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Kleine Völker im Norden: Mit Kunst überleben

Martha und Peter Cerny, ein Ehepaar aus Bern, sammeln seit 17 Jahren Inuitkunst und engagieren sich für Völker am Polarkreis, indem sie deren Kunst bekannt machen.

Der Verkauf von Kunstwerken hilft, Traditionen und damit auch die Kultur dieser Völker zu erhalten.

Zufällig sind Martha und Peter Cerny Anfang der 90er-Jahre zu einer Sammlung älterer Inuitkunstwerke gekommen. Per Inserat in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) wurde ein Käufer gesucht, sie dachten nicht lange nach und griffen zu. Beide hatten in einem kanadischen Indianer-Reservat gearbeitet und dort eine Affinität für diese Art von Kunst entwickelt.

Aus dem Zufall ist längst ein umfassendes Engagement geworden. Heute ist das Ehepaar mit seiner "Cerny Inuit Collection" und eigener Galerie in Bern treibende Kraft, wenn es darum geht, Kunst der kleinen Völker im hohen Norden bekannt zu machen.

"Wir mussten Nachforschungen anstellen, denn die 120 Werke der ursprünglichen Sammlung, vor allem Steinskulpturen, waren nicht dokumentiert. So reisten wir nach Kanada und entdecken eine für uns faszinierende Kultur und Lebensweise", erinnert sich Martha Cerny, die sich mittlerweile hauptberuflich um die Sammlung kümmert.

Faszinierende Menschen, faszinierende Kunst

Diese Faszination hat die aus Kanada stammende Martha und ihren Mann Peter, der in Bern als Radiologe arbeitet, nicht mehr losgelassen. Auf Reisen durch Kanada und später durch Russland erweiterten sie nicht nur ihr Wissen über die Menschen am Polarkreis. Sie ergänzten auch ihre Sammlung durch Werke aus Grönland, Sibirien und der russischen fernöstlichen Halbinsel Tschukotka.

Ein Teil der Sammlung ist noch bis Ende Juni in Salechard, der Hauptstadt des autonomen Gebietes der Jamal-Nenenzen am Eismeer östlich des Urals zu sehen. Die Schweizer Botschaft in Moskau unterstützt die Ausstellung im Rahmen des Jubiläumsjahres Schweiz-Russland.

Während die Inuitkünstler vor allem mit Stein arbeiten, schnitzen die Künstler in Russland traditionell Mammutknochen, Walrosshauer und Geweih.

"Die Steinskulpturen der Inuit und die Knochenschnitzereien der Künstler von hier sind trotz ihres unterschiedlichen Aussehens wie Brüder", sagt Natalja Fjodorowa vom regionalen Museum in Salechard. "Nicht im Sinn von Bluts-, sondern von Wesensverwandtschaften."

Bedrohte Völker

Dass die Regionen rund um den Polarkreis viele Gemeinsamkeiten haben, erkannten auch Martha und Peter Cerny. "Uns wurde klar, wie eng verflochten diese Regionen sind, und dass die Menschen mit sozialen, ökonomischen und ökologischen Problemen zu kämpfen haben", sagt Peter Cerny. "Wir merkten, dass wir es mit weit mehr als nur mit Kunst zu tun haben."

Zwar unterstützt die russische Regierung die insgesamt 27 kleinen Völker, die den Norden Russlands bewohnen etwa durch die Finanzierung von Unterricht in den Volkssprachen und Traditionen.

Seit in den 60er-Jahren im Gebiet der Nenenzen, die als Halbnomaden riesige Rentierherden über die Tundra treiben, riesige Gas- und Ölvorkommen gefunden wurden, sind die Bewohner und ihre Kultur immer mehr durch die näherrückende Zivilisation bedroht.

Die Region fördert heute 92% des Erdgases Russlands, was knapp einem Drittel des Weltmarktes entspricht.

"Man darf, auch wenn man Milliarden von Kubikmetern Gas fördert, nie die Menschen, ihre Kulturen und ihre Traditionen vergessen", sagt Alexander Mascharow, Vize-Gouverneur der Region. Die Administration denke deshalb auch darüber nach, wie die Künstler gefördert werden könnten und kaufe Werke.

Die Nachfrage in der Region bleibe allerdings beschränkt: "Würden Sie sich ein Bild mit einer Rentierherde ins Wohnzimmer hängen, wenn sie nur aus dem Wohnzimmerfenster zu schauen brauchen, um eine zu sehen?", fragt er.

Kunst als wichtige Einnahmequelle

Peter Cerny ist sicher, dass die Kunst den Sprung aufs internationale Parkett schafft. Die Erfahrung aus Kanada und Alaska zeige, dass es einen internationalen Markt gibt. Als die Inuit in den 1950er-Jahren sesshaft gemacht wurden, förderte die Regierung Kunst als regelmässige Beschäftigung für diese Menschen und organisierte den Verkauf.

In Kanada macht heute in gewissen Landstrichen Kunst etwa einen Drittel der Einkommen aus, erzählt Peter Cerny. Werke von berühmten Künstlern sind zunehmend gefragt, und entsprechend steigen die Preise in Galerien und Auktionen.

"Wir müssen die Kunst international bekannt machen", so Cerny. Deshalb will er die Sammlung nun an international tätige Firmen ausleihen. "Damit können Unternehmen ihren Kunden in New York, Schanghai oder Buenos Aires etwas ganz Besonderes bieten. Denn über die Völker im hohen Norden weiss man wenig, aber man hat trotzdem grosse Sympathien für sie", so Peter Cerny.

"Setzt man sich für sie ein, ist das für ein Unternehmen ein garantierter Imagegewinn, auch im Sinne eines Engagements für Nachhaltigkeit."

Und davon profitieren auch die Künstler: Sie können die Traditionen, Legenden und Bräuche weitergeben und tragen damit wesentlich zur Erhaltung der Kultur und der Völkervielfalt bei. "Und davon haben wir alle etwas", betont der Sammler Cerny.

swissinfo, Alexandra Stark, Salechard

Fakten

Das Berner Ehepaar Martha und Peter Cerny sammelt seit 17 Jahren Kunst von kleinen Völkern im Norden.

Inzwischen umfasst die Sammlung "Cerny Inuit Collection" etwa 500 Stücke.

Ursprünglich begannen sie Kunst der Inuit in Kanada und Alaska zu sammeln.
Später kamen Kunstwerke aus Grönland und Russland dazu.

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In Kürze

Die Schweiz feiert 2006 das Jubiläumsjahr Schweiz Russland:

190 Jahre Eröffnung des ersten Konsulates in St.Petersburg.

100 Jahre diplomatische Präsenz.

60 Jahre Schweizer Botschaft in Moskau.

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