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SNB-Abkehr Euro-Mindestkurs


SNB: Ein "unvermeidlicher" Entscheid, der beunruhigt




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Unglauben, Schock, Erschütterung waren die Reaktionen, welche die SNB mit dem Abschied vom Euro-Mindestkurs ausgelöst hat. (Keystone)

Unglauben, Schock, Erschütterung waren die Reaktionen, welche die SNB mit dem Abschied vom Euro-Mindestkurs ausgelöst hat.

(Keystone)

Mit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses hat die Schweizerische Nationalbank einen Schock ausgelöst. Nicht nur in den Spitzen von Industrie, Unternehmen, Verbänden und Politik, sondern auch bei den Kommentatoren der Schweizer Medien. Ob die Negativzins-Strategie der Währungshüter zur Eindämmung einer starken Franken-Nachfrage aufgeht, wird bezweifelt.

Auch die Journalisten, sonst selten um Worte verlegen, zeigen sich in den Kommentarspalten völlig überrascht vom Entscheid, den SNB-Präsident Thomas Jordan am Donnerstagvormittag verkündete.

Sollte der hohe Frankenkurs andauern, hegen sie schlimme Befürchtungen, vor allem für die Schweizer Exportindustrie. Sie ist eine der treibenden Kräfte der robusten Schweizer Wirtschaft, zusammen mit dem Inlandkonsum.

"Euro fällt – Exportindustrie zittert", so das St. Galler Tagblatt. "Kniefall vor den Spekulanten. Um 10.30 Uhr schickte die SNB die Wirtschaft bachab", titelt die Boulevardzeitung Blick. Die TagesWoche Online: "Das Ende vom Euro-Mindestkurs ist ein Schock fürs Gewerbe."

"Mindestkurs ist Geschichte. Die Schweiz kapituliert vor dem schwachen Euro. Jordan lässt die Märkte beben", schreibt die Aargauer Zeitung. "Der Entscheid der Nationalbank löste an der Börse Entsetzen aus", meldet der Tages-Anzeiger. "Entscheid vernichtet 101 Mrd. Franken", beziffert 20 Minuten den Schaden für die Anleger.

"Statt Schneefall eine kalte Dusche", schreibt das Bündner Tagblatt aus dem Kanton Graubünden, der wie andere Tourismuskantone stark unter schwachen Wintern und dem starken Franken leidet.

"Es gab nicht das kleinste Leck", staunt die Tribune de Genève, der Entscheid habe alle Akteure komplett überrascht. "Die Schockwellen haben mit Lichtgeschwindigkeit die ausländischen Märkte erfasst, die Schulden in Schweizer Franken haben. Der Zorn der Schweizer Industriellen erreichte Erdbeben-Stärke."

"Die Nationalbank wählte die Option zu handeln, statt des Eingeständnisses einer Niederlage", so Le Temps. "In wenigen Sekunden hat sie ihren Kurs geändert - von einer protegierten Wirtschaft zur Rückkehr zu einer liberalen Politik."

So kommentierte die deutsche Presse:

Spiegel  online:

"Die Schweiz kapituliert vor dem schwachen Euro. Jahrelang hat die Schweizer Nationalbank dafür gesorgt, dass man für einen Euro möglichst viele Franken bekam. Jetzt musste sie aufgeben – zu stark sind die Kräfte, die den Wert des Euro nach unten ziehen. Der Schweiz droht ein Wirtschaftseinbruch."

Frankfurter Allgemeine Zeitung:

"Wer künftig in der Schweiz Urlaub macht, zahlt ein Sechstel mehr für Hotel, Restaurant und Ski-Pass als noch gestern. Das wird viele deutsche oder auch französische oder italienische Urlauber abschrecken. Die Schweizer Hoteliers stöhnen auf. Auch die helvetische Exportindustrie, von Chemie bis Uhren, wird es künftig noch schwerer haben, ihre Produkte in Europa abzusetzen."

Süddeutsche Zeitung:

"Wenn der Kurs einer Währung derart schnell steigt, dann zeigt dies vor allem eines: dass die Anleger in einer Welt, die voller Unsicherheiten steckt, einen sicheren Zufluchtsort suchen."

Die Zeit:

"Die grössten Gewinner an diesem turbulenten Donnerstag sind die 300'000 Grenzgänger, die in der Schweiz arbeiten. Sie erhielten auf einen Schlag eine satte Lohnerhöhung. Ohne Verhandlungsmarathon und ohne Streik!"

