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Sinkt der Dollar, steigt das Fernweh

Tiefe Preise sind für die Wahl des Ferienziels entscheidend.

(swissinfo.ch)

Die Wirtschaftsaussichten klären sich etwas, auch in der Schweiz. Die Reiseveranstalter erhoffen sich positive Auswirkungen aufs Reiseverhalten.

Die Ferienmessen werden den Trend zeigen. Und dieser liegt im vermehrten Direktverkauf.

Schon um die Weihnachtstage habe man am Reisebüro-Schalter ein gegenüber dem Vorjahr leicht besseres Klima und mehr Bedarf an Beratung festgestellt, sagen Reiseprofis an der Berner Ferienmesse.

Mit der Messe in Bern beginnt der jährliche Reigen dieser Veranstaltungen in den grösseren Schweizer Städten. Beworben werden die Schweizer Ferienhungrigen.

Schweizer geben jährlich weit über 10 Milliarden Franken fürs Reisen ins Ausland aus. Davon fliesst ein beträchtlicher Teil über die Umsätze der Schweizer Reisebüros, Veranstalter und Airlines, in Form von Pauschal-Arrangements, Einzelreisen oder Flugtickets.

Die Wirtschaftsprognostiker sagen fürs laufende Jahr einen sachten Anstieg der Konjunktur voraus, was sich laut Reiseveranstaltern auch aufs Reiseverhalten auswirken könnte.

Strukturprobleme schütteln die Branche

Seit Jahren kämpft die Branche mit schwierigen strukturellen Problemen. Dazu kommen periodisch Terroranschläge und Grossunfälle, was die Nachfrage zusätzlich dämpft. So schrumpft die Anzahl der Reisebüros im ganzen Land stark, während der sogenannte Direktverkauf von Reisen, auch übers Internet, seit Jahren rasant zunimmt.

Besonders der Direktverkauf über die Günstig-Airlines (Linien-, nicht Chartergesellschaften wie Easy Jet) setzt den Reisebüros zu. Sogar die inoffizielle nationale Airline Swiss versuchte über ihren eigenen Direktverkauf, die Ticketpreise im Reisebüro zu unterbieten.

Wenige Tage vor der Ferienmesse-Saison haben sich Swiss und die Reisebüros geeinigt, so dass Swiss weiterhin wieder als "Prefered Partner" der Schweizer Industrie figuriert. Mit anderen Worten: An Reisebüro-Schaltern werden bei der Anfrage nach einem Flug zuerst die Swiss-Angebote aufgezählt.

Vom Direktverkauf zur Billigmarke: "Easy"

Auch Veranstalter verkaufen "direkt", nämlich über ihre Billigmarken. Vögele Reisen (jetzt eine TUI Suisse-Marke), gilt hier als Pionier. Doch inzwischen gibt es "Netto-Reisen" von Kuoni, und bald schon "Easy" von Hotelplan. Nach der Berner Ferienmesse soll will Hotelplan dieses Produkt vorstellen. Solche Direkt-"Billigmarken" konzentrieren sich auf bekannte Bade-Ziele für Schweizer.

Der"indirekte" klassische Verkauf geht weiterhin über die Reisebüros. Sie verdienen ihr Geld als "Wiederverkäufer" immer noch grösstenteils in Form der Marge, die ihnen pro verkauftes Produkt zusteht. Direkt dem Kunden verrechnete Beratungsgebühren werden zögernd eingeführt. Sie machen die Umsatzeinbusse der letzten Krisenjahre noch lange nicht wett.

Die Intensität des Besucherinteresses an den Ferienmessen zu Jahresbeginn wird von der Reiseindustrie als Nachfrageindikator für die kommende Saison interpretiert. Besondere Vorlieben für gewisse Reiseziele, die trendy sind oder für die viel geworben wurde, zeichnen sich ab oder eben nicht. Für die Branche sind dann weitere Zukäufe von Kapazitäten an diesen Destinationen angesagt.

Charter-Ängste: Reisegarantiefonds wichtiger als "Schwarze Liste"

Das Reiseverhalten der Konsumenten gilt ausserdem oft als sogenannter vorauseilender Konjunkturindikator. Es hat sich statistisch gegenüber dem Konsumverhalten in anderen Branchen als resistenter erwiesen. Allerdings sorgen Sicherheits- und Terrorängste für unvorhersehbare Schwankungen.

