Swissair fliegt mit Staatshilfe - EU zitiert Schweizer Botschafter

Trotz weiteren Hindernissen: Die Swissair fliegt am Donnerstag wieder. Keystone

Dank der Geldspritze von 450 Mio. Franken des Bundes hob am Donnerstagmorgen gegen 10 Uhr nach einem Unterbruch von fast 48 Stunden die erste Swissair-Maschine vom Unique Flughafen Zürich ab. Inzwischen hat die EU-Kommission den Schweizer Botschafter zu sich gerufen. Sie fordert Erklärungen wegen der Swissair-Hilfe des Bundesrates.

Dieser Inhalt wurde am 04. Oktober 2001 - 13:43 publiziert

Die Stilllegung der Swissair-Flotte schade dem Image der Schweiz und der künftigen Nachfolgerin der Swissair, sagte Villiger am Mittwoch vor den Medien. Mit den 450 Mio. Franken sollen der geordnete Übergang zur neuen Fluggesellschaft und die Chancen des Nachfolge-Unternehmens gesichert werden.

Es gehe nicht allein um die Swissair, sondern auch um den Hub Zürich-Kloten. Für den Wirtschaftsstandort Schweiz sei es wichtig, dass diese Top-Dienstleistungen weiter erbracht würden. Die Zahlung des Bundes erfolgt als Nachtragskredit des laufenden Jahres. Die Finanzdelegation beider Räte segnete das Vorgehen des Bundesrates ab.

Inzwischen hat die EU-Kommission den Schweizer Botschafter in Brüssel zu sich gerufen. Dies im Zusammenhang mit der staatlichen Hilfe der Schweiz an die Swissair. Die Kommission sei "sehr beunruhigt", dass der Bundesrat den Bundesbeschluss ohne Rücksprache mit der EU getroffen habe, sagte ein Kommissionssprecher in Brüssel.

Banken wollten Flugbetrieb stilllegen

Die beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse Group hatten am Montag bereits finanzielle Mittel von total 510 Mio. Franken zugesichert, von denen 260 Mio. als Kaufpreis für die Crossair-Aktien am Dienstagabend bezahlt worden sind. Die Banken hätten aber grosse Reserven gehabt gegenüber einer Weiterführung des Flugbetriebs, sagte der Finanzminister weiter. Die Banken hätten es lieber gesehen, wenn stattdessen der Nachfolgebetrieb in Ruhe vorbereitet worden wäre.

Offensichtlich hätten die Banken die "Soft-Faktoren" wie die Schädigung des Markennamens unterschätzt. Nachdem er am Montag vergeblich versucht habe, UBS-Chef Marcel Ospel zu erreichen, habe er mit ihm heute ein "temperamentvolles" Telefongespräch geführt, sagte Villiger. Der Finanzminister betonte erneut, dass der Bundesrat bereits am Montag zu einer Finanzspritze des Bundes bereit gewesen wäre, dass dies die Banken aber abgelehnt hätten.

Banken waschen Hände in Unschuld

Der in der ganzen Schweiz massiv kritisierte UBS-Konzernchef Marcel Ospel wies eine Schuld am Debakel zurück. Gegenüber Schweizer Rdio DRS sagte er in einem Telefon-Interview aus New York unter anderem: "Ich bin überrascht, dass es dazu gekommen ist. Wir haben über das Wochenende in kürzester Zeit ein Paket geschnürt, das eine solche Entwicklung eigentlich hätte verhindern müssen."

Die Schuld für die zwei fluglosen Tage liege offenbar beim Swissair-Management, weil die flüssigen Mittel dagewesen seien, versicherte Ospel im Radio-Interview. Die UBS sei an das Maximum gegangen, das die Konzernleitung gegenüber ihren Aktionären habe verantworten können, sagte Ospel.

Und der Chef der Crédit Suisse Group, Lukas Mühlemann, sagte gegenüber Schweizer Radio DRS, die Stlllegung des Swissair-Flubetriebs sei auf "eine Reihe unglücklicher Umstände" zurückzuführen.

