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Chappatte


"Das Schweizer Volk - eine kapriziöse und monomane Allmacht"



Von Simon Bradley, Genf




Chappatte in Genf, seinem eigentlichen Wohnsitz. Aktuell lebt er in Los Angeles. (Keystone)

Chappatte in Genf, seinem eigentlichen Wohnsitz. Aktuell lebt er in Los Angeles.

(Keystone)

Die Schweizer Stimmbürger betrieben die Abstimmungen mit erfrischendem "enthusiastischem Eifer", sagt Chappatte. Die direkte Demokratie sei in den letzten 15 Jahren zur Waffe von Manipulatoren und Populisten geworden, warnt der Westschweizer, dessen bissige politische Zeichnungen die renommiertesten Zeitungen der Welt veröffentlichen.

Seit 20 Jahren bringt Chappatte die Leserinnen und Leser beidseits des Atlantiks zum Lachen. Bis ihnen dies im Hals stecken bleibt. Seine gezeichneten Kommentare zieren oder zierten die Seiten der "NZZ am Sonntag", der Genfer Tageszeitung "Le Temps" er arbeitet ausserdem für die Genfer Tageszeitung "Le Temps" oder das Wirtschaftsmagazin "Bilanz". Internationale Kunden sind die Online-Ausgabe der "New York Times", "The International Herald Tribune" oder "Newsweek".

Seit Kurzem lebt der Sohn einer Pakistanerin und eines Schweizers mit seiner Familie in Los Angeles, wo er nicht nur als politischer Zeichner arbeitet, sondern auch wissenschaftlicher Mitarbeiter an der renommierten Annenberg School of Journalism ist, die zur University of Southern California gehört.

swissinfo.ch: Vermissen Sie die Schweiz?

Patrick Chappatte: Nein, übertreiben wir nicht (lacht). Ich bin hier auf der Suche nach echtem Schweizer Greyerzerkäse, denn die amerikanische Version ist eher Kaugummi. Abgesehen davon vermissen wir die Schweiz nicht. Die Schweiz ist in uns allen sehr präsent. Man muss nicht in der Schweiz sein, um sich sieben Tage die Woche 24 Stunden lang als Schweizer zu fühlen.

swissinfo.ch: Ist es nicht schwierig, politische Zeichnungen zur Schweizer Politik aus LA zu machen?

P.C.: Es braucht einige geistige Gymnastik, denn wir leben an der US-Westküste, und die fühlt sich etwas wie die andere Seite der Welt an.

Längerfristig ist es wahrscheinlich schlecht, weil ich zu weit weg bin von lokalen Schweizer Themen – ich tauche nicht mehr Tag und Nacht in die Diskussionen etwa um die Initiative zur Abschaffung der Pauschalsteuer für reiche Ausländer ein.

Am Ende des Arbeitstages habe ich Abstand, und das ist interessant. Als ich für einige Jahre in New York gelebt hatte, ist es mir ähnlich ergangen. Tatsächlich brachte es mich dem politischen System der Schweiz viel näher; ja, ich schaffte es, mich mit ihm zu versöhnen.

swissinfo.ch: Wie meinen Sie das?

P.C.: Ich verstand die ganze Sache mit Konsens und der Suche nach dem Kompromiss besser. Ich war 27 Jahre jung und hatte mit dem politischen System keine Geduld, da dieses sein eigenes Tempo hat. Aus der Distanz begann ich, die Mechanismen besser zu begreifen.

Es ist das politische System, das die Schweiz zusammenhält. Das ist der Grund, dass es nicht sehr spektakulär ist und alles seine Zeit braucht, weil Zustimmung von vielen Seiten nötig ist. Die Schweiz ist keine Selbstverständlichkeit. Eine ganze Maschinerie hält sie am Laufen, produziert viel Leerlauf, bringt sie manchmal einen Zentimeter vorwärts, oder verhindert wenigstens, dass sie rückwärts schlingert.

swissinfo.ch: Simonetta Sommaruga stellte ihr Jahr als Bundpräsidentin unter das Thema direkte Demokratie; sie sagte, dass sie im Bus und auf Marktplätzen oft von Bürgern auf die direkte Demokratie angesprochen werde. Zählen Sie auch zu den Verfechtern der Volksrechte?

