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40 Jahre Dokumentarfilme in Nyon oder 15 Jahre Visions du Réel: Das Filmfestival unter der Leitung von Jean Perret bleibt in der Auswahl der Filme zugespitzt wie massentauglich. Das Filmfest am Genfersee dauert bis 29. April.

Die Gefahren des Neoliberalismus, die kanadischen Ölfelder, die grossen Kriege des 20. Jahrhunderts, die Fischerei in Marokko, die Psychiatrie in Japan oder 20 Jahre Mauerfall.

Dies sind nur einige der Themen, die am Genfersee in den 20 Filmen der internationalen Auswahl des Wettbewerbs auf die Leinwand kommen.

Vier davon stammen aus der Schweiz: In "Bassidji" konfrontiert sich Mehran Tamadon mit der iranischen Regierungs-Miliz, die diesen Namen trägt. In "Die Frau mit den 5 Elefanten" erinnert Vadim Jendreyko an die Literatur und an Dostojewski.

"Geburt" von Silvia Haselbeck und Erich Langjahr befasst sich mit der natürlichen Geburt ohne Einsatz von Medikamenten. Peter Liechti schliesslich erzählt in "The sound of insects - Record of a mummy" die Geschichte eines Mannes, der sich zum Verhungern entschliesst.

swissinfo sprach mit Festivaldirektor Jean Perret über die diesjährige Auswahl in Nyon.

swissinfo: Was gibt es dieses Jahr bei Visions du Réel zu sehen?

Jean Perret: Mindestens drei Dinge. Zuerst, wieder und immer, die riesige Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten des Kinos der Realität, das sich vom strengen Dokumentarfilm unterscheidet.

Zweitens sehen wir einerseits Filme, die Geschichten in der ersten Person erzählen, in der Art von Autobiographien. Andererseits nehmen uns Filme mit auf grosse Reisen. Die Filmer der Realität lieben das Reisen, das Entdecken des Anderen am Ende der Welt.

Drittens: Das Treffen all dieser Leute, die sich im Herzen des cineastischen Prozesses bewegen. Und die uns dank ihres Engagements, ihrer Beharrlichkeit, ihren Visionen und ihrer Persönlichkeit Dinge zeigen, die wir noch nie gesehen haben.

swissinfo: Wie unterscheiden sich die Themen der Filme?

J.P.: Es gibt zuerst jene, die sich mit dem Zustand der Welt befassen. Die Wirtschaftskrise, die Börsenbaisse, die Finanzkrise, die weltweite Krise, welche die Grundwerte der kapitalistischen westlichen Länder durchschüttelt, sind Thema diverser Filme, die Abstand nehmen, überlegen, vorschlagen und das Wort erteilen.

Ein anderes wiederkehrendes Thema ist der Zustand des Planeten aus ökologischer Sicht. Die Atomenergie wird in einigen durchwegs interessanten und engagierten Filmen thematisiert.

Ein weiteres ganz wichtiges Thema für uns sind Filme, welche die künstlerische Schöpfung behandeln. Sie geben dem Kino der Realität einen Impuls von Lebensfreude, Entfaltung und Gleichgewicht zwischen dem Menschen und seinem Universum.

Wir zeigen beispielsweise "El sistema", einen Film, der in Venezuela gedreht wurde, in dem die klassische Musik Kindern erlaubt, aus ihren teils prekären Bedingungen auszubrechen.

Einige Filme, die für Visions du Réel ausgewählt wurden, zeigen Menschen in ihrem Alltag. Ein Beispiel ist "Perestrioka", wo in einem Wohnheim in Sankt Petersburg jedes Zimmer von einem besonderen Mieter bewohnt wird.

Das ist die Beschreibung einer Lebensart, einer Art kalten Krieges, zum Teil sehr lustig, aber auch sehr beängstigend. Filme also, die zum Nachdenken anregen, zum Lachen, zum Weinen.

swissinfo: Ist es anlässlich der 40. Ausgabe des Festivals, korrekterweise der 15. Ausgabe von Visions du Réel, an der Zeit für eine Bilanz?

J.P.: Ohne Zweifel. Man kann sich die Frage stellen: Beginnt es nicht, langweilig zu werden? Machen wir das nicht schon zu lange? Worauf haben wir noch Lust? Es gibt darauf eine zweifache Antwort.

Einerseits ziehen wir jedes Jahr Bilanz. Was wir zusammengetragen haben, was geschehen ist, der Publikumserfolg, die Gefühle der Filmschaffenden.

