Traumatisierte Migranten Zu wenige Therapieplätze für Folter- und Kriegsopfer

Folternarben an den Händen eines Mannes, der in China eines Bombenanschlags verdächtigt und mit Folter zu einem falschen Geständnis gezwungen wurde. Der Mann wurde nach 12 Jahren Haft freigesprochen.

Folternarben an den Händen eines Mannes, der in China eines Bombenanschlags verdächtigt und mit Folter zu einem falschen Geständnis gezwungen wurde. Der Mann wurde nach 12 Jahren Haft freigesprochen.

(Keystone)

Flüchtlinge aus Kriegsländern oder Diktaturen haben häufig Schreckliches erlebt: Sie sahen Menschen sterben, verloren Familienangehörige, wurden vielleicht gefoltert oder vergewaltigt. In der Schweiz werden traumatisierte Migranten nicht ausreichend psychiatrisch behandelt, wie an einer Tagung in Bern deutlich wurde.

In der Schweiz leben 44'503 vorläufig aufgenommene Flüchtlinge, weitere 68'395 Personen befinden sich aktuell im Asylprozess. Sie kommen aus Ländern wie Syrien, Irak, Afghanistan, Eritrea oder Somalia und haben folglich Krieg oder Diktaturen erlebt. Gemäss Schätzungen ist die Hälfte der Flüchtlinge wegen ihren Erlebnissen im Heimatland oder auf der Flucht traumatisiert.

Thomas Maier ist Chefarzt Akutpsychiatrie der Kantonalen Psychiatrischen Dienste St. Gallen. Davor war er während mehrerer Jahre Leiter des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer am Universitätsspital Zürich, wo er Kriegsversehrte und Folteropfer aus verschiedenen Ländern behandelte.

(infoWILplus.ch)

Sie leiden wegen dem Erlebten unter Scham- und Schuldgefühlen, sind häufig introvertiert und misstrauisch gegenüber anderen Menschen. Weitere Symptome sind Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Angst, Reizbarkeit und Niedergeschlagenheit. Im schlimmsten Fall greifen die Traumatisierten zu Suchtmitteln oder werden gewalttätig. Die Traumatisierung wirkt sich deshalb negativ auf die Integration der Flüchtlinge in Gesellschaft und Arbeitsmarkt aus.

Die psychiatrische Therapierung traumatisierter Migranten wäre daher nicht nur aus Sicht der Betroffenen notwendig, sondern auch aus Sicht des Staates. Doch in der Schweiz fehlen schätzungsweise 500 Therapieplätze für Kriegs- und Folteropfer. Vor allem für traumatisierte Kinder und Jugendliche ist die Situation prekär.

Redner und Publikum an der Fachtagung "Psychiatrische Unterversorgung von Folter- und Kriegsopfern in der Schweizexterner Link" des Verbundes "Support for Torture Victimsexterner Link" und dem Schweizerischen Roten Kreuz waren sich daher einig: In der Schweiz besteht eine Unterversorgung von Flüchtlingen. Sogar Stefan Spycher vom Bundesamt für Gesundheit bestätigte: "Das Problem ist erkannt, es gibt Lücken bei der Behandlung von Migranten." Konkrete Versprechen zur Lösung des Problems machte er dann allerdings keine.

Traumatisierte brauchen Sicherheit

Weil der Staat nicht genügend tut, springen Freiwillige in die Bresche: Einige Psychologen und Psychiater behandeln Flüchtlinge unentgeltlichexterner Link – manche von ihnen waren im Publikum anwesend. Dass die Behandlung von traumatisierten Flüchtlingen ohne die Arbeit von Ehrenamtlichen nicht gesichert wäre, bezeichnete der Psychiater Thomas Maier von den Kantonalen Psychiatrischen Diensten St. Gallen als Skandal. Er behandelte als Leiter des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer in Zürich während sieben Jahren traumatisierte Migranten vor allem aus der Türkei, Afghanistan, Somalia und dem Balkan.

