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Kräfteverteilung Mann-Frau Wenig Chancen für Frauenquoten in der Schweiz

(Keystone)

Frauenquoten in Verwaltungsräten und Führungskader: In den Hauptsitzen von Unternehmen in EU-Ländern rückt dieses Szenario immer näher. Damit kommt auch in der Schweiz die weibliche Beteiligung an Machtpositionen in der Wirtschaft auf die Traktandenliste.

In der Europäischen Union (EU) domizilierte Unternehmen werden möglicherweise gezwungen, ihre Verwaltungs- oder Aufsichtsräte vermehrt mit Frauen zu bestücken. Bis 2020 wird eine Quote von 40% angezielt, wie die Europäische Kommission im November vorgeschlagen hat.

In der Schweiz werden nur 4% aller Senior-Executive-Führungspositionen von Frauen eingenommen, und ihr Anteil in den Verwaltungsräten beträgt 8,3%. Laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) habt sich dieser Anteil seit einem Jahrzehnt kaum verändert.

Im vergangenen Jahr stellte das Seco Verhaltensregeln auf, um mehr Frauen in Top-Position zu bringen. Doch findet zum Beispiel Heliane Canepa, die erste weibliche Nummer 1 eines SMI-kotierten Unternehmens, dass nun die Zeiten freiwilliger Aktionen vorbei seien. Canepa war bis 2007 Chefin des Dentalkonzerns Nobel Biocare.

"Vor zehn Jahren schon führten wir die gleiche Diskussion, und die Unternehmen versprachen Besserung", sagt die erfolgreiche Geschäftsfrau gegenüber swissinfo.ch. "Viele frauenfördernde Programme wurden eingeführt, noch mehr wurde geredet. Doch immer noch haben sie keine Frauen an der Spitze."

Vielfältiger Mix statt nur Geschlechter-Aufteilung

economiesuisse weist fixe Frauenquoten zurück. Lieber wären dem Dachverband der Schweizer Wirtschaft eine Förderung unternehmensinterner Ziele, unterstützt durch familienfreundliche Arbeitsbedingungen.

"Aus der unternehmerischen Perspektive sind rigide gesetzliche Quotenvorgaben die falsche Antwort auf die Untervertretung von Frauen in Verwaltungsräten und Kaderstellen", sagt Meinrad Vetter, stellvertretender Leiter Wettbewerb und Regulatorisches bei economiesuisse.

Von der EU eingesetzte Quoten würden die Schweiz nicht betreffen, da das Land nicht an die europäische Gesetzgebung gebunden ist. Ausser es betrifft Themen, die in den Bilateralen Verträgen festgehalten sind. Dennoch steigt seit Jahren der Druck auf die Schweiz, die EU-Gesetzgebung automatisch nachzuvollziehen.

Frühere Varianten des EU-Plans sahen einen obligatorischen Minimalanteil von 40% Frauen in Verwaltungs-Räten bis 2020 vor. Doch diese Quote ist nun dem Vorschlag gewichen, "bei gleicher Qualifikation" den Frauen Priorität einzuräumen.

Doch sogar dies sei problematisch, meint Vetter: "Es tönt zwar einfach, ist es aber nicht. Diversität respektive Vielfalt ist der Schlüssel für die Bestückung von Verwaltungsräten. Da geht es eben nicht nur ums Geschlecht, sondern um einen ausgewogenen Mix von Nationalitäten, Erfahrungen, Ausbildung und Ähnlichem."

Vetter glaubt, dass sich das Ungleichgewicht mit der Zeit automatisch korrigieren werde. "Es liegt im Interesse jedes Unternehmens, Frauen im Verwaltungsrat zu haben. Dazu braucht es keinen Zwang."

Weiblicher Nutzen

Kürzlich zeigte eine Untersuchung des Credit Suisse Forschungsinstituts den Nutzen eines Frauenanteils in den Verwaltungsräten auf: Die Aktienkurse von Unternehmen mit mindestens einer Frau im Verwaltungsrat schnitten in den vergangenen sechs Jahren um 26% besser ab als jene von (Konkurrenz-)Unternehmen mit ausschliesslich Männern in diesem Gremium.

Trotzdem fehlt es in der Schweiz weiterhin am politischen Willen, Frauenquoten einzuführen. Letztes Jahr wurde im Nationalrat eine Motion mit 102 gegen 57 Stimmen verworfen, welche die Einführung von Frauenquoten in Verwaltungsräten forderte.

Auch auf regionaler Ebene geht die Auseinandersetzung weiter. Letzten Monat hat Christine Thommen, freisinnige Politikerin in der Stadt Schaffhausen, vorgeschlagen, im mittleren und höheren Management der städtischen Behörde eine 35%-Frauenquote einzuführen.

"Ich glaube nicht, dass dies die ideale Lösung darstellt. Aber die Zeit ist reif dafür, weil sonst nichts geht", sagt sie gegenüber swissinfo.ch . "Gut ausgebildete Frauen gibt es bereits seit einiger Zeit, und dennoch hat sich auf den Direktions-Ebenen nichts getan."