Diese Bilanz birgt immer die Frage, ob man weitermachen will, all diese Filme zu zeigen und mit einem Publikum teilen zu wollen.

Andererseits haben wir im Rahmen der jährlichen Bilanz festgestellt, dass es sich im Moment wirklich lohnt, diese Bilder zu zeigen, die wir aus Millionen ausgewählt haben. Wir haben 1700 Filme angesehen, um daraus 140 auszuwählen.

Mit dieser Auswahl versuchen wir, dem Publikum den nötigen Abstand zu schaffen, um ihm damit zu Freude, Reflektion und Emotionen zu verhelfen.

swissinfo: Was hat sich in all den Jahren im realistischen Film verändert?

J.P.: Eine markante Veränderung seit 15 Jahren ist ohne Zweifel die beträchtliche technologische Revolution durch die Digitalisierung.

Die Markteinführung von kleinen, leichten Kameras, mit denen praktisch jeder gratis Filme drehen kann, Bilder, die auf dem Computer geschnitten und auf DVD gebrannt und verteilt werden, das ist eine Revolution, denn sie erlaubt es erstmals allen, sich filmisch auszudrücken.

Das Resultat sind spannende Entdeckungen. Wir würden in der Schweiz beispielsweise ohne eine neue Welle von total unabhängigen Video- und Filmschaffenden kaum etwas vom alltäglichen China kennen, wie es heute von Millionen Menschen erlebt wird.

swissinfo: Dieses Jahr präsentieren Sie eine Serie von Haikus in Bildern. Was ist der Sinn dieser Initiative?

J.P.: Die Haikus, eine wunderschöne poetische japanische Tradition, haben wir den Filmenden vorgeschlagen. Drei Einstellungen, hart aneinander geschnitten, nur mit einer Unterschrift am Ende.

Ein kurzer Moment, zwischen 50 Sekunden und zwei, drei Minuten, ein Moment der Meditation, eine Unterbrechung des Alltags.

Warum? Wir wollten uns zum Jubiläum nicht einfach selber gratulieren, sondern haben uns von jenen Filmschaffenden, die wir in Nyon bereits empfangen haben, ein kleines Geschenk gewünscht. Ein Haiku, das wir vor jeder Vorführung präsentieren und mit dem Publikum teilen werden.

swissinfo-Interview: Pierre François Besson
(Übertragen aus dem Französischen: Christian Raaflaub)

In Kürze

Daten: Die 15. Ausgabe von Visions du Réel in Nyon dauert vom 23. bis 29 April. Die Preisverleihung findet am 29. April abends statt.

Werke: Über 150 Filme gibt es zu entdecken, darunter sind 20 (aus 16 Ländern) im internationalen Wettbewerb. Die internationale Jury besteht aus Molly Dineen, Sally Berger, Fernand Melgar und Hollman Morris.

Kategorien: Das Festival ist aufgeteilt in zehn Sektionen und zwei Ateliers mit den Libanesen Joanna Hadjithomas und Khalil Joreige sowie mit dem Kasachen Sergey Dvortsevoy.

Specials: Abende zum doppelten Jubiläum des Festivals, zu zehn Jahren Trainingsprogramm Eurodoc, zu 20 Jahren Mauerfall usw.

Für alle

Nr. 1: Visions du Réel ist das wichtigste Filmfestival der Westschweiz und - hinter Locarno und Solothurn - das drittgrösste der Schweiz. Es zählte 2008 gut 28'000 Eintritte.

Breit: Nach der Gründung 1969 wurde das Festival 1995 in der heutigen Form neu aus der Taufe gehoben. Heute bietet es ein an die Realität gebundenes Kino, welches über das strikt dokumentarische hinausgeht.

Profis: Für Filmschaffende und Verleiher aus der Schweiz und Europa gilt Visions du Réel als Event, das man nicht verpassen sollte.

Der Chef

Jean Perret, geboren 1952, leitet das Festival seit 1995.

Er ist Autor eines Werks über den Dokumentarfilm der 1930er-Jahre in der Schweiz. Davor war er Lehrer und arbeitete während vielen Jahren als Journalist.

Zwischen 1990 und 1994 war er Generaldelegierter der "Semaine de la Critique" am Filmfestival Locarno.

Daneben war er in verschiedenen Bereichen des Filmgeschäfts tätig.



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