An sich unbestritten, aber…

Der Schritt an sich war auch in den Redaktionen grösstenteils unbestritten. "Dass die Nationalbank eine temporäre Massnahme wie den Mindestkurs irgendwann beendet, kann man ihr nicht ankreiden", schrieb die Appenzeller Zeitung. "Dennoch wird es mit diesem abrupten Ende für viele Wirtschaftszweige sehr ungemütlich."

Für die wirtschaftsnahe Neue Zürcher Zeitung ist der Abschied vom Mindestkurs ein "Ende mit Schrecken". Aber ein "konsequenter", der schmerzen werde, aber richtig sei. "Sonst wäre der Franken an eine EZB-Geldpolitik gebunden gewesen, die je länger, je weniger passt." Denn die Europäische Zentralbank werde weiteres billiges Geld in die Märkte pumpen, um den Euro zu schwächen.

"Der Entschluss, den Mindestkurs aufzugeben, bedeutet deshalb primär, dass die SNB den Franken nicht zu einem Quasi-Euro werden lässt, sondern zu einer eigenständigen Geldpolitik mit flexibleren Wechselkursen zurückkehrt. Es ist zu hoffen, dass sie daran festhalten wird", so die NZZ.

Aktionsfreiheit zurückerlangt

Die Wirtschaftszeitung L’Agefi vermutet, dass die SNB den Frankenkurs eine gewisse Zeit den Kräften der Märkte überlassen wolle, um danach eine neue Grenze festzulegen, die dann den Dollar besser berücksichtige.

Schweiz weiter mit Bestnote "AAA"

Die überraschende Abschaffung des Euro-Mindestkurses durch die Schweizer Notenbank wirkt sich nach Ansicht von Standard & Poor's nicht negativ auf die Kreditwürdigkeit der Schweiz aus. Die Ratingagentur stuft die langfristigen Verbindlichkeiten der Schweiz weiter mit der Bestnote "AAA" ein.

"Die starke Schweizer Wirtschaft und die soliden öffentlichen Finanzen werden diesem Wechselkurs-Schock standhalten", so S&P am Freitag. Dennoch könne die Aufwertung des Frankens die Exporte für zwei bis drei Jahre schwächen und das Wirtschaftswachstum dämpfen. 

"Erst wenn sich die Lage etwas normalisiert hat, wird eine nüchterne Bilanz der Abkehr vom Mindestkurs möglich sein", schreibt Die Südostschweiz. Klar sei allerdings schon jetzt: "Die Nationalbank gewinnt durch den Schritt geldpolitischen Handlungsspielraum zurück. Klar ist aber auch: Auf die Exportwirtschaft und den Schweizer Tourismus kommen ganz harte Zeiten zu."

Auch La Liberté aus Freiburg kann dem Strategiewechsel Positives abgewinnen. "Die SNB hat auf den Märkten ihre Autorität unter Beweis gestellt. Haben sich die Emotionen einmal gelegt, könnte sich die Glaubwürdigkeit der Institution wieder verstärken.

Indem die Nationalbank dem Franken seine Freiheit zurückgebe, erhalte dieser die Möglichkeit, sich wieder auf seinem reellen Wert einzupendeln, meint L'Hebdo. "Dabei spielt nicht nur der traditionelle Status als sicherer Hafen eine Rolle, sondern auch die Schweizer Wirtschaft, die durch den zu starken Franken geschwächt ist."

Kein Geld für Bund und Kantone?

Die nach dem Euro-Fall nötigen Abschreibungen auf den Fremdwährungsbeständen der SNB werden auch für die öffentliche Hand Konsequenzen haben, erinnert dagegen die Basler Zeitung. "An Gewinnausschüttungen, in deren Genuss Bund und Kantone heuer nochmals kommen, ist 2016 mit Sicherheit nicht zu denken." Bestimmend für den Wohlstand der Schweiz sei das Wohlergehen der Exportwirtschaft. "Diese muss sich unter den neuen Bedingungen abermals arg nach der Decke strecken."

Laut der Neuen Luzerner Zeitung hat die SNB mit der Aufgabe der Kursuntergrenze des Schweizer Frankens zum Euro "einen historischen Schritt" gemacht. "Das künstliche Stützkorsett für den Franken wird nach gut drei Jahren ad acta gelegt. Offensichtlich erachtet die Nationalbank diesen Schock für unsere Wirtschaft heute als zumutbar. In den gut drei Jahren mit gesichertem Eurokurs hat die Schweizer Exportwirtschaft zu neuer Kraft gefunden." Allerdings habe diese Stärkung ihren Preis "in Form von Abermilliarden Euro in den Büchern der Nationalbank".

