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Charlie Hebdo: Schweizer Presse zu Solidaritätsmarsch


Globaler Marsch für Freiheit und gegen Terror - und was jetzt?




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Millionen marschieren in Frankreich für Freiheit und gegen Terror. (AFP)

Millionen marschieren in Frankreich für Freiheit und gegen Terror.

(AFP)

1,5 Millionen Menschen, allen voran 50 Staats- und Regierungschefs, marschierten am Sonntag in Paris gegen den islamistischen Terror sowie für Pressefreiheit und eine offene Gesellschaft. Dieser beispiellose Schulterschluss schafft es auf die Titelseiten aller Schweizer Zeitungen.

"Marsch für die Freiheit", "Eine Nation steht auf", "Die Welt steht zusammen", "Paris, Hauptstadt der Welt" oder "Sie alle waren Charlie" las man am Montag auf den Frontseiten.

"Der Pariser Umzug war ein starkes Moment: die erste globale Kundgebung gegen die Plage des 21. Jahrhunderts, den islamistischen Terror im Namen, oder besser gesagt, auf dem Rücken der weltweit über 1,5 Milliarden Muslime. Der Marsch war so gewaltig und so breit gefächert, dass sich sogar die Frage stellt, ob alle Teilnehmer unter den gleichen Hut passten", schreiben die Berner Zeitung, die Aargauer und die Solothurner Zeitung.

Und im Boulevard-Blatt Blick steht: "Was für ein Aufmarsch, was für ein Zeichen! Paris und seine Place de la République haben schon viele Demonstrationen erlebt. Aber was sich gestern im Herzen der Stadt abspielte, das hat es noch nie gegeben. So viele Menschen, so viele Emotionen!"

Von einem "historischen" Ereignis schwärmt la Tribune de Genève. "Rabbiner, Imame und Priester haben sich im Schatten der Statue der 'République' verbrüdert. Noch nie hat sich nach einem Attentat in irgendeinem Land eine solche Menge vereint."

Für Le Temps war es der "schönste Akt", den Frankreich nach einer schwarzen Woche habe realisieren können. "Der republikanische Reflex vom Sonntag hat die Bürger dazu gebracht, miteinander in den Strassen zu kommunizieren, sich zu berühren und ihre Liebe zu Ihresgleichen und ihrer Nation auszudrücken. Ein wunderbarer Elan und Hoffnungsträger."

Ganz im Zeichen von "Charlie Hebdo" ruft Le Matin dazu auf, das Lachen nicht zu vergessen. "Die Angst ist die Waffe von Terroristen. Jene von Cabu, Wolinski und Charb war die satirische Übertreibung. Das ist es, was die Fundamentalisten verletzt, die wenig bekannt sind für ihren Humor. Sie kennen die Gewalt, nicht jedoch die Farce. Macht es morgen wie Charlie: mit Humor, nicht mit Krieg."

Wichtiges Signal

"Das Zusammenstehen und Einstehen für die Demokratie dient nicht zuletzt der Selbstvergewisserung einer von starken Spannungen und Spaltungen gezeichneten Gesellschaft, die jetzt versucht, unter dem Eindruck einer offenkundigen Bedrohung zu neuer Geschlossenheit zu finden", analysiert die Neue Zürcher Zeitung.

Den Politikern sei es allerdings nicht gelungen, ihre Reihen zu schliessen. Wohl habe Präsident François Hollande zur "Unité" aufgerufen, "doch dann vermied er es, Marine Le Pen, die Anführerin der fremdenfeindlichen Rechten, zu der Kundgebung in Paris ausdrücklich einzuladen – was diese als Ausschluss von der Veranstaltung verstand."

Wenn es jetzt aber darum gehe, das Zusammenleben in einer gemischten Gesellschaft mit verstärkter Dringlichkeit neu auszuhandeln, insbesondere das Zusammenleben mit den Muslimen, sei es zwingend, dass vor allem zwei Gruppen an den Verhandlungen beteiligt seien, mahnt die NZZ: "Die zugewanderten Franzosen und diejenigen Franzosen, die mit den Zugewanderten ihre Mühe haben."

