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Sperrige Zeitzeugen

Ausgemusterte Schweizer Festungen können besichtig werden.

(Keystone)

Die Schweizer Armee macht ihre ausgemusterten Kampf- und Führungsbauten vermehrt für die Öffentlichkeit zugänglich.

Es handelt sich vor allem um Festungen, Bunker oder Sperren, die zwar nicht mehr gebraucht werden, aber aus historischer, kultureller oder ökologischer Sicht erhaltenswert sind.

Seit einigen Jahren erarbeiten Expertenteams des Bundes ein Inventar jener Infrastrukturen in der Schweiz, die zwar militärisch nicht mehr gebraucht werden, aber aus geschichtlichen, kulturellen oder ökologischen Gründen erhalten bleiben sollen.

Gerade die Ökologie dürfe nicht unterschätzt werden, sagen die Verantwortlichen. Ehemalige militärische Anlagen seien zu wahren Naturreservaten geworden.

Bereits erstellt sind die Inventare von 14 Kantonen. Neu hinzu kamen nun Zürich, Bern - und andere Kantone werden bald folgen.

"Die Bauten hätten uns einmal schützen sollen, nun schützen wir sie", sagt die Zürcher Regierungsrätin Dorothée Fierz bei der Präsentation des Inventars dieser Denkmäler des Kantons Zürich.

Befestigungen haben lange Tradition

Die militärischen Denkmäler sind vor allem Zeugen der Schweizer Festungsbau-Geschichte. Diese hat eine lange Tradition, ist die Schweiz doch wegen ihrer Topographie "gezwungen", Durchgänge durch das hügelige und gebirgige Land speziell zu schützen.

Schon Schiller liess Tell sagen: "Durch diese hohle Gasse muss er kommen." Denn wer die Schweiz durchqueren will, muss fast immer die gleichen Durchgänge benutzen.

Deshalb sind Befestigungen hier schon seit der Zeit der Römer ein Thema. So liess Tiberius bereits 15 v.Chr. diverse Befestigungsbauten in der östlichen Schweiz errichten.

Die Römer versuchten während vier Jahrhunderten, ihr Territorium am Rhein und nördlich davon gegen die Angreifer aus dem Norden zu schützen – mit ihren Festungsbauten (Limes).

Gefahr aus allen Himmelsrichtungen

Aber nicht nur aus Norden drohte der Schweiz Gefahr. "159 Siege der französischen Armee verzeichnet der Pariser Arc de Triomphe. Drei der Orte, wo diese Siege errungen wurden, tragen Schweizer Namen. Darunter ist auch Zürich", sagt Jürg Stüssi-Lauterburg, der Direktor der Eidgenössischen Militärbibliothek, an der Präsentation des "Inventars Zürich" in Greifensee.

Die Gefahr sei nicht nur aus dem Norden gekommen, sondern auch aus dem Westen und während der Mussolini-Diktatur aus dem Süden - Stüssi-Lauterburg zeigt entsprechende Aufmarschpläne aus dieser Zeit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam dann noch der Osten dazu. Dokumente des Warschauer Paktes zeigen, dass die Schweiz im Kalkül der Sowjetunion als eine Art "besetzter, vorgelagerter Posten" gedacht war.

Reine Infanterie-Armee

Nicht verwunderlich also, dass die Schweiz sich "einigelte" und Festungsanlagen baute. Die Topographie und die seit dem Westfälischen Frieden festgeschriebene Neutralität gaben die Militärdoktrin vor.

Die Schweiz habe 1939 über eine reine Infanterie-Armee verfügt, erklärt der ehemalige Korpskommandant Rolf Binder. Das bedeutete: wenige Panzer, kaum Flugzeuge und Flugabwehr sowie eine veraltete Artillerie.

"Das diktierte von vornherein einen statischen Verteidigungskampf und ergab die Notwendigkeit, sich im Gelände zu verankern." Das habe zu all den Festungsbauten, inklusive der Alpenfestungen, geführt, so Binder weiter.

Fall der Berliner Mauer öffnete Festungen

Heute sieht die militärische Lage wieder ganz anders aus. Seit dem Fall der "Berliner Mauer" wurden zahlreiche der weit über tausend Befestigungen "in den Ruhestand geschickt", militärisch ausgedrückt: ausgemustert. Seither sind viele davon der Öffentlichkeit zugänglich.

Etliche der schützenswerten Bauten wurden seither zu touristischen Attraktionen. "Bald wird erstmals auch eine Führungsanlage der Öffentlichkeit zugänglich sein: der Kommandoposten der ehemaligen Réduit-Brigade 24 im Muothathal, im Herzen der Urschweiz also", sagt Gerhard Wyss, Chef Führungs- und Kampfbauten im Generalstab.

Von besonderem Interesse, das zeigen auch die Besucherzahlen, sind die Festungsanlagen. Diese Mythen umrankten Gewaltsbauten tief in den Schweizer Bergen könnten die gesamte Bevölkerung aufnehmen, so die Legende.

Sie hätten riesige Ausmasse, unterirdisch sei die halbe Schweiz miteinander verbunden – auch diese Aussage gehörte zu den Gerüchten um die Bauten. Wer je drin war, musste sich zum Schweigen verpflichten. Die Standorte der Festungsbauten waren gut getarnt. Und nun sollen diese Festungen alle dem Tourismus dienen?

"Nein, so ist es nicht", präzisiert Bernhard Stadlin, Präsident von "Festungen – Schweiz". "Festungen – Schweiz" ist der Dachverband der Festungen, die öffentlich zugänglich sind.

Kein Abschied von der Festung

Insgesamt sind es heute 23 Anlagen, die nicht mehr militärisch genutzt werden. Alle waren zwischen 1890 und 1939 gebaut und laufend den Bedürfnissen angepasst worden.

"Weiter operationell bleiben all die Festungsanlagen, welche heute noch artilleristisch wirken", erklärt Stadlin weiter. Somit seien noch längst nicht alle Festungswerke der Schweiz der Öffentlichkeit zugänglich, denn heute könnten mit den Festungswaffen auch Panzer geknackt werden.

Die Verantwortlichen rechnen, dass gegen eine Million Personen die ausgemusterten Festungen besucht, denen in der Regel auch ein Museum angegliedert ist. "Der Maginot-Tourismus hat auch bei uns eingesetzt", so Gerhard Wyss. Viele Besucher kämen denn auch aus dem Ausland.

Für Wyss sind die Militärbauten Teil der Schweizer- und Lokalgeschichte. Im herkömmlichen Museum sähen Besucherinnen und Besucher, aber auch Schülerinnen und Schüler, wie ihre Vorfahren gelebt hatten.

"Und im militärischen Baudenkmal sieht der Betrachter, wie seine Vorfahren wann und mit welchen Befestigungstechniken und Waffen einer Bedrohung entgegengetreten wären."

swissinfo, Urs Maurer, Greifensee

In Kürze

Das Inventar der militärischen Denkmäler wird im Auftrag des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) seit 1993 durch eine interdepartementale Arbeitsgruppe erarbeitet.

Es erfasst und bewertet den grossen Bestand an Bauten und Anlagen, die mit den Reformprojekten der Armee militärisch überflüssig wurden.

Bereits erstellt und vom Departement genehmigt sind: Tessin, Neuenburg, Jura, Zug, Schaffhausen, Thurgau, Luzern, Nid- und Obwalden, Solothurn, Basel-Stadt und Basel-Land, Wallis, Graubünden und neu Zürich.

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