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Altlasten-Sanierung


Der Kampf der Gemeinden gegen Gift in ihrem Boden


Von Susan Misicka, Kölliken


"Alles muss weg", lautet die Devise beim Rückbau der Sonderdeponie Kölliken. (swissinfo.ch)

"Alles muss weg", lautet die Devise beim Rückbau der Sonderdeponie Kölliken.

(swissinfo.ch)

Abfall ist heute ein wertvolles Gut: Aus seiner Verbrennung entsteht Energie, und rezykliert wird er zu neuen Rohstoffen. Doch manchenorts kämpfen Menschen gegen verseuchte Böden und giftige Deponien – die Folgen früherer Entsorgungssünden.

Solarpanels entlang der Hauptstrasse Richtung Kölliken im Kanton Aargau zeugen von einem gestiegenen Bewusstsein für den schonenden Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen.

Neben der Strasse fliesst ein Bach, der zur ehemaligen Grossdeponie führt. Weil im Boden giftige Abfälle der Chemie- und der Pharma-Industrie lagern, die Menschen und Umwelt gefährden, wird das Gelände seit Jahren ausgebaggert. Dies geschieht unter einer riesigen, geschwungenen Dachkonstruktion, die, auch wegen ihrer weissen Farbe, aus kilometerweiter Entfernung sichtbar ist.

"Ich bin hier quasi mit der Deponie aufgewachsen, wir sind daran gewöhnt. Es riecht nicht, und wir fühlen uns sicher. Aber sie ist schon riesig", sagt eine junge Frau, die in einem Restaurant arbeitet.

In den 1970er-Jahren wurde die alte örtliche Lehmgrube als idealer Standort für die Entsorgung von Giftmüll ausgewählt. Die Folgen waren dann allerdings weniger ideal: Chemische Stoffe sickerten in benachbartes Land, und in der Luft lag ein beissender Gestank. 1985 erkannten die Behörden die Gefahr und schlossen die Deponie, auf der insgesamt 457'000 Tonnen Müll entsorgt worden waren.

"Das Umweltbewusstsein war damals noch anders ausgeprägt", sagt Stephan Robinson von Green Cross, einer internationalen Organisation, die sich der Säuberung der Umwelt von Giftstoffen verschrieben hat. "Vor den 1960er- und 1970er-Jahren war kaum ein Verständnis für die Umwelt vorhanden. Seither aber kam es zu einem grossen Paradigmenwechsel."

So würden in Europa Abfälle nicht mehr auf Deponien entsorgt. "Die europäische Methode ist die Verbrennung. So werden das Volumen und ein Grossteil der giftigen Stoffe reduziert. Die verbleibenden Giftstoffe, etwa Quecksilber, bleiben als Konzentrat in den Rauchfiltern hängen. Es kommt also darauf an, was dann mit dieser Filterasche weiter geschieht", erklärt Robinson.

Gute Idee – damals 

"Als die Deponie in Kölliken eröffnet wurde, war es für die damalige Zeit eine gute Idee. Aber sie wurde nicht so gut umgesetzt", sagt Benjamin Müller, der einen gänzlich luftdicht verpackten Bagger in die so genannte schwarze Zone steuert, um dort kontaminierte Relikte aus der Erde zu graben. Müller ist Leiter des langfristigen Projektes zur Säuberung des ehemaligen Deponiegeländes

In der schwarzen Zone ist es dunkel und staubig. Pfosten, mit grossen Nummernschildern versehen, markieren die verschiedenen Fundstücke, die von Chemie-Experten untersucht werden. Im Gegensatz zu Bonfol im Kanton Jura, der anderen Grossdeponie für chemische Abfälle, sind die Aushebungsarbeiten in Kölliken nicht vollständig automatisiert.

Unter dem riesigen weissen Himmel sind Menschen am Werk. Zwar halten sie sich normalerweise im Innern der abgedichteten Fahrzeuge oder Beobachtungsstationen auf. Treten aber irgendwo technische Probleme auf, müssen sie in ihre Schutzanzüge schlüpfen und der Sache nachgehen. 

"Die ganze Deponie ist hochgradig verseucht. Das führte zu hohen Kosten, die wir so nicht erwartet hatten", sagt Benjamin Müller. Bei Eröffnung der Deponie betrug das Budget 600'000 Franken. Die Reinigung und Wiederherstellung kosten tausend Mal mehr – 600 Mio. Franken, die zu Lasten der Steuerzahler gehen.

