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Juragewässer-Korrektion Geschichte eines Sumpfes, der zu einem spriessenden Garten wurde

Inondation près de Büren, 1944

1944, bei Büren, unterhalb des Bielersees. Trotz der ersten Korrektur trat die Aare erneut über die Ufer und verwüstete dortiges Kulturland.

(Schlossmuseum Nidau)

Es war das bisher grösste Wasserbau-Projekt in der Geschichte der Schweiz. Mit der vor 150 Jahren in Angriff genommenen Juragewässer-Korrektion wurden mehr als 400 km2 Sumpf zu Ackerland umgewandelt. Dies ging nicht ganz ohne Probleme, wie eine Wanderausstellung in Erinnerung ruft.

"Wahrlich ein trauriger, schrecklicher Anblick, so viele tausend Jucharten fruchtbares Land mit all seinen Früchten unter Wasser begraben zu sehen! (...) Die drei Seen von Murten, Neuenburg und Biel scheinen nur ein grosses Wasserbecken zu bilden. (...) Unsere Kornfelder sind mit Schlamm, Sand und Kies überfahren, in wenigen Tagen, besonders wenn, wie es scheint, heisse Witterung eintreten sollte, werde wir kein gesundes Aehrlein mehr haben. Die Kartoffeln sind durchaus verloren, die Dörfer mit zusammengeführtem Unrat angefüllt und die Wohnungen die Zufluchtsstätten allen Ungeziefers geworden."

Dies schrieb Johann Rudolf Schneiderexterner Link (1804-1880) 1832, nachdem schreckliche Überschwemmungen ein weiteres Mal die Dreiseen-Region am Fuss der Juraberge im Nordwesten der Schweiz heimgesucht hatten, die zu Recht auch als das Grosse Moosexterner Link (oder als Seeland) bezeichnet wird.

Der in der Region aufgewachsene Schneider führte in Nidau, vor den Toren der Stadt Biel, eine Arztpraxis und hatte sich schon sehr früh Sorgen gemacht über die Auswirkungen der Überschwemmungen auf die Gesundheit der lokalen Bevölkerung, die in den versumpften Gebieten Malaria und anderen Seuchen ausgesetzt war.

Als Politiker war Schneider, der liberale Arzt und Philanthrop, zuerst Berner Grossrat, später Mitglied der Kantonsregierung; 1848 wurde er Nationalrat im ersten Parlament der modernen Schweiz. Heute erinnert man sich an Schneider vor allem als "Retter des Seelands". Denn er war der Vater des Projekts Juragewässer-Korrektionexterner Link, einer Idee, für die er sich fast 30 Jahre lang bei den Behörden bis auf höchster Ebene einsetzte, bis das Vorhaben endlich bewilligt und umgesetzt wurde.

Jahrhundert-Bauwerk

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war die Schweiz noch ein Bündnis souveräner Kantone, die alle immer wieder neidisch auf ihren eigenen Vorrechten beharrten. Und die Region, um die es geht, betraf fünf Kantone: Solothurn, Bern, Neuenburg, Freiburg und Waadt, deren Grenzen sich durch ein schwieriges Territorium schlängeln. Zusätzlich kompliziert wurde das Ganze durch die Sprachgrenze. Ein Teil des Seelands spricht Deutsch, der andere Französisch.

​​​​​​​Am 25. Juli 1867 bewilligte die Bundesversammlung der noch jungen schweizerischen Eidgenossenschaft (sie war erst 19 Jahre alt) die Finanzierung des Projekts in Höhe von fünf Millionen Franken. Es war das erste Mal, dass der neue Staat einen Verfassungsartikel nutzte, der es ihm erlaubt, Projekte von nationaler Bedeutung finanziell zu unterstützen.

Die betroffenen Kantone erhielten je einen Anteil der fünf Millionen Franken, die restlichen Kosten mussten sie selber berappen. Insgesamt beliefen sich die Kosten für das ehrgeizige Projekt schliesslich auf 15 Millionen Franken (was heute einer Milliarde Franken entspricht).

