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"Charlie Hebdo"


Satire in der Schweiz ist nicht einfach "Charlie Hebdo"


Von Isabelle Eichenberger


Satire ist nicht universell, sondern stets in Bezug zum kulturellen Rahmen (Karikatur von Jules Stauber) (Nebelspalter-Verlag)

Satire ist nicht universell, sondern stets in Bezug zum kulturellen Rahmen (Karikatur von Jules Stauber)

(Nebelspalter-Verlag)

Der Anschlag auf das französische Magazin "Charlie Hebdo" hat die Diskussion, was Satire darf und was nicht, neu entfacht. Karikaturen machen zwar mit ihrer Sprengkraft nicht vor Grenzen Halt. Aber Humor und Lachen sind an kulturspezifische Wertesysteme gebunden, die nicht universell sind. Das zeigt sich auch innerhalb der Schweiz.

400 neue Abonnenten, viele Zuschriften von Lesern, die ihre Trauer und Solidarität bekunden, verbunden mit der Aufforderung, nicht nachzulassen: Das gestiegene Interesse für Satire zeigt sich nach dem Anschlag mit 12 Toten auch bei "Vigousse". Die Publikation bezeichnet sich bescheiden als "kleines Satiremagazin der Westschweiz" und erscheint einmal wöchentlich.

"Zwei Geisteskranke, die diese schreckliche Tat begehen und hunderttausende Menschen, die dagegen auf die Strasse gehen – das ist wunderbar, die Meinungsfreiheit hatte nie so viel Unterstützung!", freut sich "Vigousse"-Chefredaktor Laurent Flutsch. 

Dominique von Burg, Präsident des Schweizer Presserates, hofft, dass der blutige Anschlag islamistischer Terroristen auf "Charlie Hebdo" der Bedeutung der Pressefreiheit neuen Auftrieb verleihe, nachdem sie in den letzten Jahren unter Druck geraten sei. "Die Selbstzensur ist ziemlich ausgeprägt, besonders in den USA, wo die politische Korrektheit und eine Art Psychose herrschen, die den Mut von 'Charlie Hebdo' umso wichtiger machen. Der Mut zur systematischen Provokation im Namen der Meinungsfreiheit ist eine Chance", so von Burg.

Nicht alles wird gedruckt

Für den Lausanner Kunsthistoriker Philippe Kaenel ist die Karikatur "ein vorzügliches Propaganda-Instrument, weil visuelle, diskursive und konzeptuelle Gedanken hart zuschlagen können". Für eine öffentliche Publikation sei Selbstzensur aber dennoch unerlässlich, betont Kaenel. "Man kann nicht alles sagen, was einem auf der Zunge liegt, sonst macht man auf reine Polemik. Karikaturen lenken das Interesse auf Medien, in dem sie mit Kodizes, Registern und gemeinsamen Referenzsystemen arbeiten."

In Medien, die Karikaturen publizieren, ist der Zeichner Kommentator. Er macht üblicherweise mehrere Zeichnungen, die er der Redaktionsleitung vorlegen muss. Diese trifft schliesslich die Auswahl. "Vigousse" lehne manchmal Karikaturen ab, aus unterschiedlichen Gründen, sagt Flutsch. Karikaturen, die im Internet publiziert würden, seien oft nur flüchtig hingeworfen und aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen.

"'Charlie Hebdo' dagegen ist immer noch ein Magazin aus Paris und kein universelles Medium", hält Kaenel fest. Es sei der anarchistischen Tradition "der französischen Presse der Jahre besonders um 1900 verpflichtet. Die Gewalt der Darstellungen von damals wäre heute undenkbar".

"Vigousse" ist eine Art Schweizer Version des "Charlie Hebdo" und wurde vom französischen Karikaturisten Barrigue gegründet, der seit Jahrzehnten in der Westschweiz lebt und für dortige Zeitungen zeichnet. Tatsächlich übernimmt "Vigousse" viele Karikaturen der Pariser Kollegen.

Denunzieren statt sich amüsieren

Es gibt aber Grenzen. So druckten die Westschweizer 2006 die Mohammed-Karikaturen nicht nach. "Sie schienen uns nicht lustig, und wir wären nur Nachahmer gewesen", so Laurent Flutsch. "Die Herausforderung und die Karikatur sind unser Motor. Eine Zeichnung ist eine Denunzierung, nicht bloss Spass. Die Idee, eine Gemeinschaft zu schockieren, ist für uns kein Kriterium. Wir geben acht, nicht unnötig 'trashig' oder fäkal zu sein. Man kann böse sein ohne Vulgarität, und man kann wild sein in aller Feinheit", sagt der Chefredaktor.

In der Deutschschweiz ist Satire traditionellerweise etwas weniger pointiert, sprich radikal. "Provokation und Unverschämtheit sind ein Weg. Aber wir können auch viele Dinge zwischen den Zeilen sagen, die nicht freundlicher daherkommen, aber subtiler", sagt Marco Ratschiller, Chefredaktor des "Nebelspalter". "Unser System in der Schweiz unterscheidet sich stark von demjenigen Frankreichs –  der Entscheidungsprozess, die Konkordanz, die direkte Demokratie usw., das alles sind hier starke und mächtige Kräfte, im Gegensatz zu den Nachbarländern", so Ratschiller.

