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Kritik am US-Steuergesetz Amerikas Auswanderer bekommen FATCA zu spüren



Mit FATCA können US-Bürger im Ausland dem amerikanischen Fiskus praktisch nicht mehr entkommen.

Mit FATCA können US-Bürger im Ausland dem amerikanischen Fiskus praktisch nicht mehr entkommen.

(Reuters)

Das US-Steuergesetz FATCA (Foreign Account Tax Compliance Act) sorgt für Missmut unter den amerikanischen Auswanderern und den US-schweizerischen Doppelbürgern, die in der Schweiz leben. Einige haben ihre US-Staatbürgerschaft aufgegeben.

"Die Leute sind sehr erbost und aufgebracht, einige haben wirklich Angst", sagt Jackie Bugnion, Direktorin und Steuerexpertin von American Citizens Abroad (ACA), einer in der Schweiz domizilierten Organisationen, die sich selbst als "Stimme der Amerikaner im Ausland" bezeichnet.

Abgesehen von Eritrea sind die USA weltweit der einzige Staat, der von seinen Bürgern im Ausland – die laut dem US-Aussenministerium rund 6 Millionen ausmachen – Steuern einfordert.

Seit der Einführung von FATCA, das 2010 als eine Art Anreizgesetz in Kraft gesetzt wurde und auf reiche Steuersünder abzielt, ist das Steuerproblem für die Expats komplexer geworden. Fatca verpflichtet Banken und andere Finanzinstitute, die ausserhalb der USA niedergelassen sind, Informationen über Einkommen und Zinserträge aus Vermögen über 50'000 Dollar von US-Bürgern zu beschaffen und diese an die amerikanische Steuerbehörde IRS zu übermitteln.

Zusätzlich zur jährlichen Steuererklärung muss jeder US-Bürger der IRS mit einem speziellen Formular die Ersparnisse im Ausland ab einer gewissen Höhe detailliert offenlegen.

Die Schweiz gehört zu einer Handvoll Ländern, die sich bereit erklärt haben, FATCA einzuführen, das ab 2014 umgesetzt wird. Aber die Amerikaner, die in der Schweiz leben, haben mit der neuen Gesetzgebung bereits alle Hände voll zu tun.

Zunehmende Untersuchungen haben viel dazu gezwungen, ihre Steuersituation für die vergangenen Jahre in Ordnung zu bringen und darüber hinaus mit der neuen Regeln klar zu kommen.

"Die Steuererklärungen sind beschwerlicher und komplexer geworden", sagt JoAnn Salvisberg, eine Englischlehrerin, die seit vielen Jahren in der Schweiz lebt. "Es ist ein entsetzlicher Papierkrieg. Man muss Stunden oder Tage und Tausende Franken dafür aufwenden."

Laut ACA hat Fatca eine ernsthafte, schädliche Wirkung auf zahlreiche gewöhnliche Leute. "Viele Banken erklären, dass es sich nicht mehr lohnt, amerikanische Kunden zu haben", sagt Jackie Bugnion. "Die Leute waren von Kontenschliessungen betroffen. Vielleicht kriegt man in einigen Banken ein Kontokorrent, aber ein Anlagekonto zu erhalten, ist sehr schwierig geworden. Einigen amerikanischen Kunden wurde die Hypothek gekündigt, andern verweigert."

Fatca

Mit FATCA (Foreign Account Tax Compliance Act), das seit 2010 in Kraft ist, spannen die USA Finanzinstitute auf der ganzen Welt zur Informationsbeschaffung über amerikanische Steuerpflichtige ein.

Das Gesetz verlangt von ausländischen Finanzinstituten wie lokalen Banken, Börsenmakler, Hedgefonds, Pensionskassen, Versicherungen, Trusts usw. Informationen an die US-Steuerbehörde IRS über all ihre Kunden, die Amerikaner sind (Staatsbürger und Träger der Greencard, die in den USA  oder im Ausland leben). Die Strafen für Institute, die nicht bereit sind zu kooperieren, sind happig.

FATCA verlangt von US-Staatsbürgern, die Vermögen in der Höhe von über 50'000 Dollar haben, dieses auf einem neuen Formular detailliert zu deklarieren.

(Quelle: American Citizens Abroad)

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Diskriminierung und Spannungen

Laut Sandro Bartolini, Direktor des privaten Beratungsunternehmens US Tax & Financial Services hat sich seit der ersten Ankündigung von Fatca einiges geändert: "Anfänglich waren alle mit dem Unbekannten konfrontiert. Inzwischen sind die Regeln publiziert worden und mehr Informationen erhältlich. Aber sie sind nicht so stringent, wie man gemeint hat. Die Kosten für die Verwaltung des Fatca werden substanziell sein, aber es beginnt sich zu normalisieren."

Bartolini hat von verschiedenen Problemen gehört. Amerikaner seien allein wegen ihrer Staatsangehörigkeit und Auffassung gegenüber Steuererklärung und FATCA aus Handelsgeschäften gedrängt oder am Karriereaufstieg gehindert worden. Wenn ein Amerikaner eine zehnprozentige Beteiligung an einem ausländischen Unternehmen hat, dann ist dieses gemäss Fatca verpflichtet, die Beteiligung dem IRS zu melden.

