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500 Jahre Beitritt zur Eidgenossenschaft


"Appenzell ist ein Beispiel zivilisatorischer Leistung"



Von Alexander Thoele, Appenzell




Arnold Koller auf seiner Liegenschaft in Steinegg, Kanton Appenzell Innerrhoden. (swissinfo.ch)

Arnold Koller auf seiner Liegenschaft in Steinegg, Kanton Appenzell Innerrhoden.

(swissinfo.ch)

Die Region in Nordosten der Schweiz wird oft nur durch ihren berühmten Käse wahrgenommen. Alt-Bundesrat Arnold Koller bezeichnet Appenzell als ein Beispiel für gelebte Demokratie. Zur 500-jährigen Zugehörigkeit Appenzells zur Eidgenossenschaft hat der ehemalige Justizminister swissinfo.ch in seinem Chalet empfangen.

Im Garten seines Hauses, mit einer herrlichen Aussicht auf die Ebenalp, reflektiert Arnold Koller über den Appenzeller Charakter und die Trennung der beiden Halbkantone, die seit 500 Jahren zur Eidgenossenschaft gehören.

swissinfo.ch: Wie erklären Sie Ausländerinnen und Ausländern die beiden Halbkantone Appenzell?

Arnold Koller: Appenzell, zumal Appenzell Innerrhoden, meine engere Heimat, ist auf eine kurze Formel gebracht der Sonderfall der Sonderfälle, weil die Schweiz bereits als Sonderfall in Europa gilt. Besonders, weil wir bevölkerungsmässig weitaus der kleinste Kanton sind: Innerrhoden hat nur etwa 15'000 Einwohner, Ausserrhoden gut 52'000.

Sehr klein, aber sehr originell. Und vor allem mit einer grossen Geschichte. Hie und da sagen mir andere Schweizer: "15'000 ist wie bei uns eine moderne Gemeinde". Aber nicht mit diesem Staatsbewusstsein!

1513 wurden wir vereint – da waren wir noch nicht getrennt – als 13. Ort in den Bund der Eidgenossen aufgenommen. Diese Jahrhunderte einer eigenständigen Geschichte haben das Volk sehr geprägt. Es gibt hier sehr viel Eigenständigkeit, auch Eigensinn.

Und dann haben wir natürlich eine wunderbare Landschaft. Diese Übereinstimmung von lieblicher Landschaft und eigensinnigem, originellem, selbständigem Volk sowie der unterteilten Kleinheit: Das sind jene Eigenheiten, die den Volkscharakter geschaffen haben.

Zur Person

Arnold Koller wird am 29. August 1933 in Appenzell geboren. Er studiert Wirtschaft an der Universität St. Gallen und Recht an der Universität Freiburg, wo er 1966 mit dem Doktorat abschliesst.

Zwischen 1971 und 1972 ergänzt er seine Ausbildung mit einem Studium an der University of California in Berkeley.

1972 wird er Professor für europäisches und internationales Recht an der Universität St. Gallen, wo er bis zur Wahl in den Bundesrat 1986 lehrt.

Von 1973 bis 1986 ist Koller Präsident des Innerrhoder Kantonsgerichts.

Bereits seit Juni 1971 vertritt Koller als Nationalrat des Kantons Appenzell Innerrhoden die Christlichdemokratische Volkspartei (CVP) im Eidgenössischen Parlament.

1984/85 bekleidet er das Amt des Nationalratspräsidenten.

Am 10. Dezember 1986 wird er in den Bundesrat (Regierung) gewählt. In den ersten beiden Amtsjahren steht er dem damaligen Eidgenössischen Militärdepartement (EMD) vor.

Ab Februar 1989 ist er Justizminister. 1990 und 1997 ist er turnusgemäss Bundespräsident.

Am 30. April 1999 tritt er aus dem Bundesrat zurück.

Koller ist Vater von zwei Töchtern. In der Schweizer Armee bekleidete er den Rang eines Obersten.

swissinfo.ch: Man sagt, die Appenzeller seien zäh. Es gibt auch das berühmte Volkslied "Mein Vater ist ein Appenzeller, er frisst den Käse mitsamt dem Teller". Es heisst auch, sie seien so arm gewesen, dass sie statt Teller Brot benutzt hätten.

A.K.: Appenzell, vor allem Innerrhoden, war bis zum Zweiten Weltkrieg ein Agrarstaat. Und als solcher eher arm. Man betrieb nebenbei noch Stickerei und Schweinezucht. Aber die Höfe waren sehr klein. Eine Familie konnte kaum davon leben. Und das hat natürlich den Volkscharakter geprägt, indem man zäh geworden ist.

Die Landschaft ist ja nicht wie in Glarus oder anderen Kantonen, wo es direkt 2000 Meter in die Höhe geht. Es ist eher eine liebliche Landschaft. Man hatte nur Milch- und Graswirtschaft und nebenbei noch die Schweinezucht. Die Frauen machten Stickereien, doch es gab auch eine grosse Stickerei-Krise im 19. Jahrhundert.

Bis vor kurzem waren wir als Kanton auch ausgesprochen finanzschwach. Jetzt haben wir uns ziemlich erholt und sind unter den mittelstarken Kantonen. Aber die harten Zeiten haben uns schon auch geprägt.

swissinfo.ch: Warum hat sich Appenzell Mitte des 19. Jahrhunderts so lange gegen die Industrialisierung in der Schweiz aufgelehnt? Man arbeitete lieber daheim statt in einer Fabrik.