Die NLZ sieht auch die Politik gefordert, jetzt "umso mehr Sorge zu tragen zum Werkplatz Schweiz". Dieser sei mehr denn je auf freie Marktzugänge in alle Welt angewiesen.

Le Matin malt die Gefahr an die Wand, dass jetzt "der starke Franken die Geister der Karren weckt, auf denen die Entlassenen weggefahren werden." Die Schweiz riskiere schlimme Rückenschmerzen. "Sie ist an ihrem Rückgrat getroffen, durch all jene Unternehmen, die ihr Wissen ins Ausland verkaufen."

Erschütterte Glaubwürdigkeit

Die Nationalbank sei mit ihrem Entscheid nicht aus dem Schneider, warnen Tages-Anzeiger und Der Bund. "Nicht zuletzt, weil die Glaubwürdigkeit der SNB durch die Art der Kommunikation gestern gelitten hat." Diese hatte noch Mitte Dezember versichert, die Euro-Untergrenze von 1,20 Franken mit allen Mitteln zu verteidigen. "Spekulanten dürften sich deshalb wieder grössere Chancen ausrechnen, wenn sie im Schlepptau von Geldern, die einen sicheren Hafen suchen, auf eine Aufwertung des Frankens setzen", so die beiden Zeitungen.

"Böser Kratzer für die Glaubwürdigkeit der Nationalbank", sieht auch die Berner Zeitung. "Der Abwärtsdruck auf den Euro-Franken-Kurs war schliesslich stärker als die Nationalbank." Und auf SNB-Präsident Jordan gemünzt: "Er hat den Poker gegen die Finanzmärkte verloren."

Am Rückgrat getroffen

Verlierer sind laut der BZ in erster Linie Exporteure und die Tourismusbranche. "Von einer Stunde auf die andere sind Schweizer Exportprodukte um knapp 20 Prozent teurer geworden. Ferien in der Schweiz ebenfalls. Viele Exporteure werden es sich überlegen, ihre Produktion in den Euroraum zu verlegen."

Als "mutig und eigenständig" bezeichnet die Nordwestschweiz zwar die Kehrtwende der SNB. Sie müsse genau so unabhängig und überraschend handeln. Dennoch sei der Entscheid "natürlich eine Kapitulation – was auch immer die Gründe dafür sein mögen." Und Jordan, in dessen Händen die Schweizer Volkswirtschaft liege, habe damit "zwangsläufig seinen Ruf lädiert".

Das meint die englischsprachige Presse:

Financial Times:

"Es gab für die SNB keinen einfachen Weg, die Mindestgrenze aufzuheben, ohne die Märkte in Aufruhr zu bringen. Alles, was weniger bestimmt gewesen wäre, hätte Spekulanten profitable Möglichkeiten eröffnet. Trotzdem ist dies nicht die stolzeste Stunde der Zentralbank. Nach einem Tag, an dem die Währung kurz um einen Drittel anstieg, wurde das Vertrauen in die Schweizer Geldpolitik stark geschädigt."

Wall Street Journal – online:

"Die Bank und die Wirtschaft, die sie regeln soll, könnten letztendlich die grössten Verlierer des Schachzugs sein. Schweizer Uhren und Medikamente sind auf einen Schlag viel teurer geworden. Das kann mitten in der Skisaison nicht förderlich sein."

The Guardian:

"Thomas Jordan – der meistgehasste Mann im Devisenmarkt? Der Schritt machte ihn bei den Schweizer Exporteuren augenblicklich unbeliebt, indem er ihre Artikel im Ausland in einer Zeit verteuert hat, in der sich viele der europäischen Handelspartner des Landes bereits durchkämpfen müssen."

New York Times:

"Man kann mit der SNB sympathisieren, weil sie ihre Interessen angesichts der möglichen steigenden Verluste verteidigt hat. Doch die grössere Lektion ist die: Sechs Jahre aggressiver Währungs-Aktivismus der wichtigsten Zentralbanken wie der Fed und der EZB mögen die Weltwirtschaft wieder und wieder gerettet haben. Doch er führte auch zu vielen Nebenwirkungen weit über die USA und Europa hinaus, mit denen die Menschen rund um den Globus noch lange werden kämpfen müssen."

swissinfo.ch

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