Nach den Gesprächen von Bankenvertretern und Swissair-Chef Mario Corti mit den Bundesräten Villiger und Pascal Couchepin vom Mittwoch in Bern sicherten UBS und Credit Suisse Group die Auszahlung der Personalguthaben in der Personal-Depositenkasse der Swissair zu. Diese betragen laut Villiger 110 Mio. Franken. Dem Bundesrat sei es sehr wichtig, dass die Mitarbeiter der Swissair nicht um ihre Ersparnisse gebracht würden.

Bis am 28. Oktober in der Luft

Laut Swissair-Chef Mario Corti wird mit den 450 Mio. Franken des Bundes der Flugbetrieb bis am 28. Oktober ermöglicht. Das Unternehmen habe heute den Finanzbedarf nochmals durchgerechnet. 200 Mio. Franken würden für fällige Verpflichtungen aufgewendet. Weitere 30 Mio. müssten für Vorschüsse für Lieferungen im Oktober aufgewendet werden.

Die Flugbetriebskosten bezifferte Corti auf 440 Mio. Franken. Er rechne jedoch mit Einnahmen bis am 28. Oktober von 250 Mio., was der Hälfte der üblichen Einnahmen des Oktobers entspreche.

Genaues Controlling gefragt

Der Bundesrat zahle das Geld unter Bedingungen, die noch genau ausformuliert werden müssten, sagte Villiger. Eine dieser Voraussetzungen sei ein genaues Controlling. Der Bund wolle wissen, wofür sein Geld eingesetzt werde. Insbesondere werde die Geldspritze zur Aufrechterhaltung von Interkontinental-Flügen dienen.

Eine Rückzahlung des Kredits bezeichnete Villiger als illusorisch. Die von den beiden Grossbanken bereits am Montag zugesicherten 510 Mio. Franken werden laut Corti vor allem für den flugverwandten Betrieb verwendet.

Am Donnerstag sei die Produktion gewährleistet, sagte Corti weiter. Es werde zwar kein ganz normaler Flugtag für die Swissair sein. Sie werde auf einzelne nicht rentable Destination verzichten. Er hoffe, dass nun im Oktober ein Teil der bereits gebuchten Tickets von einer Mrd. Franken noch durch die Swissair abgeflogen würden. Die übrig bleibenden Guthaben von Kunden würden mit dem Übergang zur Nachfolgefirma wohl verfallen.

In Kloten arbeitete die Swissair unterdessen unter Hochdruck an der logistischen Planung zur Wiederaufnahme des Flugbetriebs. Als erste Maschine startete ein Flugzeug in Richtung Johannesburg. Kurz darauf folgte eine Maschine, die nach Moskau abflog, wie Swissair-Sprecher Siro Barino sagte.

Die Swissair kann vorerst aber nur einen stark reduzierten Flugplan anbieten. Von den 486 sonst für einen Donnerstag üblichen Flügen könnten nur rund 30 Kurzstrecken- und 20 Langstreckenflüge von der Swissair selbst durchgeführt werden.

Allerdings hat die Crossair 110 Kurzstreckenflüge von der Swissair übernommen, so dass rund ein Drittel der geplanten Verbindungen gewährleistet werden sollten, wie Crossair-Sprecher Andreas Schwander sagte.

Meiden wird die Swissair weiterhin Brüssel. Auch die Crossair wird Brüssel von Zürich nicht anfliegen. Der Grund: Die Swissair-Leitung befürchtet eine Beschlagnahmung ihrer Maschinen durch die belgischen Behörden oder eine Blockierung durch aufgebrachte Gewerkschafter.

Trotz der Bundeshilfe von 450 Mio. Franken wird der Flugbetrieb der Swissair auch am Donnerstag massiv beeinträchtigt bleiben. Wie Swissair-Sprecher Erwin Schärer auf Anfrage sagte, waren rund 50 Flüge geplant. Dies entspreche etwa 15 Prozent des normalen Volumens. Nach dem vom Bundesrat gesprochenen Notkredit war am Vorabend noch von etwa 50 Prozent der Flüge die Rede gewesen. Die Crossair teilte mit, sie werde auch am Donnerstag einen Teil der bisherigen Swissair-Flüge unter eigener Flugnummer durchführen.

