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Schwarzer oder sonniger Tag für den Tourismus?



Stopp dem Zweitwohnungsbau: Fluch oder Segen für das Berggebiet?

Stopp dem Zweitwohnungsbau: Fluch oder Segen für das Berggebiet?

(Keystone)

Business im Flachland, Natur in den Bergen: Das Stimmvolk in den Mittelland-Kantonen stoppt dem Berggebiet den Bau von Zweitwohnungen. Ist das Verdikt für die betroffenen Gemeinden eine wirtschaftliche Katastrophe oder eine Chance?

"In allen Gemeinden, in denen der Anteil 20 Prozent beträgt, darf man ab heute keine Zweitwohnungen mehr bauen". So hat es das Schweizer Stimmvolk am Sonntag mit ganz knapper Mehrheit entschieden.

Aber was ist mit den geplanten Zweitwohnungen, für die bereits eine Bewilligung vorliegt? Was gilt überhaupt als Zweitwohnung? Gehören bewirtschaftete Ferienwohnungen auch dazu? Was geschieht mit Wohnungen, die im Grundbuch weder als Erst- noch als Zweitwohnungen eingetragen sind? Wie reagiert der Markt; wird er sich auf die Erstwohnungen stürzen und die Preise in die Höhe treiben, bis sich die Einheimischen ihre eigenen Häuser nicht mehr leisten können?

Fragen über Fragen, auf die man in den betroffenen Regionen noch keine Antwort hat. "Wir müssen warten, bis die Bundesgesetzgebung festlegt, was konkret gilt, und dann unsere Gemeindegesetzgebung anpassen", sagt Claudia Troncana, Gemeindepräsidentin von Silvaplana, gegenüber swissinfo.ch.

Wie in zahlreichen Gemeinden der Bergkantone liegt der Anteil Zweitwohnungen auch in Silvaplane mit 60 Prozent deutlich über dem Wert der Initiative. Das Oberengadin habe aber in den letzten Jahren einiges unternommen, um die Entwicklung zu korrigieren, sagt Claudia Troncana: "2008 haben wir eine Kontingentierung eingeführt und damit erreicht, dass jährlich nur 800 Quadratmeter Zweitwohnungsfläche statt 2000 oder 3000 Quadratmeter gebaut wurden".

Silvaplana hat als bisher erste und einzige Gemeinde eine Lenkungsabgabe auf nicht vermieteten Ferienwohnungen beschlossen. Die Massnahme wird derzeit auch vor Gericht bekämpft. Der Entscheid könnte landesweite Auswirkungen haben, weil auch andere Gemeinden im Kampf gegen kalte Betten mit dieser Massnahme liebäugeln.

15 Prozent weniger Arbeitsplätze

"Die Initiative wird gravierende direkte Folgen, aber auch Nebenwirkungen haben", prophezeit die Gemeindepräsidentin. "Im ausführenden Gewerbe wird es noch zwei Jahre Arbeit geben, dann ist schlagartig Schluss." Man rechne mit 15 Prozent Arbeitsplätzen, die im Oberengadin kurzfristig verloren gingen.

Einen Teil des Problems werde man exportieren können, weil es die Grenzgänger als Erste treffe. Auf die Region Chiavenna in der italienischen Nachbarregion, die stark vom Oberengadin lebe, werde ein riesiges Problem zukommen, befürchtet Claudia Troncana. "Es gibt Grenzgänger, die seit 35 Jahren bei uns arbeiten und Familien ernähren."   

Aber auch den peripheren Regionen sei eine Entwicklungsmöglichkeit gestoppt worden. Nun werde sich die Abwanderung in strukturschwachen Gemeinden beschleunigen.

Wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet?

Unsicherheit über die Auswirkungen herrsche auch bei den Hoteliers, sagt Guglielmo Brentel, Präsident des Branchenverbands Hotelleriesuisse gegenüber swissinfo.ch.  

Was bedeutet das Verdikt für Hotels, die ihr Zimmerangebot mit hybriden Bewirtschaftungsformen, also mit einem Teil Zweitwohnungen erweitern müssen, um zu überleben? "Wird man die Initiative Tourismus verträglich umsetzen oder das Kind mit dem Bad ausschützen und am eigentlich Ziel vorbeischiessen", fragt sich Guglielmo Brentel.

Für die Ziele, sagt er, hätten die Hoteliers nämlich Sympathie gehabt. "Kalte Betten sind ein Problem in den Tourismusregionen, gegen das wir schon lange kämpfen."

