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Schweizer Hilfe für "Agent Orange"-Opfer

Der Orhopäde Daniel Hueskes behandelt einen vietnamesischen Knaben. (Foto Hueskes)

Im Vietnamkrieg haben die USA ganze Dschungelgebiete entlaubt. Das versprühte Entlaubungsmittel enthielt Dioxin, was heute noch zu Missbildungen an Neugeborenen führt.

Green Cross Schweiz und Schweizer Fachleute unterstützen Vietnam bei der Bewältigung dieser Spätfolgen. Sie versorgen die Betroffenen mit Operationen, Prothesen und bilden Fachleute aus.

Wer von der alten vietnamesischen Kaiserstadt Hué an die Grenze von Laos fährt, kommt ungefähr auf halber Distanz bei einem markanten Hügel vorbei, den die Amerikaner Rockpile nannten.

Auf dem Hügel befanden sich während des Krieges in Vietnam weitreichende Artillerie. Von hier aus wurden auch die Sprühflüge zum Entlauben des vietnamesischen Dschungels koordiniert. Im Schutze des Blätterdachs brachte Nordvietnam Truppen und Kriegsmaterial in den Süden.

Heute gehört Vietnam zu den wirtschaftlich boomenden Tigerstaaten. Das Land kämpft jedoch immer noch gegen die Spätfolgen des Krieges. Dazu gehören auch die Folgen durch die Entlaubung der Wälder.

Um das Laubdach zu zerstören, das die nordvietnamesischen Truppen schützte, versprühten die US-Streitkräfte über 40'000 Tonnen eines Dioxinhaltigen Herbizids. Dioxin ist eine der giftigsten Substanzen überhaupt. Die Amerikaner gaben dem Herbizid damals den Codenamen "Agent Orange". Dioxinrückstände gelangen noch heute in die Nahrungskette und schädigen so das menschliche Erbgut.

Den Vergessenen helfen

So werden in Vietnam, gemäss Schätzungen, jährlich 3500 Kinder mit körperlichen oder geistigen Missbildungen geboren.

"Vietnam tut viel", sagt Christina Bigler, Leiterin Programm Sozialmedizin bei Green Cross Schweiz, "mit Ärzten, Heilpädagogen oder Rehabilitations-Kliniken, aber es reicht nicht."

Weil nebst Geld auch Fachleute fehlten, unterstützt Green Cross Schweiz seit 1998 die sozialmedizinischen Hilfeleistungen für die Agent-Orange-Opfer in Vietnam.

Geholfen wird den "Vergessenen". Das ist jene Generation, die unmittelbar nach Ende des Krieges zur Welt gekommen ist, als Vietnam durch den Krieg zerstört am Boden lag. Durch eine gezielte orthopädische Versorgung erhalten diese heute 20 bis 35-jährigen Versehrten eine neue Chance in ihrem Leben.

Kinder zurück in die Gesellschaft führen

"Aber auch den behinderten Kindern der heutigen Generation müssen wir eine Chance geben", sagt Christina Bigler. "In der vietnamesischen Denkart ist eine Behinderung ein Karma, selbstverschuldet, was Ausschluss aus der Gesellschaft bedeutet."

Mit einem Integrationsprojekt versucht Green Cross die Problematik der gesellschaftlichen Ausgrenzung zu verringern.

Als Beispiel erzählt Christina Bigler von der kleinen Thuy. "Little Thuy erhält seit vier Jahren Hilfe von uns." Sie wohne im Berggebiet und sei mit einem verkrüppelten Bein auf die Welt gekommen. Beide Grossväter waren im Krieg. "Little Thuy ist nun 11 Jahre alt und bis zum 18. Lebensjahr wird sie von Green Cross unterstützt werden, da die Prothesen immer angepasst werden müssen."

Die Eltern des Mädchens haben einen Mikrokredit erhalten, um eine Milchkuh zu kaufen. Nun hat Thuy eine Aufgabe, die Kuh zu hüten und die Milch zu verarbeiten. "Damit ist sie in die Gesellschaft integriert und entgeht dem erwähnten Karma."