Kulturelle Differenzen

In der Westschweiz, und erst recht in Frankreich, sei Satire "aggressiver, konfrontativer als in der Deutschschweiz und Deutschland", sagt Ratschiller weiter. "Bei uns ist der Teil mit investigativem Journalismus getrennt von Kommentaren und Karikaturen. In französischen Medien dagegen gehen sie gut zusammen."

Die wichtigsten Satire-Blätter der Schweiz

"Nebelspalter" (21'000 Ex.): 1875 von Jean Nötzli in Zürich gegründet. Vorbild: "Punch"/Grossbritannien.

"Vigousse": Westschweizer Wochenmagazin, Auflage: 12'000 Ex., 2009 von Barrigue, Laurent Flutsch und Patrick Nordmann gegründet.

"Il Diavolo" (4000 ex.), 1991 im Tessin vom Zeichner Corrado Mordasini und anderen Vertretern aus dem linkssozialistischen Lager gegründet. Erscheint zweimonatlich.

"La Tuile" (2500 Ex.): Das Monatsblatt aus dem Jura wurde 1970 von Pierre-André Marchand gegründet, der es heute noch leitet.

"La Distinction" (1987, erscheint alle zwei Monate): Kritische Zeitschrift für Politik, Kultur, Literatur, Kunst und Kulinarik. Veranstaltet jedes Jahr den "Grand Prix des Bürgermeisters von Champignac" um den dümmsten und lächerlichsten Satz einer öffentlichen Person. 

In den Redaktionen der Westschweizer Zeitungen gehört ein Karikaturist praktisch zum Inventar. Der "Tages-Anzeiger" ist der einzige Titel der Deutschschweiz, der täglich eine Karikatur bringt. Die "NZZ am Sonntag" ihrerseits publiziert regelmässig Zeichnungen des Westschweizer Stars Chappatte. Auch der Berner "Bund" bringt auf der Frontseite mehrmals wöchentlich einen gezeichneten satirischen Kommentar. 

Der französische Kulturraum bietet jungen Zeichnern zahlreiche Möglichkeiten, eine eigene Sprache und einen eigenen Stil zu entwickeln. Dies vor allem auch dank der populären Comics, "bande dessinée" oder kurz "BD" genannt. Im deutschen Sprachraum dagegen kämpft die Gattung der gezeichneten Geschichten immer noch um die letzte Anerkennung als fixer Teil der Literatur.

Trotzdem aber ist es der "Nebelspalter", der mit Gründungsjahr 1875 den Titel des ältesten gezeichneten Satiremagazins der Welt für sich in Anspruch nehmen kann.

Hochklassige Zeichner

Unschätzbarer Vorteil der Schweiz: Sie kennt, abgesehen von den beiden Weltkriegen, keine Zensur. Die Meinungsfreiheit ist in der Verfassung von 1848 verankert.

"Schweizer Karikaturen sind nicht so spektakulär wie jene in Grossbritannien oder Frankreich. Und es fehlte an Grössen wie Daumier", so Kunsthistoriker Philippe Kaenel. "Aber seit rund 40 Jahren gibt es eine Vielzahl hervorragender Zeichner, die auch internationale Ereignisse aufgreifen." Dazu zählen Chappatte, Barrigue, Burki oder Marial Leiter, Hans Sigg und Orlando.

Bei allen kulturellen Differenzen arbeiten die Akteure aber nicht einfach nebeneinander her, sondern es gibt Plattformen, auf denen die Szene in einen Dialog tritt. Eine solche ist "Gezeichnet", eine Ausstellung, die der "Nebelspalter" seit 2007 mitveranstaltet. Sie vereint jeweils rund 50 Zeichner aus der ganzen Schweiz, die ihre besten vier Werke des Jahres zeigen.

Alles erlaubt - im Prinzip

Die Bundesverfassung von 1848 garantiert die Meinungsfreiheit.

Das Bundesgericht verlangt, dass Satire erkennbar sein muss und dass sie "die ihrem Wesen eigenen Grenzen" nicht "in unerträglichem Mass überschreitet".

Versuche zur Zensur gab es zu Zeiten des Ersten und Zweiten Weltkriegs im 20. Jahrhundert.

Die unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) definiert Satire als aussergewöhnliches Ausdrucksmittel, bei dem die Form ganz bewusst nicht mit der transportierten Botschaft übereinstimme. Anders gesagt: Das Publikum muss das Prinzip der Satire erkennen können.

Der Schweizer Presserat erklärt in seinem Leitfaden, dass ethische Standards auch für Karikaturen gelten. Zu den Mohammed-Karikaturen, die 2006 in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" erschienen waren und von "Charlie Hebdo" übernommen wurden, schrieb das Gremium: Der Abdruck von möglicherweise verletzenden Karikaturen zu religiösen Themen sei dann zulässig, wenn er in verhältnismässiger Weise erfolge und das Thema journalistisch begleitet werde.


(Übertragung aus dem Französischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch

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