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"Glaubwürdigkeit ist eines der wichtigsten Kapitalien"



Karl-Theodor zu Guttenberg hat am Dienstag seinen Rücktritt als Verteididungsminister erklärt.

Karl-Theodor zu Guttenberg hat am Dienstag seinen Rücktritt als Verteididungsminister erklärt.

(Keystone)

Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat am Dienstag seinen Rücktritt erklärt. Das Plagiat in seiner Doktorarbeit wurde ihm zum Verhängnis. Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit spielen in der Politik eine grosse Rolle, sagt Politologe Iwan Rickenbacher.

Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg legt im Zusammenhang mit der Plagiats-Affäre um seine Doktorarbeit all seine politischen Ämter nieder. Das gab Guttenberg am Dienstag in Berlin bekannt.

swissinfo. ch hat mit Iwan Rickenbacher, Honorarprofessor für Politologie und Kommunikationsberater, über den Fall Guttenberg gesprochen.

swissinfo.ch: Der deutsche Verteidigungsminister zu Guttenberg hat heute seinen Rücktritt erklärt. War dieser Schritt unumgänglich?

Iwan Rickenbacher: Ja, der Rücktritt war unumgänglich. Hätte er, wie die deutsche Bischöfin Kässmann gleich nach dem Bekanntwerden seines Fehltritts seinen Rücktritt erklärt, wäre er schon fast wieder Kandidat. Er hat zu lange gezögert, hat versucht, den Fall herunterzuspielen und tritt nun etwas spät zurück.

swissinfo.ch: Wie ist es zu erklären, dass zu Guttenberg auch nachdem sich die Plagiatsvorwürfe bestätigt hatten, einer der beliebtesten Politiker Deutschlands blieb?

I.R.: Guttenberg entspricht einer neuen Politiker-Generation, mit seinem ganzen Gehabe, mit seinem Auftritt, er gilt als unabhängig und seine adlige Herkunft spielt auch eine Rolle. Er ist Projektionsfläche für alle, die etwas Glamour von der Politik erwarten.

Zudem werden in der Bundesrepublik Deutschland Politiker, ausser den Parlamentariern, nicht vom Volk gewählt. In Deutschland unterscheiden die Leute zwischen einem Bild, das in der Öffentlichkeit aufgebaut wird und zwischen dem Bild des Politikers in den eigenen Reihen. Es ist Guttenberg zusammen mit seiner Gemahlin und den medienwirksamen Auftritten gelungen, das positive Bild in der Öffentlichkeit aufrechtzuerhalten.

swissinfo.ch Wird von einem Verteidigungsminister mehr Ehrlichkeit erwartet als von anderen Politikern und Amtsträgern?

I.R.: Nein, das Beispiel der französischen Aussenministerin Michèle Alliot-Marie, die aufgrund ihrer Reisen nach Tunesien und der Begünstigung von Familienmitgliedern mit einem Landgut in Tunesien zurücktreten musste, zeigt, dass auch andere Minister, wenn ihnen Unehrlichkeit vorgeworfen wird, die Konsequenzen tragen müssen.

swissinfo.ch: Ist eine Doktorarbeit nicht eine "private" Angelegenheit jedes einzelnen und deshalb irrelevant für die politische Arbeit?

I.R.: Bei öffentlichen Persönlichkeiten verwischt erstens die Grenze zwischen privat und öffentlich, auch darum, weil diese Politiker ihre privaten Angelegenheiten gerne sozusagen zur Stärkung des Images einsetzen und zweitens, Herr Guttenberg führte seinen Doktortitel auch in der Politik. Er liess sich als Doktor Guttenberg ansprechen, sein Titel war öffentlich.

swissinfo.ch: Wieviel Lüge erträgt es in der Politik?

I.R.: Eine Lüge, die bewusst als Lüge formuliert ist und bei der nachweisbar ist, dass jemand wissentlich und mit Absicht die Unwahrheit sagte, wird nicht akzeptiert. Es gibt jedoch Grauzonen von Halbwahrheiten, das kennen wir aus dem politischen Alltag, und das wird gelegentlich verziehen.

swissinfo.ch: Ein prominentes Beispiel ist Bill Clinton, der in der Lewinsky-Affäre nicht die Wahrheit gesagt haben soll und sein Amt trotzdem behalten konnte. Wo liegen die Unterschiede?

I.R.: Ein wesentlicher Unterschied ist der, dass im Oval Office, wo die Beziehung zwischen Frau Lewinsky und Bill Clinton offenbar stattgefunden hat, keine Zeugen zugegen waren. Die Unwahrheit, die Bill Clinton zugeschrieben wurde, ist eine Zuschreibung, denn ausser ihm und Frau Lewinsky kann niemand diese Situation beurteilen. Im Fall von Bill Clinton bleibt die Lüge eine Vermutung.

Bei einer Dissertation haben wir eine ganz andere Situation. Jeder kann sie beurteilen, der sich die Mühe nimmt, die Quellen zu überprüfen.

swissinfo.ch: An welchen Eigenschaften, Taten, usw. lässt sich "Glaubwürdigkeit" in der Politik festmachen? Wann wirkt jemand glaubwürdig?

I.R.: Glaubwürdigkeit ist eines der wichtigsten Kapitalien für politisch führende Menschen, die der Öffentlichkeit ausgesetzt sind.

Menschen haben heute ein Bedürfnis zu wissen, wer hat was gesagt, angesichts der Flut von Informationen, die nicht mehr auf ihre Quellen zurückgeführt werden können. Man will wieder den Boten kennen, bevor man die Botschaft glaubt.

Glaubwürdigkeit nachzuweisen ist sehr schwierig. Die Menschen schauen erstens den beruflichen, privaten und politischen Leistungsausweis der Person an, der ist nachweisbar.

Zweitens haben die Menschen ein gutes Gespür, um festzustellen, ob zwischen dem Ausdruck eines Menschen, seiner Sprache und dem Inhalt seiner Botschaft eine Übereinstimmung besteht, also ob eine gewisse Authentizität spürbar ist.

Drittens gibt es noch den Gewöhnungsaspekt. Wer sehr oft präsent ist, insbesondere in den elektronischen Medien, kann an Glaubwürdigkeit zulegen. Bei Schweizer Spitzenpolitikern kann man dies nachweisen.

swissinfo.ch: Wie kann man angeschlagene Glaubwürdigkeit rehabilitieren? Sehen Sie für Karl-Theodor zu Guttenberg eine Möglichkeit, in der Öffentlichkeit wieder glaubwürdig zu erscheinen?

I.R.: Er ist noch zu jung, um seine Karriere einfach zu beenden. Wichtig ist, dass er etwas tut , was einen Nutzen für die Allgemeinheit hat. Dass er sich für eine Stiftung oder für einen guten Zweck einsetzt, der zu ihm und zu seiner Familie passt. Dann kann er diese Affäre überwinden. Er ist noch keine 40 Jahre alt.

Universität Bayreuth klärt ab

Die Universität Bayreuth hat an Karl-Theodor zu Guttenberg appelliert, sich auch nach seinem Rücktritt vom Amt des Verteidigungsministers weiter an der Aufklärung der Plagiats-Affäre zu beteiligen.

"Denn der Rücktritt hat nichts daran geändert, dass die Arbeit der Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft an der Universität Bayreuth unabdingbar bleibt", sagte Hochschulpräsident Rüdiger Bormann laut einer Mitteilung vom Dienstag.

Die Leitung der Universität und die Kommission setzten darauf, dass Guttenberg seine Ankündigung, er wolle sich an der Aufklärung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe beteiligen, in die Tat umsetzt.

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swissinfo.ch


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