Heilpädagogische Betreuung

Wie die kleine Thuy, brauchen viele Kinder mit Missbildungen eine Prothese. Auch hier sind von Green Cross unterstütze Schweizer Spezialisten im Einsatz, die sogar eigene finanzielle Mittel einsetzen: Claude Müller, Chirurg am Basellandschaftlichen Bruderholzspital oder der Basler Orthopäde Daniel Hueskes, der für seine Leistungen in der Orthopädie kürzlich die Ehrendoktorwürde der Universität Basel erhielt.

"Wir sind seit 2003 bis mindestens 2010 pro Jahr einige Wochen in Hanoi und operieren, fertigen Prothesen, geben Seminare und stellen unsere Erfahrung beim Aufbau weiterer Reha-Kliniken zur Verfügung", sagt Daniel Hueskes.

Diese Art von Behinderung sei ein Dauerzustand und beeinflusse das ganze Leben. Kinder brauchten eine alljährliche Versorgung und krankengymnastische Betreuung. Dazu baut Vietnam im ganzen Land Reha-Zentren auf.

In abgelegenen Gegenden helfen

Doch Green Cross Schweiz plant schon weiter: Im abgelegenen vietnamesischen Hochland gibt es zahlreiche Bergstämme, die in Gegenden wohnen, die mit "Agent Orange" besprüht worden waren. Die dort behinderten Kinder und Erwachsenen haben bislang kaum Hilfe erhalten.

"Jetzt wollen wir auch diese abgelegenen Dörfer erreichen", sagt Christina Bigler. "Dort leben zum Teil Schwerstbehinderte und wir werden nicht nur diesen Kindern, sondern auch den Eltern helfen, denn die sind von der Pflege rund um die Uhr erschöpft."

Es gehe vor allem darum, auch heilpädagogische Hilfe zu leisten. "Wir versuchen das fortschrittliche heilpädagogische Wissen in der Schweiz nach Vietnam zu bringen."

swissinfo, Urs Maurer

In Kürze

Green Cross Schweiz setzt sich für die Bewältigung der Folgeschäden aus Industrie- und Militärkatastrophen ein.

In Vietnam unterstützt die Organisation Orthopädieprojekte für Kinder und Vergessene.

Bis heute wurden 1300 Personen behandelt.

Ein Projekt, die Früherkennung von Behinderungen zu verbessern, musste aus finanziellen Gründen aufgegeben werden.

Aufgebaut wurde – in Zusammenarbeit mit der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) ein Ausbildungszentrum für Orthopädie. Es wurde nun von Vietnam (University of Labour and Social affairs) übernommen.

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Agent Orange

Ist der militärische Codename eines Herbizids mit dem Wirkstoff 2,4,5-Trichlor-phenoxyessigsäure.

Das Mittel wurde im Vietnamkrieg 1967 erstmals durch die US Army zur Entlaubung von Wäldern und Nutzpflanzen eingesetzt.

Da Agent Orange (TCDD) Dioxin (Verunreinigung 0,05 mg/kg.) enthält, erkrankten in Folge viele Bewohner der betroffenen Gebiete, aber auch US-Soldaten.

In Vietnam wurde über 300 kg reines Dioxin in Verbindung mit den eingesetzten Herbiziden freigesetzt. Zum Vergleich: In Seveso kamen insgesamt 1,5 kg TCDD frei.

Bei einer Kontamination, die auch heute noch wegen der Rückstände im Boden auftritt, wird das Erbgut der betroffenen Personen geschädigt, was zu erheblichen Behinderungen iderer Kinder führen kann.

Gemäss WHO sind in Vietnam mehr als 400'000 (anderer Quellen sprechen von 800'000) Menschen körperlich behindert. Vietnam hat den grössten Behindertenanteil der Welt.

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