P.C.: Ich sass nie mit Simonetta Sommaruga im Bus, aber wenn ich sie sehen würde, würde ich spontan zu ihr hingehen und über direkte Demokratie diskutieren. Diese ist im Ausland oft Thema, und es gibt das Bedürfnis, sie zu erklären.

Patrick Chappatte

1967 in Pakistan geboren, Mutter Libanesin, Vater Schweizer. Kindheit und Jugend in Singapur und Genf. Lebte und arbeitete 1995 bis 1998 in New York. Pendelt heute mit seiner Familie zwischen Los Angeles und Genf.

Publikationen in: "NZZ am Sonntag", Genfer Tageszeitung "Le Temps", Wirtschaftsmagazin "Bilanz", New York Times (Online-Ausgabe), The International Herald Tribune oder Newsweek.

Der politische Zeichner publiziert seit 1995 auch Reportagen in Comicform, so genannte Graphic Novels. Darin behandelte er etwa den Krieg in Gaza (2009), die Slums von Nairobi (2010), Bandenkriminalität in Zentralamerika (2012) oder die Popmusik in Südkorea (2013). Sie wurden in diversen Zeitungen publiziert. Eine Comic-Reportage wurde 2011 auch als dokumentarischer, animierter Kurzfilm gezeigt.

Chappatte hat verschiedentlich mit Zeichnern in konfliktbelasteten Ländern zusammen gearbeitet. Ziel dabei ist die Förderung des Dialogs. So zeichnete er in Serbien, Elfenbeinküste, Libanon, Kenia und Guatemala.

Er veröffentlichte insgesamt 16 Bücher. 2012 erhielt er als erster Nicht-Amerikaner den Thomas Nast Award, die bedeutendste Presseauszeichnung der USA nach dem Pulitzerpreis.

Sprichst du mit einem Fremden eine Stunde lang über direkte Demokratie und er hat sie begriffen, heisst das, dass du sie schlecht erklärt hast. Es ist ein sehr spezielles, einmaliges System, massgeschneidert für diesen etwas seltsamen, mehrsprachigen Bundesstaat.

swissinfo.ch: Asterix' und Obelix' Wunderwaffe im Kampf gegen die Römer war der Zaubertrank. Ist die direkte Demokratie die Wunderwaffe der Schweiz im Kampf gegen die EU?

P.C.: Die direkte Demokratie ist wunderbar. Das ist, was wir hier im Ausland hören. Die Menschen sind fasziniert davon, besonders jetzt, wo Regierungen rund um den Globus in Frage gestellt werden.

swissinfo.ch: Kritiker aber sagen, dass die direkte Demokratie aufgrund der jüngsten Abstimmungsergebnisse ihre stabilisierende Funktion verloren habe und stattdessen irrational und populistisch geworden sein. Was halten Sie davon?

P.C.: Direkte Demokratie ist ein System, in dem die Stimmbürger sagen, wo es langgeht. Die Schweiz ist praktisch das einzige Land, in dem die Regierung vom Volk geleitet wird und dieses manchmal fürchtet. Wir haben eine souveräne Allmacht, die kapriziös und bisweilen monoman ist – diese Macht nennt sich Schweizer Volk.

Die Schweizer sind recht bescheiden. Aber sie können manchmal unglaublich dumme Sachen sagen. Das Problem der direkten Demokratie ist, dass sie in den letzten 15 Jahren zur Waffe von Manipulatoren und Populisten geworden ist. Es ist langweilig, immer wieder über die Begrenzung der Zuwanderung abzustimmen.

swissinfo.ch: Direkte Demokratie und Populisten bieten doch inspirierenden Stoff für einen politischen Zeichner…

P.C.: Mir wird nicht langweilig, alle diese Schweizer Klischees zu zeichnen: Kühe, alpine Landschaften, einen Hirten und eine Abstimmungsurne.

