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Mord an Fluglotse trübt Himmel über Zürich

Die Mitarbeitenden bei skyguide sind bestürzt über den Mord an ihrem Kollegen.

(swissinfo.ch)

Die Schweizer Flugsicherung skyguide hat ihre Kapazität von Überflügen über Zürich vorübergehend um 40 Prozent reduziert. Dies nach dem Mord an einem Fluglotsen am Dienstagabend.

Ob der Mord in Zusammenhang steht mit dem Flugzeugunglück von Überlingen im Sommer 2002, ist Gegenstand der Ermittlungen.

"Die Situation in der Luftfahrt ist bereits schwierig - umso mehr trifft uns dieses Drama", sagte Alain Rossier, Direktor von skyguide, am Mittwoch in Zürich vor den Medien.

Skyguide versuche, so Rossier, sich zwischen der Garantie für Flugsicherheit, der eigenen Sicherheit und dem gegenwärtigen Schock zu bewegen.

Skyguide reduzierte die Kapazität der Überflüge im Luftraum Zürich vorübergehend um 40 Prozent. Die Schweizer Flugsicherung traf diese Massnahme, nachdem am Dienstagabend ein Fluglotse von skyguide an seinem Wohnsitz in Kloten erstochen worden war.

Als Folge dieser Sicherheitsmassnahme kam es im Luftraum Zürich im Verlaufe des Mittwoch zu Verspätungen. Für die Flughäfen Genf-Cointrin und Basel-Mühlhausen hatte die Reduktion keine Folgen.

Am Donnerstag-Vormittag arbeitete skyguide wieder mit voller Kapazität.

Sicherheit zuerst

Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) hatte Verständnis für den Entscheid von skyguide gezeigt. Sicherheit stehe über der Kapazität, sagte BAZL-Sprecher Daniel Göring.

Es liege allein in der Verantwortung von skyguide zu beurteilen, wie weit das Personal unter derart schwierigen Umständen seine Aufgaben erfüllen könne.

Spezielle Betreuung

Die getroffene Vorsichtsmassnahme diente, so skyguide, der Sicherheit. Es ging darum, die Schockbelastung der Mitarbeitenden aufzufangen. Sobald es die Umstände erlaubten, werde die Kapazität schrittweise wieder erhöht, hatte es am Mittwoch geheissen.

Für die Angestellten von skyguide wurde ein Care-Team, bestehend aus internen und externen Spezialisten, eingesetzt. Zudem wurden zusammen mit der Kantonspolizei Zürich Schutzmassnahmen getroffen. Am Donnerstag konnte skyguide wieder mit voller Kapazität arbeiten.

Tatverdächtiger festgenommen

Am Donnerstag-Vormittag gab die Polizei, die noch am Dienstag-Abend eine Grossfahndung eingeleitet hatte, die Festnahme eines Tatverdächtigen bekannt. Weitere Informationen lagen vorerst nicht vor.

Am Mittwoch hatte Bezirksanwalt Pascal Gossner gegenüber swissinfo erklärt, die Polizei suche nach einem zirka 55-jährigen Mann, der gebrochen Deutsch spricht.

Ob die Tat in einem Zusammenhang mit dem Flugzeug-Zusammenstoss von Überlingen steht, blieb vorerst unklar. Das sei eine der Möglichkeiten, erklärte der zuständige Bezirksanwalt Pascal Gossner am Mittwoch. "Es gibt keine heisse Spur."

"Wir haben nie Drohungen erhalten. Und man muss sehr vorsichtig sein, bevor man zwischen dem Zusammenstoss und dem Mord einen Zusammenhang herstellt", betonte Alain Rossier von skyguide.

Betroffenheit in Russland

Der gewaltsame Tod des skyguide-Fluglotsen löste auch bei den russischen Hinterbliebenen der Opfer des Flugzeug-Zusammenstosses über dem Bodensee Bestürzung aus.

"Wir trauern mit der Witwe und den Kindern des Mannes", sagte die Angehörigen-Sprecherin Julia Fedotowa am Mittwoch in der russischen Teilrepublik Baschkirien.

Die Hinterbliebenen der insgesamt 69 russischen Todesopfer hätten ein grosses Interesse an einer Aussage des Fluglotsen vor Gericht gehabt, betonte Fedotowa.

Zusammenstoss über dem Bodensee

Das Opfer, ein 36-jähriger Däne, hatte am 1. Juli 2002 Dienst, als über Überlingen am Bodensee zwei Maschinen, eine baschkirische Tupolew und eine Boeing der Frachtfirma DHL, zusammenprallten.

71 Menschen aus der russischen Teilrepublik Baschkirien, darunter viele Kinder, die in Spanien Ferien machen wollten, verloren dabei ihr Leben.

Der Fluglotse, der alleine im Dienst war, hatte den Piloten des baskirischen Verkehrsflugzeuges erst 44 Sekunden vor dem Crash gewarnt und zum Sinken aufgefordert.

Nach dem Unfall machte der Fluglotse eine Arbeitspause und wurde psychologisch betreut. Danach nahm er seine Tätigkeiten bei skyguide wieder auf, allerdings nicht am Radar.

"Ein Entscheid des BAZL hat verhindert, dass er wieder Dienst am Radar tat", erklärte Yves-André Jeandupeux, Personalchef von skyguide, gegenüber swissinfo.

Langwierige Entschädigungs-Verhandlungen

Nach dem Unglück über dem Bodensee waren heftige Vorwürfe gegen skyguide erhoben worden. Ende November 2003 einigten sich skyguide und die Anwälte einer ersten Gruppe von Hinterbliebenen auf Entschädigungszahlungen.

Laut dem Anwalt von skyguide, Alexander von Ziegler, sind die Gespräche mit den Anwälten der anderen Klägern auf guten Wegen. Die Summe, welche skyguide bereit ist zu zahlen, wurde nicht genannt.

Der Untersuchungsbericht der deutschen Bundesstelle für Flugunfall-Untersuchungen war für Ende März 2004 vorgesehen, wird sich aber um einige Wochen verzögern.

swissinfo und Agenturen

In Kürze

Am 1. Juli 2002, gegen Mitternacht, stiessen eine russische Tupolew-Maschine und eine Boeing 757 der Firma DHL auf der deutschen Seite des Bodensees zusammen.

Aus 11'000 Metern Höhe regneten Trümmer im Umkreis von 30 Kilometern zu Boden. 71 Menschen, mehrheitlich Kinder, starben.

November 2003 kam es zu einer aussergerichtlichen Vereinbarung. Es wurden erste Entschädigungs-Zahlungen an eine Gruppe von Hinterbliebenen ausbezahlt.

Mit den anderen Klägern wird noch verhandelt.

Am 24. Februar 2004 wird der Fluglotse, der in der Unglücksnacht Dienst hatte, an seinem Wohnort in Kloten erstochen.

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