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Carla Del Ponte: Von der Justiz zum Golf



Carla Del Ponte: Trägt gerne Verantwortung.

Carla Del Ponte: Trägt gerne Verantwortung.

(AFP)

Carla Del Ponte wurde kürzlich pensioniert. Die Tessinerin erinnert sich an ihre Erfahrungen als Botschafterin in Argentinien, an ihre Zeit als Staatsanwältin am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien. Ein Interview.

Offiziell wurde sie am 28. Februar pensioniert. Sie hat Argentinien gleich anschliessend verlassen. Die Tessiner Staatsanwältin war seit 2008 Schweizer Botschafterin in diesem Land, nachdem sie acht Jahre lang das Aushängeschild der internationalen Justiz für das ehemalige Jugoslawien und Ruanda war.

Neben ihren zahlreichen Glanzleistungen hatte die Staatsanwältin die mutmassliche Existenz des Organhandels der ehemaligen Befreiungsarmee UCK in Kosovo aufgedeckt - in ihrem Buch "Im Namen der Anklage", das 2008 auf Italienisch erschienen ist. In diesem Werk hatte sie sich mit einigen Passagen Auseinandersetzungen und Spannungen mit ihrem Arbeitgeber, dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten, eingebrockt. Am Vorabend ihrer Rückkehr in die Schweiz hat swissinfo.ch mit Carla Del Ponte gesprochen.

swissinfo.ch: Man kann sich Carla Del Ponte schlecht als Rentnerin vorstellen…

Carla del Ponte: Ich kann es mir gut vorstellen. Ich spiele sehr gerne Golf und werde dies weiterhin und oft tun. Natürlich, von der internationalen Justiz zum Golf überzugehen, das reizt zum Lächeln, aber für mich ist es eine richtige Herausforderung, gut Golf zu spielen.

Dies zeigt, dass ich glücklich bin, in die Schweiz zurückzukehren, denn ich werde mich wieder mit meiner anderen Leidenschaft befassen, mit der internationalen Justiz. Ich bin angefragt worden von allen Seiten, um Kongresse an den Universitäten abzuhalten und um an den Debatten teilzunehmen. An diesem Punkt musste ich eine Auswahl vornehmen, sonst wäre ich mehr eingespannt gewesen als vorher. Aber mich interessiert das, und im Besonderen der Kontakt mit den jungen Menschen.

swissinfo.ch: Ist es Ihnen wichtig, Ihre Kenntnisse an zukünftige Generationen weiterzugeben?

C.D.P.: Ja, es ist mir sehr wichtig. Übrigens habe ich mein Buch "Im Namen der Anklage - Meine Jagd auf Kriegsverbrecher und die Suche nach Gerechtigkeit" geschrieben, weil ich mich von dieser Welt befreien wollte, aber auch, um den jungen Menschen die Arbeit der internationalen Justiz näherzubringen.

Ich hoffe, dass die Lektüre einige junge Studierende dazu bringt, diesen Weg zu verfolgen. Ich habe auch im Sinn, sie zu unterstützen.

swissinfo.ch: Wie haben Sie auf die Verbreitung des Berichts von Dick Marty reagiert, der den Organhandel im Kosovo wieder aufgreift?

C.D.P.: Als der Bericht von Dick Marty veröffentlicht wurde, hat es mir gut getan zu wissen, dass ich recht gehabt habe. Einige der Angriffe haben mich trotzdem sehr verletzt.

Es bräuchte eine internationale Organisation, die mit der Untersuchung und dem Zeugenschutz beauftragt wird. Gibt es einen politischen Willen für so etwas? Ich weiss es nicht, der Ball liegt nun bei der Europäische Union und den Vereinigten Staaten.

swissinfo.ch: Würden Sie die Arbeit wieder aufnehmen, um eine solche Untersuchung zu leiten?

C.D.P.: Warum nicht? Zwangsläufig habe ich gute Kenntnisse der Region, und ich habe sehr gute Kontakte. Aber es gibt auch andere, sehr kompetente Staatsanwälte, die eine solche Untersuchung leiten könnten.

Früher habe ich keinerlei Unterstützung erhalten, um Nachforschungen zu beginnen. Die Nato hat mit der kosovarischen Befreiungsarmee UCK zusammengearbeitet während dem Krieg, und der Zugriff zu den Dokumenten wurde mir verweigert.

swissinfo.ch: Gehen wir etwas zurück. Welches sind die Momente, die Ihre Karriere geprägt haben?

C.D.P.: Es war die Begegnung mit dem Anti-Mafia-Richter Giovanni Falcone. Dies war ein Moment grosser Menschlichkeit und eine Lehre für mich.

In Bern waren es die komplizierten Beziehungen mit der politischen Welt, die mich tief geprägt haben. Aber sie haben mir geholfen, als ich internationale Staatsanwältin geworden bin.

Und dann in Den Haag, als Staatsanwältin des Strafgerichtshofs, war der prägende Moment die Verhaftung von Slobodan Milosevic.

swissinfo.ch: Und welche Personen waren wichtig für Ihre Karriere?