Auch die Teilnahme von Politikern aus allen europäischen Ländern – die Schweiz war durch Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga vertreten – sei ein wichtiges Signal. "Die Gefahr des islamistischen Terrorismus wird als gemeinsames Problem erkannt, das die Freiheit aller europäischen Länder bedroht und deshalb in einer gemeinsamen Anstrengung eingedämmt und bekämpft werden muss. Wichtige Repräsentanten aus arabischen Ländern und Afrika schlossen sich ebenso dem Marsch an, auch solche, die nicht als grosse Demokraten gelten. Aber sie erteilten denjenigen Kräften eine deutliche Absage, die versuchen, eine Religionskriegsstimmung zu schüren", betont die Neue Zürcher Zeitung in ihrem Kommentar.

Wie weiter?

Natürlich könnten solche Attentate, könne eine solche Demo nicht ohne Folgen bleiben, meinen die Berner Zeitung, die Aargauer und die Solothurner Zeitung.

In Paris steht eine Verschärfung der Antiterrorgesetze an und dazu eine gesellschaftspolitische Debatte über die Integration der fünf Millionen Moslems." Vor diesem Hintergrund stelle sich nun eine grosse Frage: "Werden die "Charlie"-Überlebenden am kommenden Mittwoch in ihrer nächsten Ausgabe wieder Mohammed-Karikaturen bringen? Ein echtes Dilemma." Aus Prinzip müsste die Antwort eigentlich ja heissen; doch in den Banlieue-Vierteln von Paris, wo die Attentäter herstammten, würde dies nur weiteres böses Blut schaffen, so der Kommentar. "Guter Rat ist teuer. Er besteht vielleicht in der Einsicht, dass man seine Meinung frei äussern darf, aber nicht unbedingt muss. Und wenn, könnte Charlie – für einmal – auch oberhalb der Gürtellinie bleiben. Damit soll auch gesagt sein, dass beide Seiten einen Effort machen müssen – und können."

 Le Temps vertritt die Meinung, es sei nun an der Zeit, über die Art von Erziehung und Bildung nachzudenken, über das Zusammenleben, aber auch über eine bessere Überwachung  angesichts der anstehenden Gefahren." Und die Politiker, allen voran Präsident Hollande, wüssten, dass diese Aufgabe nicht aufgeschoben werden könne.

La Liberté stösst ins gleiche Horn: Die politisch Verantwortlichen sind heute in der ungemütlichen Lage, schnell Antworten auf langfristige und ultra-komplexe Probleme liefern zu müssen – insbesondere zu Fragen der sozialen Integration auch via Bildung."

EU-Innenminister beschliessen Sicherheitspaket

Als Konsequenz aus den Anschlägen von Paris wollen die EU-Staaten den Austausch über die Reisebewegungen von Dschihadisten verbessern. Im Schengener Informationssystem soll künftig eingetragen werden, wenn ein mutmasslicher islamistischer Kämpfer aus Europa die Aussengrenzen überschreitet und etwa aus Syrien oder dem Irak zurückkehrt, wie aus einer Erklärung der Innenminister nach einem Treffen am Sonntag in Paris hervorgeht. Auch soll die Zusammenarbeit mit Ziel- und Transitländern verbessert werden.

Die Innenminister drängen in einer Erklärung zudem darauf, dass das seit langem geplante Abkommen über den Austausch von Fluggastdaten zwischen den EU-Ländern rasch umgesetzt wird. Bislang gibt es solche Abkommen nur für Passagiere, die zwischen Europa und etwa den USA oder Kanada reisen.

Die Innenminister verständigten sich zudem darauf, der zunehmenden Radikalisierung junger Muslime über das Internet entgegenzuwirken. Zudem wollen sie die Zusammenarbeit mit Internetprovidern suchen, um etwa Aufrufe zu Terror und Hass zu löschen.

Auch die Verbreitung illegaler Waffen soll stärker begrenzt und dazu der Informationsaustausch zwischen den Geheimdiensten verbessert werden.


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