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20 Jahre nach dem Genozid Schweizer Hilfe in Ruanda im Schatten der Massaker

Bis zum Genozid von 1994 war Ruanda ein Schwerpunktland der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit.

(AFP)

Seit 1963 hat die Schweiz in Ruanda im Rahmen der Zusammenarbeit und Entwicklung, sowie im humanitären Bereich mehr als 500 Millionen Franken investiert. 20 Jahre nach dem Genozid werfen eine Studie und ein Dokumentarfilm Fragen zu den wirren Verbindungen zwischen den beiden Ländern auf.

Die Studie "Die Schweiz in Ruanda (1900-1975)" des Zürcher Historikers Lukas Zürcher und der Dokumentarfilm von Thomas Isler "Wir waren gekommen, um zu helfen" beleuchten zwei damalige Aushängeschilder unter den Projekten der Deza: Die Kooperative der Kaffee-Konsumenten und Produzenten namens Trafipro (Travail, Fidélité, Progrès), die während des Genozids verschwand, sowie die von den Raiffeisen-Kassen inspirierten Volksbanken, von deren Netz ein Teil – ohne Schweizer Beteiligung – weiter besteht.

"Die Schweizer Regierung hatte mit Ruanda Beziehungen aufgenommen, weil sie das Bild der Neutralität, das nach dem Zweiten Weltkrieg Schaden genommen hatte und stark kritisiert worden war, korrigieren wollte", sagt Zürcher. Die Eidgenossenschaft habe an der internationalen Hilfsgemeinschaft, die sich damals zu verbreiten begann, teilnehmen und die helvetischen Experten- und Managementqualitäten unter Beweis stellen wollen.

"Schweiz hätte zweifellos mehr tun können"

Wie zahlreiche andere Länder hat die Schweiz ab April 1994 ihre Hilfsprojekte unterbrochen und die Mitarbeiter aus Ruanda abgezogen. In den folgenden Jahren habe sie für humanitäre Hilfe mehrere Millionen Franken ausgegeben, sagt Giorgio Bianchi, der Verantwortliche der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) für die Programme in der Region der Grossen Seen.

"Die schrecklichen Ereignisse in Ruanda haben zahlreiche Schweizer schockiert", sagt Bianchi. "Die Eidgenossenschaft fühlte sich zu dieser Zeit sehr verbunden mit Ruanda, und die Schweizer Entwicklungshilfe hat während des Genozids lokale Mitarbeiter verloren", sagt er. Als sich die Spannungen zwischen Hutu und Tutsi in den 1990er-Jahren zuspitzten, hat die Schweiz ihre Hilfsprojekte gekürzt und ihre Zusammenarbeit mit Ruanda jedes Jahr überprüft.

"Die Schweiz hätte zweifellos mehr tun können", gibt Giorgio Bianchi zu. "Sie hätte die politische Situation besser analysieren und sich mit anderen Geberstaaten besser koordinieren können", sagt er und relativiert aber  die Reichweite des politischen Einflusses der Eidgenossenschaft: Die helvetische Hilfe habe tatsächlich nur 5% der globalen Entwicklungshilfe in Ruanda ausgemacht.

Ruanda gehört heute nicht mehr zu den Schwerpunktländern der Deza. Das Land profitiert aber vom Hilfsprogramm der Eidgenossenschaft für die Region der Grossen Seen. Der Akzent werde heute auf vor allem auf die Stärkung des Demokratisierungs-Prozesses gelegt, sagt Bianchi. Die Schweiz verfolge die politische Entwicklung in diesem Land sehr aufmerksam und führte mit Kigali einen "offenen" Dialog.

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Ruanda wurde als Mittel zur Bestätigung der Nation auf internationaler Ebene betrachtet, als "Plattform und Schaufenster für helvetisches Know-how. Seit 1961 war die Schweiz im Bereich der bilateralen Zusammenarbeit tätig. Ab 1963 hat sie aus Ruanda das erste Schwerpunktland gemacht. Im zwischenethnischen Konflikt haben die Schweizer bis 1994 wiederholt für das Hutu-Regime Partei ergriffen."

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Hilfe mit Interessen

"Wir haben uns für Ruanda entschieden, weil es ein kleines Land ist. Was wir dort tun, hat für dieses Land eine gewisse Bedeutung", sagt der damalige Botschafter August R. Lindt im Dokumentarfilm. Er war 1962 nach Hans Keller der zweite Delegierte des Eidgenössischen politischen Departements für technische Zusammenarbeit, wie die DEZA früher hiess. Er hatte Ruanda auf die "Pole Position" der Schweizer Entwicklungshilfe gesetzt, die damals ins Leben gerufen wurde.

War die bilaterale Zusammenarbeit der Eidgenossenschaft absolut selbstlos? "Überhaupt nicht", sagt Lukas Zürcher. "Sie fügt sich nahtlos in die Geschichte der Kolonialisierung Afrikas, der diplomatischen Beziehungen und einer erweiterten Geopolitik ein. In der Logik der beiden Blöcke im Kalten Krieg vollzieht sie sich in einem Kampf gegen den Kommunismus auf dem afrikanischen Kontinent. Aber sie entspricht auch einem Anerkennungsbedürfnis eines 'kleinen Landes' auf dem internationalen Parkett."