Ich benütze bewusst dieselben Klischees wie die Populisten. Die Schweizerische Volkspartei und Christoph Blocher als ihr starker Mann erzählen seit Jahren denselben Mythos: das alpine Märchen einer souveränen Schweiz, frei von jeder globalen Verantwortung, die stets und von allem profitiert und in der Opposition bleibt.

swissinfo.ch: Wird der terroristische Angriff auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo in Paris Folgen haben auf Ihre Arbeit als politischer Zeichner?

P.C.: Wir werden weiterfahren wie bisher und mit unseren Zeichnungen versuchen, der Welt ihre Verrücktheit auszutreiben. Wir wollen immer Lachen und Diskussionen provozieren. Aber von jetzt an machen wir unsere Arbeit mit einem dunklen Schatten in unseren Köpfen und einem schweren Herzen. Für einige von uns bedeutet der Anschlag noch mehr Schwierigkeiten. Die Unschuld ist verloren, für immer.

swissinfo.ch: Für viele ist direkte Demokratie etwas Heiliges. Gibt es etwas, das Sie verbessern würden?

P.C.: Nach dem Ja zum Minarett-Verbot 2009 machte ich eine Zeichnung, mit der ich kritisierte, dass die Stimmbürger immer Recht haben, indem ich eine Figur sagen liess, dass direkte Demokratie, die Volksrechte Initiative und Referendum und das Pogrom sakrosankt sind für die Schweizer. Das war sehr provokativ.

Wer glaubt, dass das Volk immer Recht hat, braucht nur die Geschichte zu konsultieren, um zu sehen, dass das auch zu Missbräuchen geführt hat.

Ich glaube auch, dass es Initiativen gab, die nicht zur Abstimmung hätten kommen sollen. Leute kommen danach zur Einsicht, dass die Initiative nicht konform zu diesem und jenem gewesen sei. Das ist ein grosses Problem.

Ich will nicht, dass direkte Demokratie zu einem Mittel verkommt, mit dem Leute Dampf ablassen und verschiedene Launen ausleben können. Wir müssen in den Vorlagen, über die wir abstimmen, ein wenig präziser und strenger sein.

Die Mehrheit sollte nicht die Möglichkeit haben, fundamentale Rechte zu verletzen. Das aber kann vorkommen. Das Minarett-Verbot war ein klares Beispiel dafür, dass die Bürger nicht darüber abstimmten, was zur Debatte stand. Vielmehr gaben sie mit ihrer Stimme symbolisch einem Gefühl Ausdruck.

Ein anderes schockierendes Beispiel ist, dass Bürger auf Gemeindeebene über die Einbürgerungen von Ausländern entscheiden können. Ein Foto, zwölf Zeilen über eine Person entscheiden darüber, ob man diese mag oder nicht. Jeder Name, der nach Balkan klang, wurde abgelehnt. Direkte Demokratie ist so etwas wie ein Internetforum. Sie ist der ungefilterte, anonyme Ausdruck der Wut oder Stimmung der Bürger.

swissinfo.ch: Neben den sehr polarisierenden Themen gibt es auf lokaler, kantonaler und eidgenössischer Ebene tausende von Vorlagen, die nicht so kontrovers sind.

P.C.: Es ist fantastisch, eine lebendige Politik zu verfolgen, die nicht aus vielen kleinen Slogans besteht wie in Frankreich, sondern aus langen politischen Diskussionen auf Schweizerdeutsch.

Der schweizerische Eifer, mit dem Leute über schwierige technische Fragen diskutieren, ist hervorragend. Man kann einen ganzen Abend lang über solche Themen debattieren, während nebenan die französischen Medien voll von Gerede über den Präsidenten und seine Mätresse sind. Oder sie berichten, wer was bei welchem Treffen gesagt hat.

Das ist gewiss ein positiver Punkt der direkten Demokratie: Die Fähigkeit der Schweizer, sich in lange Diskussionen zu werfen. Ich würde nicht grad sagen leidenschaftlich, manchmal aber doch mit Eifer. Die Stimmbürger sind gelehrige Schüler.


(Übertragung aus dem Englischen: Renat Kuenzi)

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