Seveso: Wird auch die Angst entschädigt?

swissinfo.ch

Italien fordert Schadenersatz. Nicht nur bei den Asbestklagen. Auch gegen Givaudan wegen psychischen Schäden - 26 Jahre nach Seveso.

Dieser Inhalt wurde am 26. Februar 2002 - 13:15 publiziert

Die umweltproblematische Vergangenheit holt Schweizer Unternehmen ein. ABB ist mit Schadenersatzforderungen aus den siebziger Jahren in den USA konfrontiert. Die Glarner Eternit AG mit Forderungen aus dem Piemont, die sie ablehnt, weil keine Verbindungen zur Eternit Italia Spa bestehe. Beide Mal geht es um Asbestfolgen.

Aber auch der Seveso-Unfall mit den schrecklichen Dioxin-Vergiftungen ist für die Genfer Givaudan noch nicht ausgestanden.

Seveso: 26 Jahre danach

26 Jahre nach dem katastrophalen Dioxin-Unfall in Seveso hat der oberste Gerichtshof Italiens erstmals für psychische Belastungen Schadenersatz gutgeheissen. Der Entscheid basiert auf einem Verdikt von 1997. Sind nun weitere Klagen zu erwarten, wie sie kürzlich ein Mailänder Advokat ankündigte?

Die verursachende "Icmesa" in Seveso war damals eine Givaudan-Tochter innerhalb des damaligen Hoffmann-La Roche-Imperiums. Die Givaudan, inzwischen ein selbständiges Unternehmen in Genf und deshalb alleinverantwortlich, lässt sich aber nicht aus der Ruhe bringen.

Es geschah am 10. Juli 1976. Aus der Icmesa-Fabrik entwich eine Dioxinwolke. Während der Herstellung von Trichlorphenol war es zu einer Überhitzung gekommen, die die Scheibe eines Sicherheitsventils bersten liess. Die hochgiftige Substanz gelangte über den Schornstein in die Umwelt.

115 Hektaren grosse Gefahrenzone

Die Giftgaswolke verteilte sich über grössere Gebiete der zwischen Mailand und Como gelegenen Gemeinden Seveso, Meda, Cesano Maderno und Desio. Hunderte von Menschen wurden aus einer 115 Hektaren grossen Gefahrenzone evakuiert, Kinder litten innert kürzester Zeit an Chlorakne, Haustiere starben und Pflanzen verdorrten.

Nach dem Verenden von 3300 Tieren wurden im verseuchten Gebiet bis 1978 insgesamt 77'000 Tiere notgeschlachtet, um das Eindringen des extrem giftigen 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin (TCDD) in die Nahrungskette zu verhindern. Ärzte rieten den Frauen zur Einnahme empfängnisverhütender Mittel. Schwangere entschlossen sich zum Schwangerschaftsabbruch. Über 200'000 Menschen mussten sich mit der Zeit regelmässigen ärztlichen Kontrollen unterziehen.

Tausende neuer Klagen?

Für den Bau neuer Häuser, für Entsorgung und Entschädigungen hat Roche bisher rund 300 Mio. Franken aufgewendet. Man glaubte den Fall abgeschlossen.

1997 erhielt überraschenderweise ein lokaler Gewerbler das Recht auf eine "Angst-Abfindung" von 3000 Franken, obwohl er 1976 ohne materielle Schäden geblieben war. Das Römer Kassationsgericht hatte es ihm zugesprochen.

Dieses Urteil der höchsten Landesinstanz öffne nun Tür und Tor für neue Entschädigungs-Forderungen. Dies jedenfalls hat ein Mailänder Anwalt angekündigt, der zehntausend potenzielle Kläger vertritt. Auf die Givaudan dürften weitere Forderungen von Menschen zukommen, die einen psychischen Schaden geltend machen.

Vor 15 Jahren Forderungen unterschrieben

Givaudan-Sprecher Peter Wullschleger sagte gegenüber swissinfo, dass es sich dabei um eine theoretische Anzahl potenzieller Kläger handle. "Vor 15 Jahren unterschrieben 10'000 Menschen eine Forderung. Wir wissen aber, dass ein grosser Teil von ihnen zum Zeitpunkt des Unglücks vor 26 Jahren gar nicht in der Gegend wohnte. Tatsächlich sind nur noch etwa 20 Fälle hängig."

Givaudan scheint nach dieser Öffnung der italienischen Justiz nicht besonders beunruhigt zu sein. Auch die Börse hat nicht besonders reagiert. Dennoch hat der Genfer Aroma- und Parfümproduzent nicht vor, sich zu sehr zurück zulehnen. "Wir sind uns sicher, dass es sich nicht um eine finanzielle, sondern um eine prinzipielle Angelegenheit handelt. Falls weder körperliche noch materielle Schäden vorliegen, glauben wir nicht, dass unser Unternehmen betroffen ist", so das Fazit von Wullschleger. Das letzte Wort ist jedoch noch nicht gesprochen.

Marzio Pescia
(Übersetzung: Alexander P. Künzle)

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