Wie der Gotthard-Basistunnel im 21. Jahrhundert war die Juragewässerkorrektion – die Arbeiten dauerten praktisch bis Ende des 19. Jahrhunderts – ein Jahrhundert-Bauwerk. Die Pläne dafür lagen schon seit 1842 vor. Sie waren das Werk des Bündner Ingenieurs Richard La Nicca, der zuvor schon an der Hochrhein- und der Linthkorrektion beteiligt gewesen war.

Das Herzstück des Projekts war, die Aareexterner Link in den Bielersee umzuleiten. Der bedeutendste Flussexterner Link der Schweiz entspringt in den Berner Alpen, unterwegs wird die Aare gespiesen durch Wasser aus den Freiburger Alpen, dem Waadtländer Hochland, aus den Kantonen Bern und Aargau, aus dem Südjura und schliesslich aus der Zentral- und Ostschweiz, bevor sie an der Grenze zu Deutschland in den Rhein mündet.

Am Rande des Seelands, in der Region um Aarberg, nimmt das Gefälle der Aare deutlich ab. Über die Jahrtausende hinweg hatten sich die Anschwemmungen aus den Alpen immer mehr im Flussbett abgelagert. Vor etwa 7000 Jahren hatte der Fluss begonnen, über die Ufer zu treten und sich seinen Weg durch die Region zu bahnen, wo die Hochwasser letztlich das Grosse Moos hervorbrachten.

1e Correction des Eaux du Jura
(Mémoire d'ici)

Die erste Juragewässer-Korrektion (1868 - 1891)

Um den Lauf des Flusses zu verändern, liess La Nicca den acht Kilometer langen Hagneck-Kanal bauen. Die Arbeiten waren pharaonisch. Es kamen grosse Baumaschinen zum Einsatz, die damals teilweise noch kaum bekannt waren: Zwei Dampfkräne, zwei Schwimmbagger, 24 Transportschiffe, 122 Kipplader, 60 Laufkatzen und zwei Lokomotiven.

Denn es ging nicht nur darum, Erdreich abzugraben, was zur damaligen Zeit noch vor allem mit Schaufel und Hacke erfolgte. Zwischen Aarberg und Hagneck lag der "Seerücken", ein Molassefelsgrat, der auf einer Länge von 900 Metern und in einer Tiefe von 34 Metern durchbrochen werden musste.

Dabei zeigten sich die Ingenieure raffiniert: Nachdem sie den Molassefelsen mit Dynamit gesprengt und eine schmale Rinne in der notwendigen Tiefe gegraben hatten, überliessen sie den Rest der Arbeit dem Wasser. Die Aare hob damit praktisch zwei Drittel des Kanals selber aus und schob mehr als zwei Millionen Kubikmeter Material in den See.

Der Hagneck-Kanal, das Herzstück der Juragewässer-Korrektion, wurde durch drei weitere bedeutende Strukturen ergänzt, um den Wasserfluss zwischen den drei Seen und am Ausfluss aus dem Bielersee zu verbessern.

Ein Garten, aber noch kein Eden

Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts führten die Massnahmen schliesslich zu einer Absenkung aller drei Seespiegel um rund zweieinhalb Meter. Und mit den kleinen Entwässerungsrinnen wurde das Grosse Moos, Königreich von Fröschen und Mücken, letztlich für den Menschen nutzbar gemacht.

Noch brauchte es aber viel Arbeit, die torfhaltige Erde musste mit Dünger fruchtbar gemacht werden, damit sie zu Ackerland wurde. Aber das Schlimmste schien vorbei. Strassen und Eisenbahnschienen durchzogen die Ebene, Städte und Dörfer wurden grösser.

1899 wurde in Hagneck das zweite Wasserkraftwerk der Schweiz eingeweiht. Es war das erste Wasserkraftwerk im Flachland und würde für die industrielle Entwicklung der Region von entscheidender Bedeutung sein. 2015 wurde es erneuertexterner Link und entspricht nun den neusten ökologischen Anforderungen.

Die Arbeiten unter Richard La Nicca hatten auch eine nicht erwartete Folge: Durch das Sinken der Wasserspiegel kamen zahlreiche Spuren von Pfahlbauer-Siedlungen ans Tageslicht, was bis weit jenseits der Schweizer Grenzen ein Echo auslöste.