Dennoch glauben die Reiseprofis an der Berner Ferienmesse kaum, dass sich die Katastrophe der ägyptischen Flash Airlines aufs Buchungsverhalten in der Schweiz auswirken wird.

Im Gegenteil, es dürfte dieses Jahr aufgrund des schwachen Dollars mehr Nachfrage nach Übersee-Charterplätzen geben als in den letzten Jahren – falls keine einschneidenden Attentate passieren.

Nicht ahnungslos, sondern tiefpreisfixiert

Die Reiseveranstalter wollen nun die Messebesucher davon überzeugen, dass die vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) teilweise publizierte schwarze Liste mit zweifelhaften Charter-Airlines nicht relevant sei. "Ausschlaggebend ist der Reisegarantiefonds der Branche. Dort sind alle von der Branche garantierten Airlines aufgezählt", heisst es an den Messeständen.

"Wenn sich nun einzelne Kunden wegen einigen Franken Preisunterschied für eine unbekannte Charter-Gesellschaft entscheiden, ist das ihre Sache. Doch viele Reisebüros lassen solche Kunden dann schriftlich und separat bestätigen, dass sie die Verantwortung selber übernehmen", erklären die Schalterleute.

Zumindest in der Schweiz sind die Reisenden also nicht unbedingt ahnungslos oder schlecht beraten, sondern auf den tiefsten Preis fixiert. So sei auch der Konkurs von Avione vor einigen Monaten nicht überraschend gekommen: Die Gesellschaft war nicht im Garantiefond aufgeführt.

Traditionell hätten Schweizer Buchende immer genau darauf geachtet, welche Charter-Airline im Ferien-Package den Transport übernimmt.

Das war auch der Grund, weshalb Veranstalter wie Kuoni oder Hotelplan eigene Gesellschaften für den Chartertransport gründeten ("Edelweiss", "Belair"). "Aus unserer Sicht ist nicht die Publikation der schwarzen Liste das wichtigste, sondern der Umstand, dass beim BAZL die Aufsichtskontrolle funktioniert", sagt Thomas Stirnimann, Chef von Kuoni-Schweiz.

Selbst wenn sich ein Schweizer Veranstalter für ein solches Hochrisiko-Flugzeug entscheiden wollte, ginge das nicht, weil laut Stirnimann der Veranstalter dann von BAZL keine Genehmigung erhalten würde.

Wenn Schweizer hingegen im Ausland Günstig-Arrangements buchen, weil es dort noch billiger sei, falle dies nicht in die Verantwortung der Schweizer Reiseindustrie.

SARS oder Dollar

Die Reiseprofis bereiten sich auch auf die obligate SARS-Frage an den Ferienmessen vor. "Das erneute Auftreten von SARS dürfte nicht mehr zu einer derartigen Presse-Welle führen wie vor einem Jahr", schätzt man in Bern an der Messe. "Denn das Risiko lässt sich nun viel besser einordnen. Asien ist gross genug zum Entdecken. Der Reisende muss ja jetzt nicht unbedingt nach Südchina, um infizierte Katzen zu essen."

Auf Asien als Destination setzt derzeit ein grosser Teil der Reisebranche aus Wechselkursgründen. In Asien gilt der Dollar als Vertragswährung im Reisebusiness. Fernziele seien wegen des schwachen Dollars ganz allgemein als Ferienorte für Schweizer attraktiver geworden.

Im Fall der USA ist die Einschätzung der Reisebranche gespalten. In Bern an der Messe gibt man ihr nicht allzu viel Chancen – auch mit dem billigen Dollar nicht. Die Gründe der reservierten Haltung der Schweizer seien hier politisch. Anders Thomas Stirnimann von Kuoni: In den USA verbilligen sich sowohl die Reise selbst als auch die Nebenkosten an Ort. Er schätzt die Einsparung bis auf 20%.

TUI Suisse hat die Preise für Nordamerika im Katalog 5 bis 10% günstiger im Angebot als vor Jahresfrist, bestätigt TUI-Sprecher Roland Schmid gegenüber swissinfo. Diese Katalogpreise werden das ganze Jahr über gültig sein. Die Kataloge erscheinen in diesen Tagen.