Finanziell gesichert ist auch die Rückkehr der am Dienstag und Mittwoch gestrandeten Swissair-Passagiere. Der Bundesrat zeigte sich bereit, deren Flugkosten zu übernehmen. Allerdings dürfte sich laut Villiger dieses Problem mit der Aufnahme des Flugbetriebs erledigen.

Die Aktie der Crossair hat im Handel an der Schweizer Börse am Donnerstagmorgen einen gewaltigen Kurssprung von 75% gemacht. Das Papier eröffnete am Morgen bei 385 Franken und wurde gegen Mittag bereits zu 595 Franken gehandelt.

Wirtschaft und Parteien mehrheitlich hinter Bundesrat

Der Wirtschafts-Dachverband economiesuisse begrüsste das Übereinkommen von Bundesrat und Swissair. Mit der Wiederaufnahme des Flugbetriebs könne der entstandene Schaden begrenzt werden. Ein zuverlässiger Flugbetrieb sei für das Land unerlässlich. Auch die UBS zeigte sich erfreut über das finanzielle Engagement des Bundes. Die Grossbank hofft, dass sich mit dieser Lösung die "bedauerliche Situation im Schweizer Luftverkehr" rasch verbessern wird.

Auch die Bundesratsparteien zeigten sich in ersten Stellungnahmen mehrheitlich erfreut über die Finanzspritze. Die SP begrüsste das Engagement des Bundes, da damit die Sicherung des normalen Flugbetriebes wieder gewährleistet werden könne. Insgesamt sei es aber nicht akzeptabel, dass der Staat nach dem skandalösen Verhalten der Banken auf solch massive Weise einspringen müsse, sagte SP-Sprecher Jean-Philippe Jeannerat.

Die FDP zeigte sich erfreut, denn damit sei die Unsicherheit vom Tisch. Jeder Tag, an dem nicht geflogen werde, schade der Wirtschaft und dem Image der Schweiz, sagte Parteipräsident Gerold Bührer. Besonders begrüsste Bührer, dass die Sparguthaben der Swissair-Angestellten von den Banken ausbezahlt würden.

CVP-Präsident Philipp Stähelin zeigte sich von den Entscheiden des Bundesrates erst teilweise befriedigt. Die 450 Mio. Franken seien sicher notwendig, damit das Image der Schweiz als gesamtes Land und der Wirtschaft nicht weiter Schaden erleide. Der Bundesrat müsse aber die Koordination weiter in den Griff bekommen.

Die SVP äusserte sich schwer enttäuscht über das Eingreifen des Bundesrats in die Swissair-Krise. "Dieser Entscheid ist ein ordnungspolitischer Sündenfall", sagte SVP-Präsident Ueli Maurer. Er kritisierte insbesondere, dass der Entscheid ohne saubere Zahlengrundlagen zu Stande gekommen sei. Die ganze Situation sei nach wie sehr chaotisch und improvisiert. Maurer befürchtet weiter, dass der Bund nun in eine Kettenreaktion von unabsehbaren Verpflichtungen gerate.

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund begrüsste den Beschluss des Bundesrates. Der Bund solle sich aber das Darlehen nicht zurückzahlen lassen, sondern sich in der selben Höhe an der neuen Airline beteiligen.

Das in der Vereinigung Aeropers organisierte Swissair-Cockpitpersonal hat sich hoch erfreut über die Finanzhilfe des Bundes gezeigt. Damit habe der Bundesrat seine staatspolitische und volkswirtschaftliche Verantwortung wahrgenommen.

Für die Vereinigung des Kabinenpersonals (Kapers) sind trotz der Finanzspritze des Bundes noch viele Fragen offen. Der Schweizereische Kaufmännische Verband erklärte sich nur "teilweise zufrieden". Auch die VPOD-Sektion Luftverkehr erklärte sich nur "halbwegs" zufrieden.

swissinfo und Agenturen

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