Zweite Phase

Die Verschnaufpause nach der ersten Juragewässer-Korrektion sollte aber nicht lange dauern: 1910 erlebte das Seeland erneut Rekord-Überschwemmungen, 1944 wieder, ebenso 1948, 1950, 1952, 1953 und 1955. Es schien offensichtlich, dass das Ziel des grossen Werks von Schneider und La Nicca noch nicht erreicht war und das Grosse Moos seinen Namen eines Tages erneut zu Recht tragen dürfte. 

Inondations à Witzwil 1944

Witzwil, gelegen zwischen den drei Seen, 1944.

(Archiv Anstalt Witzwil)

Zwischen 1962 und 1973 wurde daher eine zweite Juragewässer-Korrektion durchgeführt. Dabei wurden vor allem die bestehenden Kanäle vertieft, unter Einsatz der modernsten Maschinen. Die zunächst auf 100 Mio. Franken veranschlagten Kosten beliefen sich schliesslich auf mehr als 150 Mio. Franken; die Hälfte übernahm der Bund, für die andere Hälfte kamen die Kantone auf.

Und dieses Mal scheint das Seeland gerettet. Und wenn auch praktisch alle in der Schweiz den Aarberger Zucker kennen, die Zuckerrübe ist heute nur noch eine der vielen Kulturpflanzen in der Region. Es ist nicht unbedingt allgemein bekannt, aber ein Viertel des in der Schweiz produzierten Gemüses wächst heute in diesem Gemüsegarten im Grossen Moos.

Aber wie lange noch? Wenn man durch die Region fährt, merkt man rasch, dass die Strassen oft höher liegen als die Felder, ähnlich wie die Polder in den Niederlanden. Der Grund dafür ist, dass sich das alte Torfmoor beim Kontakt mit Sauerstoff zersetzt. Die Felder sinken daher stetig ab, was die Stabilität der Dämme bedroht, die regelmässig verstärkt werden müssen.

Solidarität

Zudem sind die Überschwemmungen natürlich nicht ganz verschwunden. Werner Könitzer, alt Regierungsstatthalter von Biel, räumt ein, dass er sich der Bedeutung der Hochwasser erst nach den Überschwemmungen von 1999 so richtig bewusst geworden sei. Nach den Hochwassern von 2003 entschloss er sich daher, einen Verein zu gründen, um die Erinnerung an das wach zu halten, was die Region den Juragewässer-Korrektionen alles verdankt.

Heute widmet sich eine Dauerausstellungexterner Link im Schlossmuseum Nidau dem Thema. Zum 150-Jahr-Jubiläum der Juragewässer-Korrektion befasst sich zudem eine Wanderausstellungexterner Link bis Ende Oktober mit der damaligen Ingenieursleistung und will zugleich für das Thema Hochwasser in der heutigen Zeit sensibilisieren.

Es ist auch eine Gelegenheit, die Öffentlichkeit über ihre Wünsche und/oder Ängste für die Zukunft zu befragen, in der mit Dürreperioden und anderen meteorologischen Ereignissen gerechnet werden muss, die immer extremer werden könnten. Für Werner Könitzer ist das Wichtigste, dass "die Behörden von Bund, Kantonen und Gemeinden bereit sind, vorauszusehen, was wegen dem Klimawandel alles passieren könnte. Und dass sie bereit sind, mit Blick auf die Sicherheit der Bevölkerung, der Bauern, der Natur die notwendigen Massnahmen zu ergreifen".

Die gemeinsame Geschichte der Juragewässer-Korrektion habe zwischen den fünf betroffenen Kantonen ein starkes Band der Solidarität entstehen lassen. "Wenn es Massnahmen braucht, sind die Solothurner bereit, für Neuenburg zu bezahlen, und die Waadtländer für Bern. Was mich sagen lässt, dass der Röstigraben [der Sprachengraben] in diesem Fall nicht existiert. Westschweizer und Deutschschweizer arbeiten hier problemlos zusammen", bekräftigt der alt Regierungsstatthalter.



(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)

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