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Wer lärmt, muss draussen bleiben

Im internationalen Vergleich sind Schweizer Güterzüge die reinsten "Flüsterzüge". Keystone

Endstation Basel? Ab dem Jahr 2020 will die Schweiz keine lauten Güterzüge mehr ins Land lassen. Fraglich ist jedoch, ob die europäischen Nachbarn bis dahin ihre Waggons entsprechend umgerüstet haben. In Deutschland lag der Anteil leiser Züge im März 2015 erst bei 14 Prozent.

Dieser Inhalt wurde am 03. April 2015 - 11:00 publiziert
Petra Krimphove, Berlin

Zuglärm ist ein europaweites Problem: "Runter von der überfüllten Strasse – rauf auf die umweltfreundliche Schiene", so lautet die politische Vorgabe für den Güterverkehr. Doch dazu muss zugleich die Bevölkerung vor der wachsenden Lärmbelästigung durch bis zu 800 Meter lange, ratternde Güterzüge geschützt werden.

Sie fahren auf den Hauptstrecken Tag und Nacht eng getaktet durch Wohngebiete, lassen Häuser vibrieren und rauben Anwohnern Nerven und Schlaf. Ein vorbeifahrender Güterzug erreicht den Lärmpegel eines neben dem Bett eingesetzten Staubsaugers. Lärm macht krank: Der volkswirtschaftliche Schaden durch lärmbedingte Krankheiten wird allein für Deutschland auf zehn Milliarden Euro taxiert.

Die Schweiz hat ihre Hausaufgaben bereits gemacht. Ein Grossteil der eigenen Züge ist mit leisen Bremsen ausgestattet, die den Lärmpegel erheblich reduzieren. "Was bei uns lärmt, sind die ausländischen Güterzüge", so Rudolf Sperlich, der beim Bundesamt für Verkehr (BAV)Externer Link die Sektion Grossprojekte leitet. Wenn diese nicht leiser werden, ist unter Umständen in fünf Jahren für sie an der Schweizer Grenze die Fahrt vorbei.

Lärmschutzwände wenig attraktiv

Strenge Lärmschutzverordnungen sorgen bereits heute in Deutschland und in der Schweiz dafür, dass gestresste Anwohner unter anderem durch Dreifachverglasung und Lärmschutzwände so gut es geht abgeschirmt werden. Diese bis zu elf Meter hohen Mauern sind jedoch gerade in landschaftlich reizvollen Strecken weder für die Zugreisenden noch für die Anrainer attraktiv. Zudem sind sie teuer.

Naheliegender ist es, an der Geräuschquelle anzusetzen: den Zügen. Dass diese so lärmig sind, liegt zuvorderst an ihren Bremsen. Bei den alten gängigen Graugussbremsen greift das Metall beim Bremsen direkt auf das Rad und raut es auf. Ein raues Rad raut wiederum auch die Schiene auf. Es bilden sich Riffel, also wellenförmige Vertiefungen im Gleis, die Fahrt wird immer lauter.

Abhilfe schaffen Bremsklötze aus Kunststoff-Verbundstoff, sogenannte Komposit-Sohlen und seit neuestem auch sogenannte LL-SohlenExterner Link (low noise, low friction). Doch deren Einbau schlägt pro Bremse mit rund 2000 Euro zu Buche.

Viele Unternehmen zögern die Umrüstung daher hinaus. Für die Betriebe bringen die leiseren Bremsen zudem Nachteile mit sich. Sie verschleissen schneller und sind damit wartungs- und letztlich auch kostenintensiver als die alten Bremsen. Für neue Züge sind sie dennoch bereits vorgeschrieben, alte sollen umgerüstet werden. Der deutsche Staat unterstützt dies mit 150 Millionen Euro. Vielen Unternehmen scheint der Anreiz jedoch nicht gross genug zu sein.

Lärmschutz in der Schweiz

Kein europäisches Land unternimmt mehr als die Schweiz, um seine Bevölkerung vor Bahnlärm zu schützen. Seit 1998 hat das Land mit Zustimmung seiner Bürger 1,5 Mrd. Fr. in den Lärmschutz investiert.

Nach Angaben der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) wurden bis heute sämtliche Personenzüge und rund 6500 Güterzüge mit geräuscharmen Bremsen ausgerüstet und 2000 neue lärmarme Güterwagen angeschafft. Auf rund 300 km Länge wurden in dicht bewohnten Gebieten Lärmschutzwände gebaut und wo nötig Schallschutzfenster eingesetzt.

