregelmässigkeiten von der Regierungsstatthalterin des Kantons Bern annulliert worden. Ein Entscheid, der letztlich vom Berner Verwaltungsgericht bestätigt wurde.

"Ein solches Szenario ist an keinem anderen Ort vorstellbar, ausser hier in Moutier." Marcelle Forster (Pro-Bern)

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"Illegale Handlung"

In Zeiten des Abstimmungskampfes ist die Juraflagge am Rathaus für die Berntreuen ein Loyalitätsbruch. Die Provokation ist der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. 

Im Januar drohten die Antiseparatisten mit rechtlichen Schritten , falls die Flagge nicht vom "Hotel de Ville" verschwinde.

Diese Forderung wurde am Valentinstag, dem 14. Februar, vom Verein "Moutier-Résiste" bekräftigt, einem Sprachrohr der "nicht-separatistischen" Bürger und Bürgerinnen der Stadt. Diese Fahne sei "eine Provokation", "ein Objekt der Propaganda", so die Organisation der Berntreuen.


"Das Hissen dieser emblematischen Flagge des Separatismus ist eine vorbereitende Handlung für die Abstimmung, ein illegaler Akt seitens der überwiegend separatistischen Behörden der Stadt", sagt Marcelle Forster gegenüber swissinfo.ch. Sie präzisiert, dass Privatpersonen, die eine Fahne auf ihrem Balkon oder in ihrem Garten hätten, nicht mit den Behörden verwechselt werden dürften, die eine Pflicht zur Unparteilichkeit hätten.

"Eine Berner Fahne an einem öffentlichen jurassischen Gebäude würde sicher zu einem Aufstand führen", sagt Forster und wirft den Separatisten vor, "sich in eine Politik der ethnischen Isolation zu verstricken".

Deshalb schlägt sie – "aus Respekt vor jedem Bürger" – vor, dass an der Fassade des Ratshauses nur die Flaggen der Schweiz und jene Moutiers angebracht werden sollten. Bei einem Gang durch die Stadt sehe man kaum Berner Flaggen. "Die einzige ist auf dem Schloss, das dem Kanton Bern und in dem sich das Gericht befindet".

Bürde der Geschichte

Auf der separatistischen Seite beruft man sich auf die Geschichte, um die Flagge zu rechtfertigen. "Diese Fahne ist schon lange da und sie war bisher nie Gegenstand einer institutionellen Anfechtung. Der Stadtrat wollte es so haben", sagt Laurent Coste vom Komitee "Moutier, ville jurassienne".

Am 23. Januar erinnerte seine Bewegung in einer Pressemitteilung daran, warum diese Flagge die Ehre verdiene, vom Rathauses zu wehen: "Am 26. März 1990 nahm der Stadtrat von Moutier einen Vorstoss der Rauraque (eine Partei junger Separatisten, die Red.) an, der forderte, diese Flagge am Rathaus zu hissen."

Für Laurent Coste "nutzen die Gegner des Kantonswechsels von Moutier die Präsenz der Fahne nun einfach als Vorwand, um vor der zweiten Abstimmung mit einer Berufung zu drohen". Und sollte der Fall vor Gericht kommen, würde das Urteil nach seinen Worten bereits im Voraus feststehen.

"Der Fall würde vor dem Regierungsstatthalteramt des Berner Jura verhandelt, dessen Position bekannt ist", sagt er. "Die Initianten wären nur Berntreue. Im Stadtrat versucht dieses Lager nun, das Unvermeidliche zu vermeiden, die Bindung von Moutier an den Jura."

Diskrete Präsenz: In Bernischen Städtchen Moutier weht einzig auf dem Schloss eine Berner Fahne. Dieses ist Sitz des Gerichts und anderer Institutionen des Verwaltungskreises Berner Jura. Alain Meyer

Kein "Krieg der Flaggen"

"Nachdem die erste Abstimmung für ungültig erklärt wurde, gehört Moutier immer noch zum Kanton Bern", entgegnet Marcelle Forster. Sie erinnert an die Konsultativabstimmung, welche die Gemeindebehörden Moutiers 1998 durchgeführt hatten. Damals hatte eine Mehrheit der Bevölkerung einen Beitritt Moutiers zum Jura abgelehnt. Dennoch möchte sie nicht von einem "Krieg der Flaggen".

Die Präsenz dieser Flagge "wurde bei keiner Wahlveranstaltung in Frage gestellt", betont Laurent Coste. Es bestünde kein Zweifel daran, "dass eine Handvoll Unbeugsamer ihre Agitation im Vorfeld der zweiten Abstimmung verdoppeln". Aber "einen politischen Kampf" um die Fahne möchte auch er nicht heraufbeschwören.

"Das Recht des jurassischen Volkes auf Selbstbestimmung und unserer Flagge sind die Symbole einer unanfechtbaren politischen Hoffnung." Laurent Coste (Pro-jurassisch)

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Fahnen-Aktion

Fakt ist aber auch, dass seine Bewegung aktiv Jura-Fahnen unter die Einwohnerinnen und Einwohner bringt – durch Verkaufsaktionen. "Das Recht des jurassischen Volkes auf Selbstbestimmung ist unbestreitbar. Es bleibt, zusammen mit unserer Flagge, das Symbol einer unanfechtbaren politischen Hoffnung", sagt Costes. Fahnen, die mit dem Beginn des Frühlings und vor der Wiederholung der annullierten Abstimmung zweifellos wieder vermehrt flattern werden.

Heute sind jene Einwohner und Einwohnerinnen Moutiers, die in der Frage der Kantonsflagge buchstäblich Flagge zeigen, eindeutig die Pro-Jurassier. Man sieht in der Stadt nur wenige Fahnen mit dem Berner Bär.

Diese Region des Landes hatte auch in der Vergangenheit schon Zwischenfälle erlebt, die mit der Heraldik, der Symbolik von Wappen, verbunden waren. So am 12. Juli 1963, als vom Bahnhofplatz in Courtételle eine Berner Fahne gestohlen wurde. Es war ein Akt, der von autonomistischen Bewegungen geschürt und als Kampfansage an die damaligen bernischen Behörden verstanden worden war.

Auch die französische Sprache wurde damals bewusst als Mittel eingesetzt und war – wie die Flagge – zu einer Waffe des Front de Libération du Jura geworden, mit dem Slogan "Le Jura parle français" ("Der Jura spricht Französisch").

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