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Eingewanderter Gewerkschafter


"Wer keine Träume hat, wird nie was realisieren"




 (swissinfo.ch)
(swissinfo.ch)

Giovanni Giarrana gehört zur Gemeinschaft italienischer Emigranten, die in den 1960er-Jahren in die Schweiz kamen. Der 69-jährige Sizilianer lebt im Kanton Zürich. Auch heute setzt sich der Rentner noch immer für eine gerechte Gesellschaft ein.

"Oft sagen mir meine Freunde: 'Giovanni, du bist ein Träumer'.“ Tatsächlich gehört es nicht zum Wesen von Giovanni Giarrana, die Welt aus einer entzauberten Perspektive zu sehen.

Er wurde am 8.Juni 1944 in der sizilianischen Provinz Agrigent geboren. Schon lange lebt er in Horgen. Wir treffen ihn an einem schönen Apriltag in seiner Wohnung mit Blick auf den Zürichsee. Dieser Ort lädt tatsächlich zum Träumen ein.

"Ich wollte immer die Welt sehen. Und dieser Wunsch brachte mich dazu, 1960 erstmals zu emigrieren. Ich ging nach Lothringen in Frankreich, wo ein Onkel und zwei meiner fünf Brüder lebten“, erinnert sich Giovanni Giarrana.

Das Verlangen, die Welt zu sehen, blieb eine Konstante in seinem Leben. Nach sechs Jahren kam er in die Schweiz. Zusammen mit seiner Frau Heidi hat er alle Ecken der Erde bereist, vor allem Asien. Das zeigen die unzähligen Andenken in seiner Wohnung.

Zu Fuss von Horgen nach Ravanusa

Giovanni Giarrana ist ein athletischer Typ und immer gut gelaunt. Die Reisen sind wie seine Bücher. Und seine Lust an diesen ist ungebrochen. 2009 brachte ihn die Reiselust sogar dazu, den ganzen  Weg, auf dem er vor 43 Jahren vom sizilianischen Ravanusa in die Schweiz gekommen war, in umgekehrter Richtung zurückzulegen.

Eigentlich nichts Besonders, wenn Giovanni nicht entschieden hätte, diesen Weg zu Fuss zu gehen. "2006 war mein Sohn die Strecke mit dem Velo gefahren. Um ihn herauszufordern, sagte ich, dass ich diese Strecke zu Fuss zurücklegen würde. Am 29. Mai 2009 wurde ich pensioniert. Am Morgen des 30. Mai bin ich aufgebrochen. Ich habe für 2‘200 Kilometer 58 Tage gebraucht, inklusive dreier Ruhetage.“

Dieser Marsch erlaubte ihm, etliche Erinnerungen aufzufrischen und einen einmaligen Bewusstseinsprozess zu erleben. Es war auch eine Möglichkeit, "um eine Botschaft gegen Rassismus und Krieg sowie für einen schonenden Umgang mit der Umwelt zu verbreiten.“

Emigration als Notwendigkeit

Kehren wir mit Giarrana nochmals zurück in seine Kindheit – ins arme und fast noch feudale Sizilien der Nachkriegszeit. "Wir waren eine arme Familie mit wenig Land. Mein Vater hat mich immer zum Lernen angespornt, aber manchmal konnte ich die Schule nicht besuchen, weil wir auf dem Feld arbeiten mussten oder Gemüse ernteten, das wir dann verkauften“, erinnert er sich.

Er erinnert sich auch mit etwas Scham daran, wie er im Alter von nur sieben Jahren vor dem Sitz des "Zirkels der edlen Herren“, einem erlauchten Treffpunkt der besseren lokalen Gesellschaft, aufkreuzte, um quasi um Mitleid zu flehen. Doch im Nachhinein glaubt er, dass er wohl in diesem Moment beschlossen habe, in seinem Leben der Unterwürfigkeit ein Ende zu setzen.

Streikführer

Seine politische Sozialisation erfolgte während der langen Fussmärsche mit seinem Vater zu einer kleinen Hütte der Familie auf dem Land. Zwei Stunden hin und zwei Stunden zurück. "Mein Vater sprach über Politik und er hasste soziale Ungerechtigkeit. Am Abend brachte er mich zur lokalen Sektion der Sozialistischen Partei. Dort hörten wir Radio und diskutierten über die wichtigsten Meldungen des Tages.“

Zwei Jahre nach der ersten Emigration nach Frankreich, im Jahr 1962, kehrte er wegen einer Krankheit seines Vaters nach Hause zurück. "Er war von einem Olivenbaum gefallen und wies starke psychische Störungen auf. Er konnte nur dank des unermüdlichen Einsatzes meiner Mutter überleben. Sie stand ihm bis zu seinem Tod im Jahr 1991 bei.“

