Walzertraum und Nostalgie: Wien vor der Euro 08

Imperiales Architekturerbe: Prinz Eugen Denkmal bei der Hofburg. Keystone

Sängerknaben, Strauss, Staatsoper: Wien pflegt die europäische Hochkultur. Neue, mutige Kunst habe es hingegen schwieriger, sagt die Schauspielerin Maria Bill. Eindrücke aus der Stadt des Euro 08-Finals.

Dieser Inhalt wurde am 29. März 2008 - 18:34 publiziert

Landeanflug: Windräder drehen. Österreich hat vor 30 Jahren der Produktion von Kernkraft den Rücken gekehrt und importiert seither Atomstrom. Das Nachbarland Tschechien hingegen hält an der Technologie fest.

Seit Jahren streiten sich die Nachbarländer um den "Schrottreaktor" von Temelìn. Der tschechische Minister-Präsident Mirek Topolànek ist wieder einmal bei Bundeskanzler Alfred Gusenbauer zu Besuch.

Die Politiker beruhigen. Eine Kommission soll Standards und Sicherheit abklären. "Viel geredet, grosser Durst und wenig erreicht", kommentiert die rechtsgerichtete "Kronen-Zeitung".

Lediglich 16 Minuten dauert der Transfer zu Wiens Westbahnhof. Schäbiger, rostiger und kälter kann ein Bahnhof kaum sein.

"Wiener Bahnhöfe sind schlimm. Die Stadt hat auch ihre dunklen Seiten, eine Mentalität mit Hang zum Morbiden und im Winter viel Nebel", erzählt Christina Zurbrügg im Gespräch mit swissinfo.

Die Schweizer Sängerin, Schauspielerin und Filmemacherin lebt seit mehr als 20 Jahren hier und vermisst vor allem die Mehrsprachigkeit der Schweiz. "Hier wird zwar viel Türkisch oder Polnisch gesprochen, aber ich verstehe diese Sprachen nicht. Hier kommt auch keiner auf die Idee, zu sagen 'Mehrsprachigkeit ist super, ich lerne Polnisch'."

Tanker der Hochkultur

Wien sei "eine Grossstadt, in der ich mich auch mitten in der Nacht in jedem Bezirk sicher fühle" und habe auch andere Vorzüge: "Das Freizeitangebot ist breit, das Lebensgefühl urban. In einer Stunde bin ich am Bergsteigen, das gibt es weder in Rom, noch in Paris."

Durchaus auf europäischem Grosstadtniveau sind die Preise in den Boutiquen, Edelrestaurants und Feinkostläden im Zentrum. Strahlend zelebriert das vornehmlich russgeschwärzte Wien seine royale Vergangenheit auf dem Ring, der stark befahrenen Mehrspurstrasse rund um den Stadtkern.

Da stehen sie, die Tanker der Hochkultur: Staatsoper, Burgtheater, Musikverein kaiserliche Hofburg und die Museen. Genauso herausgeputzt sind Rathaus, Parlamentsgebäude, Universität und die zahlreichen Kirchen.

Kein grosses Geschäft

Hier, zwischen Rathausplatz und Heldplatz, entsteht während der Euro 2008 die Fanzone für maximal 70'000 Besucherinnen und Besucher. Die Boutiquen in der City dürfen während der Euro ausnahmsweise das tun, was sie schon lange möchten - sonntags öffnen.

Nur wollen sie das grösstenteils gar nicht. Ladenbesitzer zweifeln an der Kaufkraft der Fussballfans. "Die Erfahrungen aus Deutschland haben gezeigt, dass hier nicht das grosse Geschäft liegt", begründet der Obmann des Wiener Handels, Fritz Aichinger, die Zurückhaltung.

Andere argumentieren mit den Kosten für die Sicherheit und geben ihrer Angst vor Randalieren Ausdruck. Bijouteriebesitzer fürchten sich vor Diebstählen.

Angst vor Überfremdung

Wiens Tourismus setzt auf imperiales Architekturerbe, Shopping und etablierte Kultur. "Das Opernhaus ist ein Heiligtum, aber es bringt Touristen", stellt Maria Bill fest.

Bill lebt und arbeitet seit 1978 in Wien. Die Schweizerin hatte hier das Glück, "an den grossen Bühnen mit den grossen Regisseuren arbeiten zu können".

In den vergangenen 30 Jahren sei die Stadt durchaus "offener und freundlicher" geworden, bilanziert Bill. "Aber dem Neuen, Fremden und Ungewohnten gegenüber nicht. Da gibt es Parallelen zur Schweiz. Die Angst vor Überfremdung ist grösser als die Neugierde auf die Möglichkeiten, die sich durch einen Austausch ergeben könnten."

75% für die Etablierten

Kritisch betrachtet Bill auch die Kulturpolitik: "Was die Förderung junger, mutiger Kunst angeht, kommt mir Wien nicht sehr aufgeschlossen vor. Die Szene hat es immer noch sehr schwer. Sie wird von der öffentlichen Hand nicht genügend unterstützt."

Christina Zurbrügg erinnert sich an die goldenen Zeiten der Wiener Kleinkunstszene. "In den Jahren um 1990 haben wir regelmässig Musiktheater-Produktionen auf die Beine gestellt. Da hatten wir noch fixe Jahressubventionen. Doch das ist längst vorbei."

Vorbei sind auch die blühenden Zeiten des "Austropop". "Die Radiostationen spielen praktisch keine einheimischen Produktionen mehr", so Zurbrügg.

Laut österreichischen Medien gehen 75% der Gelder der öffentlichen Kulturförderung an die etablierten Wiener Kulturinstitutionen. "Jede Einzelne von ihnen ist ein Moloch, dessen Hunger nie befriedigt werden kann", diagnostiziert die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit".

swissinfo, Andreas Keiser, Wien

Wien

Wien ist die Hauptstadt von Österreich und gleichzeitig eines der 9 Bundesländer.

Einwohner: knapp 1,7 Millionen und damit zehntgrösste Stadt innerhalb der EU.

Die Spiele der Euro 2008 finden im etwas ausserhalb der Innenstadt gelegenen Ernst Happel Stadion statt.

Rechtzeitig auf den Anlass wird die U-Bahnlinie 2 bis zum Stadion verlängert.

Wien ist neben New York, Genf und Nairobi einer der vier Hauptsitze der UNO.

In der "UNO-City" arbeiten mehr als 4000 Angestellte aus über 100 Ländern.

Die erste UNO-Organisation, die sich in Wien ansiedelte, war 1957 die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO).

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Wer spielt wann in Österreich

Wien: (Gruppe B)
08.06.: Österreich – Kroatien
12.06.: Österreich – Polen
16.06.: Österreich – Deutschland
20.06: Sieger Gruppe B – Zweiter Gruppe A
22.06.: Sieger Gruppe D – Zweiter Gruppe C
26.06.: Halbfinal
29.06.: Final

Klagenfurt: (Gruppe B)
08.06: Deutschland – Polen
12.06.: Kroatien – Deutschland
16.06.: Polen – Kroatien

Salzburg: (Gruppe D)
10.06.: Griechenland – Schweden
14.06.: Griechenland – Russland
18.06.: Griechenland – Spanien

Innsbruck: (Gruppe D)
10.06.: Spanien – Russland
14.06.: Schweden – Spanien
18.06.: Russland – Schweden

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