Phuket billiger als Rimini?

Grosse Veranstalter sicherten schätzungsweise nur die Hälfte ihrer Dollar- und Eurotransaktionen bei den Banken vorher ab. "Sie wollen ja noch etwas mit der Aussicht auf Wechselkursgewinne spekulieren", erklärt Hanspeter Zeier, Spezialist für das südliche Afrika.

In Afrika selbst habe der Euro als Vertragswährung jedoch stark an Gewicht gewonnen, so Zeier. Eine währungstechnische Verbilligung für Ziele dieses Kontinents sei deshalb unwahrscheinlich.

Ferien-Pakete in Europa selber, so schätzt man an der Berner Ferienmesse, würden in den Reisekatalogen selber nicht teurer werden. Doch werde man als Tourist dann an Ort den teuren Euro sicher spüren, etwa in Form hoher Nebenkosten.

Katalogpreis und Preis an Ort

Dies bestätigt auch Roland Schmid: "Die Verträge für diesen Sommer wurden vor einem Jahr abgeschlossen, was die Euroländer betrifft. Die Pauschalpreise erhöhen sich nicht. Die Leistungen an Ort schon, wenn man vom heutigen Stand ausgeht. Nur wissen wir nicht, was der Euro im Sommer wert sein wird."

Weder der Dollar noch der Euro, sondern ein Jubiläum beflügelt dieses Jahr die Ferndestination Südafrika. Das Land plant in der Schweiz für 2004, dem zehnjährigen Bestehen des "Neuen Südafrika", zahlreiche Events. Neben der Promotion als Reiseziel wird Südafrika im März offiziell 99 Südafrikaner aus neun Provinzen in neun Schweizer Regionen verteilen und ihre Erfahrungen mit der Schweiz, die schon 700 Jahre besteht, medial auswerten.

Reisezweck statt Reiseziel: Wellness

Der Berner Ferienmesse-Direktor Mario Pessina weist gegenüber swissinfo auf den Umstand hin, wonach Trendforscher bestätigen, dass der Reisezweck gegenüber der Reisedestination stark in den Vordergrund trete. Dabei liegt als Zweck-Thema die dominierende Wellness auf der Hand. Die Berner Ferienmesse war die erste in der Schweiz, die systematisch das Thema Gesundheit als Alternative zum blossen Verreisen anbot.

Die demografischen Verhältnisse (hoher Anteil an Senioren in der Bevölkerung) und eine einsetzende Reisemüdigkeit der Schweizer Konsumenten ab 50, die viele Reiseziele schon gesehen haben, lassen den Reisezweck immer wichtiger erscheinen.

In der Schweiz und in Europas Alpengebieten wurde im letzten Jahrzehnt Milliarden in Wellness-Infrastrukturen investiert. Der "Einklang von Körper, Seele und Geist" ist es offenbar immer mehr wert, statt weit weg zu reisen möglichst nah zu bleiben und – in luxuriösem Ambiente - tief in sich selbst zu sehen.

swissinfo, Alexander Künzle

In Kürze

Die Berner Ferienmesse hat als jährlich jeweils erste Veranstaltung dieser Art in der Schweiz ihre Tore geöffnet.

Die Reiseindustrie gibt sich etwas zuversichtlicher als vor Jahresfrist. Über sie läuft ein guter Teil jener mehr als 10 Milliarden Franken pro Jahr, welche die Schweizer Bevölkerung für Reisen ins Ausland insgesamt ausgibt.

Die Reisebüros freuen sich auf den schwachen Dollar, der vor allem Fernziele, nicht nur die USA selbst, stark vergünstigt. Der teure Euro hingegen könnte, falls er bis zum Sommer teuer bleibt, die Ferien in Euroland etwas verteuern.

Möglichen Charter-Ängsten setzen die Reisebüros ihren Garantiefonds entgegen. Risiko-Chartergesellschaften werden vom Garantiefonds gar nicht abgesichert. Veranstaltern würde eine Zusammenarbeit gar nicht genehmigt.

Reisezweck statt Reiseziel: Viele Leute interessiert Wellness in der Nähe oft mehr als Abenteuer in der Ferne.

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