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Presseschau vom 22.10.2002

Der Neuenburger Ständerat Jean Studer will für die Dreifuss-Nachfolge kandidieren. Die Kampfansage gegen die SP-Frauen wird von der Presse zum Teil bissig kommentiert.

Dieser Inhalt wurde am 22. Oktober 2002 - 10:06 publiziert

Ebenso scharf ins Kreuzfeuer der Medien ist die Rentenanstalt geraten.

"Jean Studer, seul contre toutes", titelt die Genfer Zeitung LE TEMPS. Und auf der Titelseite des Blattes sieht man auf einer Karikatur einen grossen, beleibten Studer bei der Ankündigung seiner Kandidatur fragen: "Heu...quel est le masculin de 'candidature socialiste'?"

Für den Zürcher TAGES ANZEIGER hat der Neuenburger Ständerat Mut. Schon nach den ersten Interviews am ersten Nachmittag seiner Kampagne habe Studer "heiter erschöpft" gewirkt. "Dabei wird sich das parteiinterne Gewitter über dem Störenfried erst in den nächsten Wochen richtig zusammenbrauen."

Spektakel in Sicht

Es brauche sehr viel Männerehrgeiz, zu glauben, die SP-Basis, auch die welsche, wolle für das nächste Jahrzehnt den braven Jean Studer vom Sockel des Dreifuss-Monuments herablachen sehen, schreibt der TAGES ANZEIGER weiter.

"Am wahrscheinlichsten ist aber, dass Jean Studer das jetzt anlaufende Spektakel geniesst, um sich dann, bevor die Fetzen fliegen, im Interesse der Partei nobel aus dem Rennen zu nehmen", meint der TAGI. Denn für einen, der erst seit drei Jahrern im Ständerat wirke, sei auch der Titel "Bundesratskandidat" ein ehrenvolles Resultat.

Sich selber keinen Dienst erwiesen

"Der mutige (oder eher ehrgeizige?) Neuenburger Ständerat schert sich nicht um Quoten und politische Korrektheit", schreibt die BERNER ZEITUNG. "Er sieht eine winzige Chance, sein Politikerleben zu krönen, und er will sie packen."

Klar sei jedenfalls, dass Studer sich keine Dienst erweise. Auch wenn die bürgerlichen Parteien ihre Sympathien "gezielt den Männern" angedeihen liessen, würden sie am Schluss dennoch eine Frau in den Bundesrat wählen, meint die BZ. Schliesslich wäre ein ähnliches Szenario wie vor der Dreifuss-Wahl im Hinblick auf die nahenden Parlamentswahlen beste Munition für die SP.

"Und Studer?", fragt sich die BZ und antwortet gleich selbst: "Diesem droht die Rolle des Hofnarren."

Ein richtiger Mann

Nein, für die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG ist Jean Studer kein Hofnarr, sondern "ein richtiger Mann", wie die NZZ titelt - mit einem Augenzwinkern, wie sich im Kommentar feststellen lässt.

Seit Montag laufe nun die Fortsetzungsgeschichte um die Nachfolge von Bundesrätin Ruth Dreifuss, und zwar unter dem Titel "Gruppenbild mit Mann". Und, in Klammer, vermerkt die NZZ, Spötter würden der Variante "Ladykiller" den Vorzug geben.

Der Mann, der den Bundesrats-Anwärterinnen den Fehdehandschuh hinwerfe - "sofern diese maskulin-martialische Metapher auf die Beziehungen zwischen Genossinnen und Genossen angewendet werden darf" - sei zwei Meter gross, spreche mit tiefer Bassstimme und heisse Jean Studer. "Ein Mann, ein richtiger Mann also, wie Helmut Berger in Viscontis Filmepos 'La caduta degli dei' singt."

Und man müsse ja auch kühn sein, um den Anspruch der Frauen auf zwei Bundesratssitze in Frage zu stellen, schreibt die NZZ weiter und meint, das grösste Problem dürfte für Studer allerdings darin liegen, seine Parteigenossen zu überzeugen. Nach dem Motto: "Gott, helfe mir gegen meine Freunde. Mit meinen Gegnern werde ich schon fertig."

Fehler am laufenden Band

Hart ins Gericht gehen die Zeitungen mit der Rentenanstalt, die ihr Halbjahresergebnis um fast 200 Mio. Franken nach unten korrigieren muss. Und zwar wegen eines Fehlers in der Bewertung von Wertschriften, der durch die Einführung einer neuen Finanzsoftware entstanden ist.

"Rentenanstalt sbaglia a contare", titelt der CORRIERE DEL TICINO. Und LE TEMPS spricht von einem "buchhalterischen Bock", den die Rentenanstalt geschossen habe. Und das sei "ein Schlag für die Glaubwürdigkeit von Swiss Life".

Für die NEUE LUZERNER ZEITUNG "sieht die Rentenanstalt alt aus". Die NLZ schreibt: "Swiss Life nennt sich die Rentenanstalt neudeutsch. Das ist kein Grund, um nicht altbewährte Werte zu pflegen. Seriöse Qualitätsarbeit, das hätte dem schlingernden Konzern etliche Probleme erspart. Und den Aktionären und Versicherten auch."

Es handle sich um den dritten peinlichen Rechnungsfehler, schreibt der TAGES ANZEIGER, der sich die Frage stellt: "Was soll man da nur machen, wenn die nicht rechnen können?"

Dilettanten am Werk?

"Peinlich. Der Versicherungskonzern hat sich schon wieder massiv verrechnet", schreibt die AARGAUER ZEITUNG und meint, das Vertrauen in die technologische Kompetenz des marktführenden Lebensversicherers in der Schweiz sei erschüttert. "Sind da Dilettanten am Werk?", fragt sich die AZ.

Diese Fehler der Rentenanstalt würden auch die Börse verunsichern, schreibt die BASLER ZEITUNG. Für die NZZ ist das alles "peinlich, peinlich". Für das Malheur seien in erster Linie Führungsschwächen verantwortlich zu machen. Und besorgt fragt sich die NZZ: "Sind die Lehren aus diesen Pannen jetzt gezogen worden?"

Wie die Lehren am besten gezogen werden könnten, zeigt uns die Karikatur auf der Titelseite des Berner BUND: Rentenanstalt-Konzernchef Roland Chlapowski und Verwaltungsrats-Präsident Andres Leuenberger sitzen auf der Schulbank in der Nachhilfestunde für Rechnen. Und der Lehrer sagt: "Begrüssen wir unsere beiden neuen Mitschüler Roland und Andreas!"

swissinfo, Jean-Michel Berthoud

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