Im Film ist ein Ausschnitt aus einer Reportage zu sehen, welche die Erfolge von Trafipro lobt und hervorhebt, dass die Schweiz eine Schule der Demokratie sowie Diskussionen über das Modell der Landsgemeinde nach Ruanda bringe.

"Die Schweiz exportiert ein Modell und erschafft eine Vision des Heimatlandes in einer postkolonialen Epoche, wo missioniert wird. Das Paradox beruht auf der Idee der Neutralität der Schweiz, die keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates zulässt, während die Tatsachen das Gegenteil zeigen", sagt Chantal Elisabeth, die am Drehbuch des Dokumentarberichts mitgearbeitet hat. Die Entwicklungshelfer vor Ort waren laut Elisabeth "aufrichtig in ihrem Engagement und glaubten an die Mission, die sie sich gegeben hatten".

Zweierlei Reden

Im Dokumentarfilm ist Jean-François Cuénod zu hören, als einziger Zeuge, der heute noch für die Deza tätig ist. "Wenn sich die Schweiz 1992, 1993 aus Ruanda zurückgezogen hätte, hätte sie vielleicht ein gutes Gewissen. Aber man hätte kein einziges Mittel mehr gehabt, um die moderaten Persönlichkeiten zu unterstützen, die sich bis zuletzt eingesetzt hatten."

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Laut Chantal Elisabeth hatte kein Mitarbeiter der Deza vor Ort die lokale Sprache Kinyarwanda gesprochen.

Jean-François Cuénod, der die Projekte in Ruanda zwischen 1990 und 1994 von Bern aus koordiniert hatte, erwähnt in diesem Zusammenhang "zwei verschiedene Reden. Die französische richtete sich an die internationale Gemeinschaft, die andere verstand ich nicht. Aber unsere ruandischen Kollegen, die Kinyarwanda sprachen, sagten uns: 'Es ist eine andere Rede, die sich leider an die ruandische Bevölkerung richtet'."

Seit ihrer Ankunft haben sich die Schweizer der Position des ersten ruandischen Präsidenten Grégoire Kayibanda (1962-1973) angepasst. Der Angehörige der Hutu hatte die Schweiz 1962 um Entwicklungshilfe gebeten.

Eine Besonderheit der schweizerischen Zusammenarbeit war die Entsendung von sechs Präsidentschaftsberatern von 1963 bis 1975 und von 1982 bis 1993. Der Einfluss der ersten fünf Berater auf die ruandische Regierung sei begrenzt gewesen, sagt Lukas Zürcher. Der letzte Schweizer Berater an der Seite des damaligen Präsidenten Juvénal Habyarimana (1973-1994), ebenfalls ein Hutu, war Charles Jeanneret. Er habe während elf Jahren jährlich 200'000 Franken verdient. Seine genaue Rolle bedürfe noch einer genaueren Prüfung.

Der Dokumentarfilm bringt den Fall Jean Kambanda, bis 1994 Direktor des Netzwerks der Volksbanken, zur Sprache. Der Premierminister der Interimsregierung während des Genozids wurde vom Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda (TPIR) 1998 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt.

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Geschichte einer unterschätzten Gewalt

Laut Lukas Zürcher hat die Eidgenossenschaft die ethnischen Spannungen nicht heruntergespielt. Die Gewaltakte, die an mehreren Orten zu Massakern führten, wurden aber nicht angezeigt.

"Von 1959 bis 1964 gab es zahlreiche massive Gewaltakte, die 200'000 Tutsi in die Flucht nach Uganda, Zaire und Burundi trieben. Es ist bemerkenswert, wie die Schweizer Entwicklungshelfer sich in Ruanda an diese Gewaltdichte gewöhnten und so gut wie nicht reagierten. Die Vorurteile von damals machten die Schweiz blind, die glaubte, dass die Menschen in Ruanda noch weit von einem zufriedenstellenden Zivilisationsgrad entfernt seien. Daraus resultierte eine abwartende Haltung aus Geduld und Akzeptanz gegenüber dem, was sich abspielte", sagt der Historiker.

"Man zog eine Parallele zwischen der Situation in Ruanda und der Schweiz des Mittelalters. Die Tutsi wurden mit den Habsburgern, die Hutu mit den Eidgenossen verglichen, deren Gewalt als legitime Aktion der Verteidigung betrachtet wurde."

Nach dem Genozid von 1994 prasselten die Vorwürfe auf die Deza nieder, dass sie kaum etwas unternommen habe, um den Konflikt zu beschwichtigen, und sich auf die Seite der Hutu-Bevölkerung gestellt habe.

Der vom Eidgenössischen. Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) in Auftrag gegebene, aber umstrittene Bericht unter der Leitung von Joseph Voyame, dem ehemaligen Direktor des Bundesamts für Justiz (1996), wäscht die Deza damit rein, dass die Katastrophe und vor allem deren Ausmass nicht voraussehbar gewesen sei. Der Bericht weist lediglich auf einen Mangel an entschlossener Reaktion gegenüber den ethnischen Problemen zu Beginn der 1990er-Jahre hin.


(Übertragen aus dem Französischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch

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