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Palästinensisches Volk seit jeher allein gelassen

Gazastreifen, 6. Januar 2009: Nach der israelischen Bombardierung einer UNO-Schule in Jabalya trauert ein Palästinenser um ein Todesopfer.

(Reuters)

Der Krieg im Gazastreifen hat bereits Hunderte von Toten und Verletzten gefordert, darunter viele Zivilpersonen. swissinfo sprach mit einem in der Schweiz lebenden Palästinenser über die tragische Situation im Nahen Osten.

Sami Daher wurde 1959 in Nazareth, das zu Israel gehört, geboren. Obwohl er einen israelischen Pass hat, betrachtet er sich nicht als israelischer Staatsbürger.

"Ich kann nicht Israeli, ein arabischer Bürger des jüdischen Staates sein, wenn mir das Recht auf einen eigenen palästinensischen Staat weggenommen wird. Ich kann nur in einem eigenen Staat oder einem demokratischen Palästina für alle, Muslime, Christen und Juden, aber nicht in einem jüdischen Staat leben."

Daher lebte bis 1980 in Nazareth, dann kam er in die Schweiz. Mittlerweile besitzt er auch den Schweizer Pass. Der ausgebildete Psychiatriepfleger lebt in Solothurn und führt dort seit 1986 ein kleines Restaurant mit orientalischen Spezialitäten. Der grösste Teil seiner Verwandtschaft lebt in Nazareth.

swissinfo: Was geht in Ihnen vor, wenn Sie hören und sehen, was im Gazastreifen passiert?

Sami Daher: Ich bin zutiefst erschüttert. Es gibt mir einen Stich durchs Herz, ich bin zerrissen. Meine Gefühle machen mich zu einem Baby, das nur noch weint.

Ich kann die Bilder nicht mehr sehen. Ich muss mir hier in der Schweiz gegen diesen schrecklichen Krieg einen Schutz aufbauen.

Es ist nicht die erste israelische Aggression. Es ist nicht neu, wenn in Gaza jetzt Häuser oder Schulen bombardiert werden. Das ist die Praxis Israels gegenüber den Palästinensern seit 60 Jahren.

swissinfo: Haben Sie Kontakt mit Ihren Familienangehörigen?

S.D.: Ich hatte vor einer Woche Besuch aus Nazareth. Trauer und Wut sind auch bei den 1,2 Millionen Palästinensern, die in Israel leben, unbeschreiblich gross. Überall kocht es, überall gibt es Demonstrationen.

Das war schon so beim Ausbruch der zweiten Intifada im Jahr 2000. Und damals erschossen israelische Sicherheitstruppen 13 friedlich demonstrierende Palästinenser - ohne jegliche Konsequenzen für die Polizei, obwohl wir israelische Staatsbürger sind.

swissinfo: Die Israelis sagen, Hamas habe den Waffenstillstand gebrochen, man müsse sich gegen die ständigen Raketenangriffe vom Gazastreifen auf israelische Städte verteidigen.

S.D.: Das ist ein Vorwand. Wer die Augen offen hat, sieht, dass im Gazastreifen schon lange 1,5 Millionen Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen auf einem kleinen Stück Land eingepfercht sind, vor 60 Jahren mit Hab und Gut aus ihren Dörfern vertrieben.

In den letzten zwei Jahren haben die Israeli den Gazastreifen noch mehr umzingelt, blockiert und in ein Ghetto verwandelt, wo ein normales Leben nicht mehr möglich ist. Die Menschen haben nicht einmal mehr genug zu essen. Und jetzt sollen sie für den Krieg verantwortlich sein?

Natürlich habe ich die Raketenbeschüsse der Hamas, die übrigens demokratisch gewählt wurde, immer für einen Unsinn gehalten, aber wo sind denn die Proportionen des menschlichen Leids?

swissinfo: Jetzt läuft ja gerade das Mandat von Palästinenser-Präsident Abbas ab. Sehen Sie eine Lösung im innerpalästinensischen Konflikt zwischen Fatah und Hamas?

S.D.: Ich bin sehr pessimistisch. Auch in der derzeitigen schrecklichen Situation sehe ich keine Lösung. Abbas persönlich, und nicht seine Partei Fatah, hat sich verkauft. Er vertritt die Palästinenser nicht, lediglich eine kleine korrupte Minderheit, die von diesen so genannten Friedensverhandlungen mit Israel auf persönlicher, finanzieller Ebene profitiert.

swissinfo: Sehen Sie im Moment überhaupt einen Ausweg aus der Krise?

S.D.: Nein, leider nicht. Und da muss ich auch Europa und insbesondere die USA dafür verantwortlich machen. Die USA waren immer auf der Seite Israels, Washington blockiert jede Israel-kritische Resolution in der UNO mit seinem Veto.

Auch die Europäer wagen es nicht, Israels Aggressionen gegen die Palästinenser klar zu verurteilen oder gar zu bremsen. Das palästinensische Volk wird seit jeher allein gelassen.

swissinfo: Wie empfinden Sie die Reaktionen in der Schweiz zu den Ereignissen im Gazastreifen?

S.D.: Die meisten Menschen in der Schweiz sind sicher für die Palästinenser. Ich kenne viele Schweizerinnen und Schweizer, die mit uns solidarisch sind, die sich betroffen fühlen von diesem schrecklichen Krieg.

Bei den Schweizer Medien sehe ich das nicht so. Der israelischen Seite wird viel mehr Raum gewährt.

swissinfo-Interview: Jean-Michel Berthoud

Krieg in Gaza

Am 27. Dezember 2008 begann Israel mit Luftangriffen gegen Gaza. Am 3. Januar startete Israel seine Bodenoffensive.

Nach palästinensischen Angaben wurden bislang über 500 Palästinenser, auch Frauen und Kinder, getötet, weit über 2000 Menschen wurden verletzt.

Die humanitäre Lage in Gaza ist dramatisch, die Spitäler sind überfordert, es fehlt an Verbandmaterial und Medikamenten, Strom- und Wasserversorgung sind teils zusammengebrochen.

In Israel wurden mehrere Menschen durch aus Gaza abgeschossene Raketen getötet oder verletzt.

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Hamas

Die Hamas hat sich ursprünglich die Zerstörung Israels zum Ziel gesetzt und kämpft für die Errichtung eines islamischen Staates.

Heute würde sie aber auch eine Zwei-Staaten-Lösung akzeptieren, wenn Israel das 1967 eroberte Gebiet an die Palästinenser zurückgeben würde.

Das Wort Hamas ist eine Abkürzung für Islamische Widerstandsbewegung, bedeutet aber auch "Eifer" auf Arabisch.

Die Hamas, die 2006 von der palästinensischen Bevölkerung demokratisch gewählt wurde, unterhält im Gazastreifen ein breites Netz an Schulen und sozialen Einrichtungen, womit sie sich in der Bevölkerung Sympathien und Zulauf sichert.

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(swissinfo.ch)


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