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"Als die Sonne vom Himmel fiel"


Hiroshima: "Wer nicht dabei war, wird es nie verstehen können"


Von Stefania Summermatter, Locarno


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Der Grossvater von Aya Domenig war Arzt im Spital des Roten Kreuzes in Hiroshima, als die USA am 6. August 1945 die erste Atombombe über der Stadt zündeten. Eine Erfahrung, über die er Zeit seines Lebens nicht reden wollte. Im Dokumentarfilm "Als die Sonne vom Himmel fiel", der in Locarno gezeigt wurde, geht die schweizerisch-japanische Regisseurin den Spuren ihrer Familie nach und analysiert mit Gespür und Sachlichkeit die verletzte Seele einer Nation.

Shigeru Doi, Grossvater von Aya Domenig, mit Opfern von Hiroshima. (pardolive.ch)

Shigeru Doi, Grossvater von Aya Domenig, mit Opfern von Hiroshima.

(pardolive.ch)

swissinfo.ch: Die Bombe von Hiroshima ist im Leben ihrer Familie allgegenwärtig, ihr Grossvater wollte aber nie darüber reden. Wir erklären Sie sich das?

Aya Domenig: In den ersten Jahren nach Hiroshima und Nagasaki war es den Opfern und dem medizinischen Personal verboten, über das Ereignis und die Auswirkungen auf die Betroffenen zu sprechen. Wer es wagte, etwas zu sagen, riskierte, ins Gefängnis gesteckt zu werden.

Auch wenn über die Jahre hinweg einige zu erzählen begonnen haben, sprach mein Grossvater kein Wort darüber. Und dies trotz der Tatsache, dass Hiroshima unsere Familie gezeichnet hat und ein Teil des kollektiven Gedächtnisses der Japaner ist. Für viele sind Hiroshima und die Atombombe noch heute ein Tabu.

Als ich ihn einmal wegen Hiroshima fragte, antwortete er mir: "Wer nicht dabei war, wird es nie verstehen können." Es sei etwas, was man nicht in Worte fassen könne. Diesen Satz hört man häufig unter den Opfern.

Mein Grossvater war ein normaler Arzt, eher konservativ, und er war dagegen, dass sich meine Mutter in der pazifistischen Bewegung engagierte.

swissinfo.ch: Ihr Grossvater ist 1991 gestorben. Um seine Geschichte zu erzählen, haben Sie nach den Krankenschwestern gesucht, die an seiner Seite gearbeitet hatten. Wie reagierten diese?

A.D.: Nicht alle waren bereit, darüber zu sprechen. Aber dank meiner Mutter lernte ich Chizuko Uchida kennen, eine aussergewöhnliche Frau, die sich von einer Kriegsunterstützerin vor Hiroshima zu einer leidenschaftlichen Anti-Atom-Aktivistin entwickelt hatte. Auch sie arbeitete einen Monat lang in Hiroshima, bevor sie krank wurde.

Die Krankenschwester Chizuko Uchida, Protagonistin im Dokumentarfilm von Aya Domenig.  (pardolive.ch)

Die Krankenschwester Chizuko Uchida, Protagonistin im Dokumentarfilm von Aya Domenig. 

(pardolive.ch)

Ich entschied mich deshalb, den Dokumentarfilm auf ihre Figur sowie jene meines Grossvaters und von Shuntaro Hida zu konzentrieren. Er ist der letzte noch lebende Arzt von Hiroshima. Hida widmete sein Leben der Behandlung von Strahlenopfern und kämpfte für deren Rechte.

swissinfo.ch: Die Strahlenopfer (Japanisch: Hibakusha) wurden lange Zeit diskriminiert, ihre Krankheit wurde nicht anerkannt. Wie sieht die Situation heute aus?

A.D.: Nur Personen, die im Umkreis von zwei Kilometern des Epizentrums der Bombe von Hiroshima lebten, wurden offiziell als Opfer anerkannt. Auswirkungen der Strahlung [in der Nahrung oder der Luft, die Red.] wurden nur teilweise anerkannt; mit der Ausrede, dass es unterhalb eines gewissen Schwellenwerts keine Probleme gebe. Es gibt also Menschen, die nie zu kostenlosen medizinischen Behandlungen hatten und zusehen mussten, wie ihnen das Recht verweigert wurde, als Opfer anerkannt zu werden.

Gleichzeitig hatten die Menschen Angst zu sagen, dass sie verstrahlt sind, denn sie riskierten, keine Arbeit und keinen Ehepartner mehr zu finden. Auch mein Grossvater, der vermutlich wegen der Strahlung krank wurde, zögerte, Hilfe zu beantragen.

Heute betrifft diese Diskriminierung vor allem die Hibakushas der zweiten Generation, Menschen, die unmittelbar nach Hiroshima geboren wurden, aber auch Opfer von Fukushima. Einige lassen sich untersuchen, um ein Dokument zu erhalten, das bestätigt, dass sie nicht verstrahlt sind.

Der Film

"Als die Sonne von Himmel fiel" wurde in der "Kritikerwoche Locarno", einer unabhängigen Sektion des Filmfestivals Locarno, als Weltpremiere gezeigt.

Dieser Festivalteil, der beim Publikum immer beliebter wird, wurde vor 25 Jahren ins Leben gerufen. Er wird vom Verband der Schweizer Filmjournalisten unterstützt.

swissinfo.ch: Wie erklären Sie sich diese Diskriminierung?

