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Manager-Vergütungen


Abzocker-Initiative verursacht keine Revolution


Von Matthew Allen



Werden sich die Schweizer Aktionäre bei der Vergütung ihrer Führungskräfte kompromisslos geben? (Keystone)

Werden sich die Schweizer Aktionäre bei der Vergütung ihrer Führungskräfte kompromisslos geben?

(Keystone)

Für Schweizer Bosse hat eine neue Ära der Vergütungsbeschränkungen begonnen, aber nicht mit einem Wirbelsturm, sondern eher mit einem Windstösschen. Auch wenn die neuen Regeln zur Zügelung der Manager-Boni im Jahr 2016 ihre volle Wirkung entfalten werden, dürften die grossen Abzocker nicht viel zu spüren bekommen.

"Ich rechne nicht mit grossen Auswirkungen auf die Unternehmensstrategie in der Schweiz. Im besten Fall werden die exorbitantesten Vergütungen der Führungskräfte etwas gezügelt. Aber für die Durchschnittsunternehmung wird es relativ wenig Konsequenzen haben", sagt Florian Wettstein, Professor für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen.

Aber es wäre falsch zu behaupten, dass die Minder-Initiative, die im letzten Jahr vom Schweizer Stimmvolk angenommen wurde, keine Auswirkungen auf den Verhaltenskodex der Unternehmen haben. Die Firmen bemühen sich, ihre Vergütungspolitik transparenter zu kommunizieren.

In der Periode der jährlichen Generalversammlungen sind die Unternehmen mit Statutenänderungen beschäftigt, um ihren Aktionären das Recht zu gewähren, die Verwaltungsräte für ein Jahr zu wählen, sowie  – ab dem nächsten Jahr – die Vergütungen der Geschäftsleitung und des Verwaltungsrats zu bestimmen.

"Wir stellen einige kleine Änderungen fest, aber substanziell wird es erst im nächsten Jahr", sagt Roby Tschopp, Geschäftsführer von Actares, einer Gruppe von Kleinaktionären. "Die ersten Signale sind mehrheitlich ermutigend, aber die Botschaft ist ein wenig gemischt."

Auf der positiven Seite sieht Actares die Bank Vontobel und Roche, die sich mehrheitlich im Besitz ihrer Gründerfamilien befinden, und die das Aktionärsrecht, die Vergütungen zu bestimmen, bereits eingeführt haben. Der Pharmariese Novartis, der im letzten Jahr im Zentrum der Abzocker-Debatte stand, weil er dem ehemaligen CEO eine Abgangsentschädigung von 72 Millionen Franken zu zahlen beabsichtigte, hat nun für die Manager wesentliche Vergütungskürzungen angekündigt.

Die Bank Julius Bär reagierte auf eine negative Konsultativabstimmung der Aktionäre über Managerlöhne, indem sie das Bonussystem modernisierte und Vergütungen im Zusammenhang mit der Integration des Vermögensverwaltungs-Geschäfts von Merrill Lynch kürzte.

Falsches Modell

Auf der negativen Seite erscheinen die UBS und Credit Suisse. Obwohl sie für Gerichtstreitigkeiten mehr Geld beiseite legen müssen, sehen die beiden Grossbanken wesentliche Vergütungserhöhungen für Top-Manager vor. Während sich Vergütungen von mehr als 10 Millionen durch die Unternehmensergebnisse und den Vergleich mit der Bezahlung in anderen Branchen rechtfertigen liessen, seien solche Beträge für Aktionäre schwer zu verdauen, sagt Wettstein. "Ist es vernünftig, solche Summen auszuschütten? Ich glaube nicht. Weder aus wirtschaftlicher noch aus ethischer Sicht. Es ist eine Frage der Integrität, sowohl des Unternehmens wie der Geschäftsleitung, in dieser Sache mehr Zurückhaltung zu zeigen."

Riesige Abfindungen wird es weiterhin geben, solange das finanzielle Ergebnis die treibende Kraft hinter den Entschädigungen ist, sagt er. "Um sich von der bisherigen Vergütungskultur zu verabschieden, muss man sich weg vom System der Schaffung eines Aktionärsmehrwerts hin zu einem System bewegen, das andere Akteure berücksichtigt, wie die schlechter bezahlten Angestellten und andere vom Geschäft Betroffene."