Die Arbeiten an der mit Abstand teuersten Altlastensanierung der Schweiz würden höchst professionell durchgeführt, sagt Rebekka Reichlin vom Bundesamt für Umwelt (Bafu). Dies ist auch eine Voraussetzung dafür, dass sich der Bund mit knapp 215 Mio. Franken am Mammutprojekt beteiligt.

Die Beiträge aus Bern sollen sicherstellen, dass die Sondermüll-Deponien sauber und korrekt zurückgebaut werden. Das Geld aus der Bundeskasse kommt auch Standortkantonen und privaten Landbesitzern zugut.

Wer bezahlt?

Aber die Frage, wer für die Kosten eines Rückbaus aufkommen muss, ist nicht immer unstrittig. Im Idealfall ist es der Verursacher, der für die Sanierung geradestehen muss. Aber was, wenn dies ein Unternehmen ist, das es gar nicht mehr gibt? Oder wenn das Grundstück die Hand gewechselt hat?

"Das Problem besteht darin, dass solche Gelände nicht nur von der chemischen Industrie benutzt worden waren, sondern auch von den Gemeinden. Die Diskussion geht also darum, wie die Kosten aufgeteilt werden. Und Rückbauprojekte sind teuer", weiss Green-Cross-Vertreter Stephan Robinson.

Die Frage der Kostenteilung ist gegenwärtig auch im Kanton Wallis aktuell. Dort sind Gemeinden zwischen Visp und Niedergesteln mit Quecksilberverseuchung konfrontiert. Zwischen 1930 und 1976 verarbeitete das Chemieunternehmen Lonza in Visp 350 Tonnen Quecksilber. 50 Tonnen davon landeten im Abwasser und verseuchten Grundwasser und umliegende Böden. Obwohl von Gesetzes wegen nicht dazu gezwungen, streckt die Lonza freiwillig die Kosten für die Sanierungsmassnahmen vor. 

Wieder grüne Wiese? 

In Kölliken graben die Arbeiter jeden Tag 400 bis 600 Tonnen Abfälle aus. Diese werden in robuste Container gefüllt und nach Zürich, Deutschland und in die Niederlande transportiert, wo sie verbrannt werden. 

In Kölliken liegt die Deponie mitten im Dorf, weshalb die Bewohner möglichst gut vor gefährlichen Stoffen geschützt werden müssen, die bei den Räumungsarbeiten freigesetzt werden könnten.

"Wir müssen sicherstellen, dass die Einwohner durch die Rückbau-Arbeiten nicht gestört werden. Es darf also weder Gerüche, chemische Emissionen noch Lärm geben", sagt Müller.

Die Beseitigung der chemischen Abfälle sollte 2016 abgeschlossen sein. Danach wird der Boden gründlich gereinigt und sämtliche Anlagen werden abgebaut. 2020 werde dort dann wieder eine grüne Wiese sein, ist Müller optimistisch.

Ein paar Schritte von der Deponie entfernt lädt ein Anwohner Feuerholz in seinen Wagen. Auf die Frage, ob die Schafe auf der dahinterliegenden Weide dereinst auch auf dem Gelände der ehemaligen Deponie weiden könnten, lacht er.

"Ich bezweifle es. Wahrscheinlich wird es zu einer Industriezone", vermutet er. Es stellt sich heraus, dass seine Eltern praktisch die einzigen Anwohner waren, die damals gegen die Pläne einer Deponie opponiert hatten.

"Die Leute dachten, mein Vater sei verrückt. Aber er hatte recht. Es stank fürchterlich. Und jetzt herrscht das grosse Aufräumen!"

Kontaminierte Standorte

Das Bundesamt für Umwelt führt ein genaues Verzeichnis über die Standorte von verschmutzten Gebieten und Rückbau-Projekten.

In der Schweiz sind 38'000 verschmutzte Standorte aufgelistet, wo die Böden mit Giftstoffen kontaminiert sind. 4000 davon erfordern vollumfängliche Sanierungen. 700 Standorte wurden bereits wiederhergestellt.

Für den Fall, dass der oder die Verursacher nicht vollumfänglich für die Kostenübernahme verpflichtet werden können, müssen spezielle Fonds einspringen.

Der Bund beteiligt sich mit bis zu 40% an den Sanierungskosten, der Rest geht zu Lasten der Standortgemeinden resp. deren Steuerzahler.


(Übersetzung aus dem Englischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch



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