A.D.: Ich habe mich oft gefragt, wie es dazu kommen konnte, dass die Atombombenopfer, die schon so viel physisches Leid zu ertragen hatten, auch noch von ihren Mitmenschen geächtet wurden. Ich glaube, es hat viel damit zu tun, dass man sich von der hässlichen Wahrheit abschirmen wollte. Man bildetete sich ein, dass einen das alles nichts angehe, dass man selber nicht betroffen sei. Man wollte nicht in den eigenen Spiegel schauen.

Ausserdem haben sich die Opfer oftmals zurückgezogen, sich geradezu versteckt, was die Diskriminierung wahrscheinlich noch gefördert hat. Doktor Hida sagt dazu etwas sehr Interessantes: Die Japaner haben kein so starkes Bewusstsein für die Menschenrechte wie die Europäer. Es sei ihnen nicht bewusst, dass sie ein Recht darauf haben, als Opfer anerkannt und unterstützt zu werden. Die Opfer sollen nicht einen Teil ihrer Selbst negieren, sondern zu selbstbewussten Individuen werden, in die Öffentlichkeit treten und für ihre Rechte kämpfen.

swissinfo.ch: Hat die Atomkatastrophe von Fukushima über den ersten Schock hinaus etwas zu einer Änderung dieser Mentalität beigetragen?

A.D.: Die Katastrophe von Fukushima rückte Hiroshima ohne Zweifel wieder ins Rampenlicht und brachte dem Thema eine neue Dimension. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele davon überzeugt, dass die friedliche Nutzung von Kernenergie mit dem Einsatz von Atombomben in keinerlei Zusammenhang stehe.

Aber nach Fukushima entstand eine breitere Debatte, und viele, die an die Sicherheit der Kernenergie und an die Regierung glaubten, waren erschüttert und fingen an, sich Fragen zu stellen. Heute ist die Mehrheit der japanischen Bevölkerung generell gegen die Nutzung von Kernenergie, doch die Regierung bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung.

swissinfo.ch: In Ihrem Dokumentarfilm sind auch einige historische Aufnahmen zu sehen, welche die Opfer von Hiroshima zeigen und auf denen deutlich die zerstörerische Kraft der Bombe auf den menschlichen Körper zu sehen ist. Woher stammen diese Aufnahmen, und wann wurden sie öffentlich gemacht?

A.D.: Die Schwarz-Weiss-Aufnahmen wurden im September und Oktober 1945 gedreht und stammen von einem Filmteam aus Tokio. Es war mit einer Gruppe von Wissenschaftlern nach Hiroshima gekommen, um festzuhalten, was geschehen war. Die USA bemerkten dies sofort und beschlagnahmten das gesamte Material. Erst 1968 wurde das Material zum ersten Mal veröffentlicht.

Die Bomben

Am 6. August 1945 um 8:15 morgens zündeten die USA die erste Atombombe über der japanischen Küstenstadt Hiroshima. Es wird geschätzt, dass 140'000 Menschen ihr Leben verloren und weitere 200'000 durch Strahlung verseucht wurden.

Drei Tage später, am 9. August 1945, wurde morgens um 11:02 die Hafenstadt Nagasaki getroffen. Über 70'000 Menschen starben.

Die Farbbilder hingegen wurden im April 1946 von der US-Armee gedreht. Für die USA waren die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki ein Test, und sie sammelten deshalb Bildmaterial über die Auswirkungen der Bomben. Diese Aufnahmen wurden sogar erst in den 1980er-Jahren veröffentlicht.

swissinfo.ch: "Als die Sonne vom Himmel fiel", an dem Sie vier Jahre lang arbeiteten, verflechtet einfühlsam und präzise Ihre persönliche Geschichte mit jener der japanischen Gesellschaft. Keine leichte Aufgabe...

A.D.: Ich habe vor meiner Filmausbildung Ethnologie studiert. Die ethnologische Arbeitsweise, die sich dadurch kennzeichnet, dass man versucht, eine Kultur von "innen heraus" zu verstehen und dazu sehr viel Zeit und Geduld aufzuwenden, ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Es ist nicht meine Art, mit einer vorgefassten Vorstellung des fertigen Films auf die Menschen zuzugehen und Material zu sammeln, das dieser Vorstellung entspricht.

Bei der Zusammenarbeit mit meinen Protagonisten hat sich diese Arbeitsweise sehr gelohnt. Dass ich über eine lange Zeitspanne hinweg mit ihnen gearbeitet habe, hat mir einen besonderen Zugang zu ihnen verschafft. Auch für den Schnitt des Films haben wir uns viel Zeit gelassen.

swissinfo.ch: Was glauben Sie, wie wird der Film in Japan aufgenommen werden?

A.D.: Wir suchen noch einen Verleiher, aber angesichts des politischen Tenors meines Dokumentarfilms wird es nicht leicht, ihn in die Kinos zu bringen. Wahrscheinlich wird er nur in einigen kleineren Kreisen gezeigt werden.

Das ist schade, weil ich denke, es ist wichtiger denn je, über die Konsequenzen der Atomenergie zu diskutieren. Besonders jetzt, wo die Opfer von Fukushima eine ähnliche Situation wie jene Hiroshimas erleben. Ihre Rechte werden mit Füssen getreten, und sind einmal die Jubiläen vorbei, wird man diese Menschen schlicht vergessen.


(Übertragen aus dem Italienischen: Christian Raaflaub)

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