Ein weiteres Hindernis bei der Umsetzung der Minderinitiative gegen exzessive Vergütungen bestehe darin, dass die meisten Aktien der grossen Unternehmungen im Ausland gehalten würden, sagt Tschopp.

"Ausländische Aktionäre haben in Bezug auf Managergehälter nicht die gleiche Längenwelle wie inländische. Deshalb rechne ich nicht mit spektakulären Ereignissen in diesem Bereich", sagt er .

Unternehmens-Image

Das "Reputation Institute" in New York hat die Wahrnehmung des Publikums gegenüber den 20 grössten Schweizer Firmen gemessen. Die Uhrenfirma Swatch hatte 2014 den besten Ruf.

Am Ende der Liste lag der Erdöl-Multi Transocean, der immer noch mit den Folgen der Explosion von 2010 auf der Erdölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko kämpft.

Auch die Grossbank UBS und der Pharma-Konzern Novartis befanden sich im unteren Viertel, zum Teil als Folge von negativen Berichten über ihre Vergütungen.

Roche, das Biotech-Unternehmen Actelion, Julius Bär und Credit Suisse figurierten auf der Image-Liste ebenfalls im unteren Bereich.

Laut Carsten Wegmann, dem Direktor des "Reputation Institute" bestimmen Faktoren wie Rechtsstreitigkeiten, Produktequalität oder Umweltbelastung die Wahrnehmung des Publikums, aber übertriebene Vergütungen und Boni könnten die Meinung beeinflussen.

"Die Pharmabranche und der Bankensektor sind von der Vergütungs-Wahrnehmung besonders betroffen", sagt er gegenüber swissinfo.ch. "Sie sollten mit der Bevölkerung einen offeneren Dialog pflegen, wenn sie wollen, dass ihnen die Leute mehr Vertrauen schenken." 

Drohende Gefängnisstrafe

Stattdessen hat man den Eindruck, dass einige kleine und mittlere Unternehmungen in der Schweiz die Zeche für die neue Regulierung bezahlen. Fünf kleine Firmen sind wegen der Minderinitiative von der Liste der Berner Aktienbörse verschwunden, eine weitere dürfte ihnen demnächst folgen.

"Erwartet wurde, dass sie sich auf grössere Unternehmen auswirkt. Aber jetzt beobachten wir, dass die kleineren im Gegenwind stehen", sagt Luca Schenk, Geschäftsführer der BX Berne eXchange.

"Für einige kleine Firmen geht die Kosten-Nutzenrechnung nicht auf, wenn sie ihre Statuten ändern und eine elektronische Stimmabgabe einführen müssen. Hinzu kommt die strafrechtliche Verantwortung. Geschäftsführer von KMU, die sich nicht wie Manager grosser Firmen eine permanente Rechtsberatung leisten können, wollen sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, drei Jahre ins Gefängnis gesteckt zu werden, weil sie etwas falsch gemacht haben könnten."

Einige grössere Firmen haben Vorbehalte in Bezug auf eine Zunahme der regulatorischen Hürden geäussert. Der amerikanische Öl-Gigant Weatherford erwähnte die Minderinitiative als Grund für die Verlegung seines Sitzes von der Schweiz nach Irland.   

  

Nestlé-Präsident Peter Brabeck beklagte in einem Interview mit der amerikanischen Nachrichten-Agentur Bloomberg, dass kurzsichtige Lohnpolitik zur Norm werden könnte, wenn die Aktionäre reflexartig nur an ihre Jahresdividende dächten.

"Der Machttransfer vom Verwaltungsrat zu den Aktionären und die jährliche Wahl begünstigt eine kurzfristige Perspektive", sagte er anfangs Monat. "Wir sollten nicht vergessen, dass die Erfolgsgeschichte von Nestlé, die vor fast 150 Jahren begann,  auf beständigem, langfristigem Engagement beruht."

Von Matthew Allen, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Englischen: Peter Siegenthaler)



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