Tourismus lebe zwar von der Natur, aber nur von einer "erlebbaren". "Ein Berg ist touristisch nur interessant, wenn eine Bahn hinaufführt." Hotels, Restaurants, Geschäfte, Bahnen, aber auch Ferienwohnungen mit warmen Betten gehörten zum Tourismus, "sonst gibt es ein Nischenprodukt für Naturliebhaber, und davon kann die Bergregion nicht leben".

Stilblüten des Wohlstands

Aber warum kauft jemand für eine halbe Million Franken im Berggebiet eine Wohnung, die er nur ein paar Tage im Jahr benützt? Mit dem Geld könnte er während Jahrzehnten jährlich 14 Tage im Erstklasshotel verbringen?

"Eine wirtschaftliche Erklärung gibt es dafür nicht. Aber offensichtlich wählt man das Hotelzimmer mit dem Kopf und die eigene Wohnung mit dem Bauch. Es ist ein Zeichen des Wohlstands", sagt der Hotelier-Präsident. Es seien aber nicht nur Ausländer, sondern hauptsächlich Schweizer, die eine Zweitwohnung besässen."

Der Gast werde immer bequemer. "Er will nicht mit viel Gepäck reisen, sondern alles schon am Ziel haben. Das Kissen muss riechen wie zuhause." Immer mehr Gäste liessen sich das Essen nach Hause bringen. Im Catering gebe es einen eigentlichen Boom.

Dass das Hotel viele exklusive Dienstleistungen anbiete, sei vielen Gästen zu wenig bewusst, wirbt der Hotelier-Präsident. "Und man kommt mit andern Leuten in Kontakt, muss keine Handwerker aufbieten, wenn etwas nicht funktioniert, und vor der Abreise auch nicht für die Reinigung aufkommen", erinnert Brentel.

Zukunft der Bergwelt nicht verbauen

Das Abstimmungsresultat zeige, dass die Bevölkerung zu ihrer Landschaft, aber auch zu ihrem Tourismus Sorge trage, bilanziert Beat Jans, Nationalrat der Sozialdemokratischen Partei (SP). Die SP-Fraktion hatte als einzige Bundesratspartei die Initiative unterstützt, obwohl sie "einen tauglichen Gegenvorschlag" bevorzugt hätte, sagt Jans.

Dass eine Mehrheit in den Mittellandkantonen einer Minderheit im Berggebiet einen Baustopp verordne, sei ein Problem, aber Teil der Demokratie, sagt der Sozialdemokrat aus dem Kanton Basel-Stadt. Umgekehrt seien wichtige Anliegen der Städte auch schon von den Bergkantonen überstimmt worden.      

Ausschlaggebend für das knappe Ja sei eine Kampagne der Baulobby gewesen, die damit geworben hätte, die Initiative abzulehnen, um die Zukunft des Berggebiets zu retten, vermutet Jans. "Das hat im Unterland eine heftige Gegenreaktion ausgelöst, weil offensichtlich wurde, dass man die Zukunft nicht gestalten kann, indem man sie zubaut." 

Rasche Klärung

Die Gegner der Initiative verlangen, dass rasch geklärt werde, welche Zweitwohnungen von der Begrenzung ausgeschlossen seien. Für strukturschwache Gemeinden fordern sie Ausnahmebestimmungen.

Mit der Umsetzung des revidierten Raumplanungsgesetzes, das kürzlich in Kraft getreten sei, hätten die Probleme besser und schneller gelöst werden können, bedauert Thomas Egger, Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete, gegenüber der Nachrichtenagentur SDA.

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Wallis fordert Ausnahmen

Der Volksentscheid werde die wirtschaftliche Aktivität im Wallis bremsen. Die Konkretisierung könnte auf grosse Schwierigkeiten stossen, vermutet der Walliser Volkswirtschaftsdirektor Jean-Michel Cina.

Er rechne mit einer Flut von Baubewilligungsgesuchen bis zum Inkrafttreten am 1. Januar 2013.

Der Kanton Wallis erwarte von den Initianten und der Regierung, dass sie auf gewisse Parameter Rücksicht nähmen.

Der Bau von bewirtschafteten Zweitwohnungen, der Verkauf von Zweitwohnungen, die Umwandlung von leeren Bauten, sowie von Erst- in Zweitwohnungen sollten weiterhin möglich sein, fordert Cina.      

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swissinfo.ch


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