Wie Maier betonte, brauchen traumatisierte Flüchtlinge vor allem Sicherheit und soziale Unterstützung. "Das ist das Wichtigste und gilt für alle traumatisierten Personen", erklärte der Chefarzt für Akutpsychiatrie, Sucht- und Psychotherapie und wies auf den unsicheren Aufenthaltsstatus, die fehlende materielle Sicherheit und die Perspektivenlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt für viele Migranten hin. Alles Faktoren, die nicht gerade ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit im Gastland vermitteln.

Das führt zu weiteren Traumatisierungen. "Gesunde Menschen können bei uns traumatisiert werden", folgert auch die Politikerin Susanne Hochuli aus dem Kanton Aargau. Sie sprach nicht nur von psychiatrischer, sondern auch von sozialer Unterversorgung. Entscheidend sei das Umfeld. "Damit nehme ich auch die Zivilgesellschaft in die Pflicht." Hochuli weiss, wovon sie spricht: Sie hat selbst zwei Flüchtlingsfamilien auf ihrem Bauernhof aufgenommen, alleinerziehende Mütter aus Angola respektive Eritrea.

Hochuli erinnerte daran, dass nicht nur die Erlebnisse im Heimatland traumatisierend seien, sondern auch jene auf der Flucht. "Wir können uns nicht vorstellen, was diese Menschen auf ihrem Weg alles erleben."

Sie erzählte von der Mutter aus Eritrea, die bei ihr wohnt: "Sie war mit ihrer inzwischen 11-jährigen Tochter ein Jahr lang auf der Flucht und wurde unterwegs schwanger. Ich will mir nicht vorstellen, wie es dazu gekommen ist." Sie habe sich Sorgen gemacht wegen der Zeit nach der Geburt, weil das Kind ja nicht durch Liebe oder Freude an Sex entstanden sei. Doch zum Glück komme die Frau mit dem Neugeborenen gut zurecht.

SRF, Rundschau vom 24.02.2016

Wer bezahlt den Dolmetscher?

An der Tagung wurde ein weiteres Problem intensiv diskutiert: Die Kosten für Dolmetscher, die bei der Therapie übersetzen, werden von den Krankenkassen nicht übernommen.

Häufig werden deshalb Laiendolmetscher eingesetzt, also Bekannte oder Verwandte des Patienten. Das ist problematisch: "Wenn die 12-jährige Tochter übersetzt, was kommt dabei raus?", so die kritische Frage von Matthis Schick, Oberarzt am Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer des Universitätsspitals Zürich.

Auch passierten Laiendolmetschern häufig Fehler, da ihnen das medizinische Fachwissen fehle. Für Schick ist der Einsatz von Laiendolmetschern so, als ob der Chirurg vor der Operation zum Patienten sagen würde: "Leider haben wir heute kein Skalpell, bringen Sie doch bitte Ihr Küchenmesser mit!"

Manche Tagungsteilnehmer würden die Dolmetscherkosten gerne dem Bund aufbürden, andere den Kantonen oder den Krankenkassen. Alle waren sich aber einig: Es braucht dringend eine gesetzliche Regelung.

Therapierung von Folter- und Kriegsopfern in der Schweiz

Das erste Therapiezentrum für Folteropfer wurde in der Schweiz 1995 gegründet. Aufgrund der hohen Nachfrage nach Behandlungsplätzen wurden in den Folgejahren vier weitere Ambulatorien eröffnet, die sich zum Verbund "Support for Torture Victimsexterner Link" zusammengeschlossen haben. Doch dieses Angebot reicht bei weitem nicht aus, die Nachfrage nach Behandlungsmöglichkeiten zu decken - besonders seit dem Flüchtlingsansturm aus Kriegsländern wie Syrien und Irak.

Wer soll Ihrer Meinung nach die Kosten für einen Dolmetscher in der psychotherapeutischen Behandlung von Kriegs- und Folteropfern übernehmen? Diskutieren Sie mit uns in den Kommentaren.

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