Doch weisen diese Frauenquoten, die eine positive Diskriminierung, respektive Bevorzugung darstellen, einige inhärente Schönheitsfehler auf: Befürchtet Thommen nicht, dass man(n) vor Frauen den Respekt verlieren könnte, falls der Eindruck aufkommt, sie seien ohne jeglichen Verdienst hinaufbefördert worden?

"Das ist ohnehin schon der Fall bei Beförderungen", antwortet sie. "Die Unterstellung, dass eine Frau nur deswegen befördert wurde, weil sie eine Frau ist, gibt es bereits heute."

Nur bis der Automatismus kommt

Heliane Canepa ist der Meinung, eine Quotenlösung sollte zeitlich begrenzt sein, bis sich die automatische Beförderung von Frauen eingespielt hat: "Zur Zeit schaffen es nur Super-Frauen. Aber so darf es ja nicht weitergehen. Es sollten auch normale Frauen weiterkommen können."

Während Jahren sei man davon ausgegangen, dass nur eine Minderheit Frauenquoten für die Besetzung von Top-Positionen unterstütze, sagt Virginie Carniel von Business and Professional Woman Switzerland (BPW), einem schweiz- und weltweit tätigen Berufsnetzwerk von Frauen. "Immer mehr Frauen sprechen sich deshalb für Quoten aus", sagt sie gegenüber swissinfo.ch.

Einige Personalvermittler argumentieren, dass es zu wenig Frauen gebe, die bewusst auf ihre Beförderung hinarbeiteten. Der Anteil der Frauen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen sei in der Schweiz hoch. Doch neigten die Frauen zu Unterbrüchen im Karriereweg und zu Teilzeitarbeit, weil sie familiär engagierter seien.

Laut dem Bundesamt für Statistik arbeiten 57,8% der Frauen Teilzeit. Bei den Männern sind es nur 13,6%. Und zahlreiche Schulen in der Schweiz planen weiterhin eine zweistündige Mittagspause ein, in der die Kinder zum Essen nach Hause geschickt werden. Berufstätige Eltern stellt dies vor grosse organisatorische Probleme.

Solche Praktiken sollten geändert werden, sagt Vetter, ebenso  die Unternehmenskultur: "Die Unternehmen sollten mit ihren familienfreundlichen Einrichtungen werben und Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeiten und das Arbeiten von zu Hause aus ermöglichen. Das sind Lösungen, die gesucht werden, nicht fixierte Quoten."

Die Quoten-Debatte wird jedoch weitergehen, so lange Frauen in den Machtpositionen untervertreten bleiben.

Fair Play?

2011 wurde eine Studie mit einer Stichprobe von 1100 Erwerbstätigen gemacht, die Berufserfahrung in der Schweiz aufweisen.

Durchgeführt wurde sie von der George Washington University, mit Hilfe der US-Botschaft in Bern.

85% der Antworten kamen von Frauen. 70% besassen den akademischen Titel des Bachelor.

89% der Männer und 54% der Frauen sprechen sich gegen fixe Quotenanteile für Frauen in Verwaltungs-Räten aus.

73% der Frauen sagen, in der Schweiz bestünden Barrieren für Frauen, die ins obere Management aufsteigen wollen. 61% der Männer stimmen nicht überein.

      

89% der Frauen und 67% der Männer sind der Ansicht, Kinder schadeten der Karriere der Frauen.

      

86% der Befragten fanden, die Stundenpläne in Schulen sollten geändert werden, um dem Bedürfnis von berufstätigen Eltern entgegen zu kommen.

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EU-Frauenquoten

Die EU-Kommission beschloss Mitte November, Frauenquoten für Verwaltungs- (Aufsichts-)Räte durchzusetzen. Es handelt sich um den ersten Versuch, solche Gender-Quoten über alle 27 EU-Länder hinweg einzuführen.

Die Regelung wäre für die Verwaltungsräte von börsenkotierten Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitenden verbindlich. Die Kommission schätzt in diesem Bereich den aktuellen Frauenanteil auf unter 15%.

Die einzelnen EU-Länder sind sich uneinig in der Frage, ob diese Art von positiver Diskriminierung nötig sei. Grossbritannien und Deutschland, die zu den grössten EU-Volkswirtschaften gehören, möchten keine von Brüssel auferlegten Pflicht-Quoten.

In Grossbritannien erhöhte sich die Frauenquote von 7% 1999 auf 12,5% 2010.

Die EU-Länder werden diese Vorschläge nun mit den zuständigen EU-Behörden und dem EU-Parlament debattieren, bevor die Massnahme in Kraft gesetzt werden kann.

Norwegen, mit der EU nur über den Wirtschaftsraum EWR liiert, hatte 2003 eine 40%-Quote für Verwaltungsräte festgelegt. 2009 ist diese erreicht worden. Börsenkotierte Unternehmen in Norwegen riskieren, aufgelöst zu werden, wenn sie das Quotenziel nicht erreichen.

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(Übertragung aus dem Englischen: Alexander Künzle), swissinfo.ch


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