A.K.: Hier muss man auch wieder zwischen Ausserrhoden und Innerrhoden unterscheiden. Ausserrhoden war im 19. Jahrhundert einer der ersten Kantone der Schweiz, die stark industrialisiert wurden. Innerrhoden blieb bis nach dem Zweiten Weltkrieg ein Agrarkanton.

Der berühmte Soziologe Max Weber stellte eine Theorie auf, dass die protestantische Religion dazu führte, dass die Leute sehr tüchtig waren und sich industrialisierten. Die katholische Religion hingegen hatte immer etwas Berührungsängste mit Geld und Reichtum. Für mich ist es deshalb kein Zufall, dass Ausserrhoden (protestantisch) einer der ersten industrialisierten Kantone und Innerrhoden (katholisch) bis vor Kurzem ein Agrarkanton war.

swissinfo.ch: Der ehemalige Finanzminister Hans-Rudolf Merz hat in einem Artikel kürzlich geschrieben, der Appenzeller Säckelmeister habe – statt den geforderten Steuerbetrag auszuhändigen – dem Kloster St. Gallen im 15. Jahrhundert ein blosses Zahlungsversprechen auf die Quittung geschrieben. Ist dieses Aufbegehren typisch für das Appenzellerland?

A.K.: Ja, Appenzell gehörte damals zur Fürstabtei des Klosters St. Gallen. Und die Freiheitskriege der Appenzeller wandten sich gegen den Abt von St. Gallen und gegen die mit ihm verbundenen Österreicher. Als diese zu viel Steuern und Abgaben eintreiben wollten, haben sich die Appenzeller erhoben und 1403 und 1405 die zwei Freiheitskriege geführt. Dadurch wurden sie vom Abt unabhängig.

swissinfo.ch: Innerrhoden und Ausserrhoden trennten sich 1597 aus religiösen Gründen. Wie können zwei Halbkantone in der heutigen Zeit der Globalisierung weiter bestehen?

A.K.: Im Landteilungsbrief von 1597 heisst es am Schluss: "So lange es beiden Parteien beliebet." Man hat also den Wiederzusammenschluss nicht ausgeschlossen. Aber dieser konfessionelle Graben war natürlich schon prägend, auch im Alltag.

Bis zum Zweiten Weltkrieg war es fast so etwas wie eine reine Koexistenz. Man hat nebeneinander gelebt, aber man hatte einander nicht viel zu sagen. Es gab auch keine gemeinsamen Vereine.

Die Zusammenarbeit von Innerrhoden war eher mit St. Gallen als mit Ausserrhoden. Der einzige überkantonale Verein war die Offiziersgesellschaft, aber das waren hauptsächlich Ausserrhoder, in Innerrhoden gab es kaum Offiziere.

swissinfo.ch: Im Vergleich zu anderen Ländern gab es aber zwischen den beiden Halbkantonen nie einen Religionskrieg? Die Trennung verlief ja friedlich…

A.K.: Schon die Landteilung war natürlich eine grosse zivilisatorische Leistung, wenn man an die Glaubenskriege in dieser Zeit denkt, die auch in der Schweiz das Ausmass von Bürgerkriegen angenommen haben. Die Teilung wurde auch dank eidgenössischer Vermittlung möglich.

swissinfo.ch: Wie haben Sie damals ausländischen Gesprächspartnern die Tatsache erklärt, dass die Innerrhoder Wähler 1990 an der Landsgemeinde das Frauenstimmrecht abgelehnt haben?

A.K.: Das musste ich schon erklären, vor allem in Berkeley, das sehr progressiv war. Es war keine leichte Aufgabe. Ich habe dann jeweils etwas boshaft zurückgefragt: "Erklärt mir die Todesstrafe!" (Lacht). Das sind Atavismen, die im Grunde genommen in der heutigen Zivilisation nicht mehr erklärbar sind.

Aber es gab natürlich schon Gründe, zum Beispiel war da die Angst um die Landsgemeinde. Ich erinnere mich: Noch in den 1980er-Jahren gab es eine Umfrage bei jungen Frauen. Die haben gesagt: "Nein, wir wollen das nicht, aus Liebe zur Landsgemeinde."

Die Landsgemeinde ist eben nicht nur Politik, sondern ein gesellschaftliches Erlebnis. Da kommen alle Leute zusammen, um die Regierung zu wählen und Gesetze anzunehmen oder zu verwerfen. Leuten, die das nicht von nahe erfahren haben, kann man das nicht erklären.

swissinfo.ch: Und wie haben Sie reagiert, als noch im gleichen Jahr das Bundesgericht das Frauenstimmrecht verfügte und so das Votum an der Landsgemeinde annullierte?

A.K.: Das war ganz erstaunlich. Es wirkte wie ein Richterspruch in der alten Bibel. In Ausserrhoden war es ja sehr knapp angenommen worden. Und dort gab es eher Schwierigkeiten. Aber in Innerrhoden haben die Frauen und Männer schon von 1991 an miteinander Landsgemeinde gehalten, als ob es nie anders gewesen wäre.

Ich habe immer gesagt: Juristisch war dieses Urteil des Bundesgerichts falsch, aber politisch hat das wirklich Wunder gewirkt. Wir haben damit weltweit für Aufsehen gesorgt. Viele internationale Journalisten kamen her. Das erhielt fast einen musealen Charakter, dabei ist die Landsgemeinde sehr lebendig. Insofern war das Bundesgerichts-Urteil ein Befreiungsschlag.

swissinfo.ch



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