C.D.P.: Ich mochte die amerikanische Aussenministerin Madeleine Albright. Sie war sehr direkt zu mir, und wenn es politisch schwierig wurde, haben wir beide offen miteinander gesprochen, und das habe ich sehr geschätzt.

Ich habe auch den französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac gut gemocht, er war ein richtiger Gentleman, obwohl er sein Versprechen, Ratko Mladic zu verhaften, nicht einhalten konnte. Ich muss sagen, ich habe bei allen Menschen, die an der Spitze eines Staates oder Präsident, Premierminister oder etwas in der Art geworden sind, immer etwas gefunden, das aussergewöhnlich war.

swissinfo.ch: Haben Sie manchmal so sehr Angst gehabt, dass sie ans Aufgeben dachten?

C.D.P.: Das einzige Mal, an dem ich wirklich ans Aufgeben dachte, war, als Richter Falcone ermordet wurde. Das war der einzige Moment, in dem ich gezweifelt habe. Aber dann habe ich mir gesagt, nein, man muss weitermachen, weil er nicht mehr da ist.

In Den Haag habe ich mal zu meinen Mitarbeitern gesagt: "Dieses Mal ist fertig. Die Mauer des Schweigens ist zu dick, ich werde sie nie durchdringen können." Aber im Grunde genommen habe ich nicht daran geglaubt.

swissinfo.ch: Was nehmen Sie aus Ihrer Zeit in Buenos Aires mit?

C.D.P.: Ich werde die Zeit in bester Erinnerung behalten. Ich bin der Regierung dankbar, dass sie mir dieses Amt anvertraut hat. Ich hatte es nötig, mich von Europa zu entfernen, in ein anderes Milieu und eine andere Kultur einzusteigen. Als Botschafterin müssen Sie nicht Ihre Meinung haben und sind nicht verantwortlich, das ist mir zugute gekommen in diesen drei Jahren.

Zudem habe ich die Schweiz durch die Augen der schweizstämmigen Argentinier entdeckt. Es sind ungefähr 16'000 im Land, und alle sind sehr verbunden mit den Schweizer Traditionen, mit der Schweizer Folklore, die ich überhaupt nicht kannte. Ich habe viel Raclette und Würste gegessen.

Die Argentinien-Schweizer sind unglaublich, sie sind fast mehr mit der Schweiz verbunden als die Schweizer, die in der Schweiz leben.

swissinfo.ch: Hätten Sie Ihr ganzes Leben als Botschafterin verbringen können?

C.D.P.: Nein, ich übernehme zu gerne Verantwortung.

Carla Del Ponte

Geboren 1947 in Bignasco (Valle Maggia) im Tessin.
 
Sie studiert Internationales Recht in Bern, Genf und Grossbritannien.
  
1981 wird sie zur Staatsanwältin für den Kanton Tessin berufen.
 
Sie geht kompromisslos gegen Geldwäscherei, organisierte Kriminalität, Waffenschmuggel und grenzüberschreitende Wirtschaftskriminalität vor.
 
1989 entgeht sie nur knapp einem Sprengstoff-Anschlag.
  
1994 wird sie Bundesanwältin der Eidgenossenschaft.
  
1999 folgt sie auf Louise Arbour als Chefanklägerin der Internationalen Strafgerichtshöfe für Ruanda (TPIR) und für Ex-Jugoslawien (TPIY). Sie tritt Ende 2007 zurück. Während ihrer achtjährigen Amtszeit beim TPIY wurden 161 Personen angeklagt und 94 verurteilt.

Von Januar 2008 bis Ende Februar 2011 war sie Botschafterin in Argentinien.

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Karriere-Eckdaten

1990: Der damalige russische Präsident Boris Jelzin wird im Zusammenhang mit einer Geldwäscherei-Affäre verdächtigt.

Carla Del Ponte friert die in der Schweiz deponierten Gelder der damaligen pakistanischen Ministerpräsidentin Benazir Bhutto ein.

1995: Blockierung von 130 Millionen Franken von Raul Salinas, Bruder des mexikanischen Präsidenten Carlos Salinas, wegen Verdachts auf Kokain-Handel.

2002: Anklage des serbischen Präsidenten Vojislav Kostunica wegen Komplizenschaft mit Slobodan Milosevic und Verweigerung von dessen Auslieferung an den TPIY.

Carla Del Ponte beschuldigt den Vatikan, den wegen Kriegsverbrechen angeklagten kroatischen General Ante Gotovina zu schützen.

2008: Sie denunziert den mutmasslichen Handel mit Organen von serbischen Kriegsgefangenen, die 1999 von der Befreiungsarmee UCK in Kosovo entführt wurden. Vor ihrer Tötung wurden den Opfern Organe entnommen und an internationale Organ-Händler verkauft. Del Ponte beschuldigt namentlich den Regierungschef von Kosovo, Hashim Thaci, an diesem Handel beteiligt gewesen zu sein.

Der bosnisch-serbische General Ratko Mladic, einer der vom TPIY meist gesuchtesten Kriegsverbrecher, befindet sich immer noch auf freiem Fuss.

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(Übertragung aus dem Französischen: Eveline Kobler), swissinfo.ch


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