FATCA habe auch für Spannungen innerhalb gemischter Paare gesorgt, sagen Kritiker. Wenn solche Paare gemeinsame Vermögen haben, verlangt FATCA auch die Bekanntgabe der Identität des nicht-amerikanischen Partners. "Mein Mann, ein Berner, ist wütend", sagt JoAnn Salvisberg, die dem IRS mitteilen muss, wie viel Geld ihr Mann im letzten Jahr auf seinem Konto hatte. "Seiner Meinung nach geht es die USA nichts an, was er auf dem Konto habe. Er hat absolut recht, aber wenn ich es nicht angebe, begehe ich eine kriminelle Handlung."

Zur Handlung gezwungen

Alle Kinder, die auf amerikanischem Boden geboren werden, erhalten automatisch die US-Staatsbürgerschaft. Viele US-Bürger, die im Ausland leben, waren als Kinder von Paaren geboren worden, von denen mindestens ein Elternteil Amerikaner war aber die meiste Zeit im Ausland lebte.

Aufgrund ihrer bescheidenen Beziehungen zu den USA  haben sie wenig Vertrautheit mit der Komplexität des US-Steuerwesens.

Robert*, der die Doppelte Staatsbürgerschaft der Schweiz und der USA hat, kennt das Problem aus eigener Erfahrung.

"Ich wurde in den USA geboren, habe aber nie dort gelebt. Niemand hat mir gesagt, dass ich in den USA eine Steuererklärung abgeben müsse. Meine Eltern haben mir sogar gesagt, dass ich dies nicht tun müsse. Also habe ich es unterlassen. Das war ein grosser Fehler", sagt er. "Jetzt habe ich zwei Rechtsberater – einen in der Schweiz und einen in den USA – und eine Wirtschaftsprüfungsfirma, die sich um mein Steuerproblem kümmert."

Vor zwei Jahren erhielt er einen Anruf von der Schweizer PostFinance, die eine Bestätigung verlangte für seine US-Staatsbürgerschaft. "Sie erklärten mir deutlich, dass sie mit der US-Kundschaft strenger sein würden und ich meine Guthaben sofort verkaufen müsste…Deshalb verkaufte ich alles innerhalb von 15 Minuten."

Am nächsten Tag habe er all sein Geld zur Valiant Bank transferiert, wo ich andere Guthaben hatte. "Ein Jahr später erhielt ich von dieser Bank einen Brief, in dem mir mitgeteilt wurde, dass ich einen Vertrag unterzeichnen müsste, der mich dazu verpflichtet, sämtliche Strafen zu bezahlen, wenn die Bank meinetwegen von den USA angeklagt würde. Die andere Option bestand darin, mein ganzes Guthaben zu verlieren. Ich unterschrieb; obwohl mir die Bank empfahl, meine US-Staatsbürgerschaft so schnell wie möglich aufzugeben, weil man mir trotzdem alle Bankkonten aufheben könnte."

Die Position der USA

Der frühere US-Botschafter in der Schweiz und Liechtenstein, Donald S. Beyer, sagte am 26. März 2013 bei einer Veranstaltung in Washington: "Die gegenwärtige Steuerpolitik der USA zur Bekämpfung von Steuerflucht hat einen negativen Nebeneffekt auf Amerikaner, die im Ausland arbeiten, und das muss thematisiert werden.

In einem gemeinsamen US-schweizerischen Pressecommuniqué vom 21. Juni 2012 sagte Emily S. McMahon, die Verhandlungsführerin des US-Finanzamts: "FATCA ist ein wichtiger Bestandteil der amerikanischen Bemühungen, die Steuerehrlichkeit zu verbessern. Das zwischenstaatliche Rahmenwerk, das heute bekannt gemacht wurde, ermöglicht es, FATCA so umzusetzen, dass inländische gesetzliche Hindernisse angegangen und Belastungen für Finanz-Institutionen reduziert werden. Wir begrüssen die Bereitschaft der Schweiz, die Zusammenarbeit mit den USA im Kampf gegen internationale Steuerflucht zu stärken und zu verbessern.

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Verzicht auf den Pass

IRS-Daten zeigen, dass 2012 weltweit 932 Personen die US-Staatsbürgerschaft aufgegeben haben. 2011 waren es 1781 und 2009 742. 2013 dürften es wesentlich mehr werden, vermutet Jackie Bugnion: "Bevor Fatca zum Thema wurde, hatte niemand von einem Verzicht auf die US-Staatsbürgerschaft gesprochen. Jetzt ist es eine offene Diskussion. Für viele Leute stellt sich aber leider nicht die Frage, soll ich oder nicht, sondern wann soll ich?"

Brian* und Diane*, die seit vielen Jahren in der Schweiz leben, haben vor drei Jahren ihre US-Staatsbürgerschaft aufgegeben. Das sei "indirekt" eine Folge der Steuerkomplikationen gewesen, die sich bei der Pensionierung ergeben hätten, sagen sie.

"Ehrlich gesagt, fühle ich mich seither entspannt. Es gibt so viel Panikmache und gierige Steuer-Rechtsanwälte, die leichtes Geld zu machen versuchen. Viele unserer Freunde befinden sich in einer ähnlichen Lage. Sie sind wütend oder fühlen sich verletzt", sagt Diane.

"Wir kennen viele Leute, die hart arbeiten, um ihre Steuersituation in Ordnung zu bringen. Viele von ihnen sind seit 30 Jahren mit Schweizern verheiratet. Vom amerikanischen Steuerwesen haben sie keine Ahnung."

Fatca verursacht viel Schaden, fügt sie hinzu. "Die amerikanische Regierung macht sich ihre wichtigsten Botschafter in der Welt zum Feind."

(*Namen geändert.)


(Übertragung aus dem Englischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch


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