Anders als Deutschland setzt die Schweiz beim Ersatz der alten Graugussbremsen auf die sogenannte Komposit-Bremssohle (kurz K-Sohle), auch weil die Low Noise-Low Friction-Sohlen (kurz LL-Sohlen) zum Zeitpunkt der Umrüstung noch nicht verfügbar waren. Sie wurden erst 2013 zugelassen. Die K-Sohle ist allerdings mit 4000 bis 15'000 Euro Kosten pro Wagen (je nach Anzahl der Achsen) bis zu viermal so teuer wie die noch junge LL-Sohle.

Die Schweiz übernahm die kompletten Umrüstungskosten. Die nun erst in Fahrt kommende Umrüstung in Deutschland kann damit erheblich von der preiswerteren technischen Neuerung profitieren.

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Schweizer, deutschen und europäischen Experten brennt das Thema entsprechend unter den Nägeln. "Die Schweiz hat bisher zehnmal mehr für die Bekämpfung des Bahnlärms pro Kopf ausgegeben als Deutschland", so der Schweizer Botschafter Tim Guldimann auf einer Diskussion in der Schweizer Botschaft in Berlin. Soll heissen: Jetzt sind die anderen dran.

Fakt ist, dass nur Deutschland und die Niederlande sich bisher verpflichtet haben, ihre Züge bis 2020 mit leisen Bremsen auszurüsten. In Berlin wird derzeit ein entsprechender Gesetzesentwurf vorbereitet.

Sanktionen auch in Deutschland

Für die Anwohner würde das eine Halbierung des Lärms bedeuten. Sollte bis 2016 das 50-Prozent-Zwischenziel bei der Umrüstung auf Flüsterbremsen nicht erreicht sein, drohen den Unternehmen auf deutschen Schienen Tempobeschränkungen, Nachtfahrverbote und höhere Streckenpreise für lärmende Züge, betont Enak Ferlemann, Parlamentarischer Staatssekretär im deutschen Verkehrsministerium. Schon heute bezahlen alte Züge höhere Trassenpreise als die leisen neuen Modelle. Diese Differenz, so der Vorschlag, könne man erweitern, um einen grösseren Anreiz für die Umrüstung zu liefern.

Die Abgeordneten der Grünen im Deutschen Bundestag halten den anvisierten Umrüstungszeitraum indes für unrealistisch. Mit gutem Grund: Ihre Anfrage an das Bundesverkehrsministerium ergab, dass bis zum 12. März 2015 erst 14 Prozent der rund 180'000 Güterwagen in Deutschland mit Flüsterbremsen fuhren.

Schweizer Druck willkommen

Da kommt den Verkehrsexperten der Druck aus der Schweiz gerade recht. Dass europäische Züge mit alten Graugussbremsen ab 2020 auf dem Weg ans Mittelmeer nicht mehr die Schweiz durchfahren können, wirkt als Schreckensszenario weit stärker als vermeintliche finanzielle Sanktionen oder Nachtfahrverbote. Zumal die Eidgenossen im Jahr 2017 den neuen Gotthardtunnel in Betrieb nehmen wollen, der die Fahrt gen Süden erheblich verkürzen wird.

Michael Cramer, Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Europäischen Parlament, ist überzeugt: "Ohne die Schweizer Ankündigung wären wir in Europa noch lange nicht so weit."

Und auch die deutsche Regierung ist durchaus dankbar für die Frist aus Bern. Schliesslich ist auch die Bundesrepublik ein Transitland für den europäischen Güterverkehr und leidet entsprechend unter dem Lärm altmodischer ausländischer Züge. Anders als die Schweiz kann es als EU-Mitglied seine Grenzen für laute Waggons jedoch nicht einfach dichtmachen, sondern höchstens Sanktionen erlassen.

Nationale isolierte Lösungen machen im vereinten Europa ohnehin keinen Sinn. "50 Prozent des Güterverkehrs sind grenzüberschreitend, also müssen wir das Lärmproblem international lösen", so EU-Politiker Michael Cramer. Die Zeit drängt: Rudolf Sperlich vom BAV lässt keinen Zweifel daran, dass es den Eidgenossen ernst ist mit ihrer Ankündigung, die Trassen für laute Züge dicht zu machen. Zwei Jahre Aufschub hätte die EU gerne. "Theoretisch könnte das Schweizer Parlament die bewilligen", räumt Sperlich ein. Aber die Bereitschaft zu Kompromissen ist in dieser Frage nicht ausgeprägt. "Gewünscht ist das nicht."

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