Als Kind und Jugendlicher hatte Giovanni die unterschiedlichsten Arbeiten gemacht  – Schneider, Friseur, Schreiner, Schuster, Milchbauer. Doch er erkannte irgendwann, dass er einen richtigen Beruf erlernen musste. "Ich schrieb mich an der Berufsschule von Gela ein. Nach zwei Jahren hatte ich ein Diplom als Mechaniker in der Tasche.“

In Gela organisierte er erstmals einen Streik. "Wir hatten Drehmaschinen und Fräsen, aber kein Werkzeug. Daher lernten wir wenig. Drei Tage lang setzten wir uns vor den Eingang, ohne die Schule zu besuchen. Am vierten Tag trafen die Utensilien ein." Der Schuldirektor habe ihm die Aktion allerdings verübelt. Er habe ihn ins Direktionszimmer einbestellt und ihm erklärt, dass er als Abschlussnote nur eine 7 statt einer 9 erhalten werde.

Die Grenze als Schock

Sein Leben änderte sich radikal während der Schulferien. "Ich ging für 40 Tage nach Frankreich, um zu arbeiten. Als ich durch die Schweiz fuhr, lernte ich Heidi kennen, eine junge Frau aus Wädenswil. Sie war in den falschen Zug gestiegen“, erinnert er sich. Es folgte eine intensive Brieffreundschaft. Und 1981 sollte Heidi seine Frau werden, mit der er dann zwei Kinder hatte.

Nach dem Militärdienst war er 1966 definitiv in die Schweiz gekommen. In Chiasso gab es die ärztlichen Grenzkontrolluntersuchungen, die allen Emigranten aus Italien in schlechter Erinnerung sind. Denn es war eine Erniedrigung: "Wir mussten alle nackt in Reih und Glied stehen.“

Neun Jahre in einer Baracke

Giarrana arbeitet beim Unternehmen Escher Wyss, das gerade Teil der Sulzer-Gruppe geworden war. Er wird Drechsler und die Arbeit wird seine Leidenschaft. Mit der Zeit erhält er immer mehr Aufgaben anvertraut. "Ich habe in einer kleinen Werkstatt begonnen, aber am Ende meiner Laufbahn betreute ich wirklich grosse Aufträge“, sagt er und zeigt die Foto von einer gewaltigen Turbine, die für einen der grössten Staudämme in der Türkei hergestellt wurde. Auf einer Kommode hat er stolz ein von einem Freund zur Perfektion geschliffenes Turbinenteil aufgestellt.

Neun Jahre lang lebte er in Baubaracken. Man nannte es "das italienische Dorf.“ Ein Italiener aus der Gegend von Trento hatte die Leitung. "Ein echter Tyrann“, erinnert sich Giovanni Giarrana. Die Bewohner reklamierten, aber ohne Erfolg.

Bei dem emigrierten Sizilianer erwachte angesichts dieser Situation seine gewerkschaftliche Ader – er sollte später noch Präsident der Betriebskommission werden und weitere gewerkschaftliche Ämter übernehmen. In diesem Fall sprach er mit seinen Kollegen und sagte: "Entweder er oder wir.“ Bei einem Besuch von Direktor Schmidheiny seien alle 150 Kollegen zum Personalbüro gegangen, um ihre Kündigung einzureichen. Dem Direktor habe man erklärt, was Sache sei. "Er sagte, wir sollten zur Arbeit zurückkehren. Und den Typ aus Trento haben wir danach nie wieder gesehen.“

Sich Respekt verschafft

Obwohl die Arbeiten stets gut ausgeführt wurden, mussten die Emigranten damals mit der Etikette der "Scheissitaliener“ leben. Trotz dieser diskriminierenden Wortwahl empfindet Giovanni keinen Groll. Doch es verbittert ihn, wenn er sehen muss, dass heutige Emigranten immer noch auf die gleiche Art und Weise gedemütigt werden.

"Wir Italiener haben uns Respekt verschafft. Alle in der Schweiz haben gemerkt, dass wir zum Wohlstand dieses Landes beigetragen haben. Doch wir mussten 50 Jahre warten. Ich werde mich weiterhin dafür einsetzen, dass in der Schweiz eine Kultur der Gastfreundschaft und nicht der Ausgrenzung gelebt wird“.

Diesen Vorsatz setzt Giannaro nach wie vor in die Tat um. Er ist Delegierter im Forum für die Integration von Migranten der Gewerkschaft Unia. Er arbeitet mit der Anti-Rassismus- Kommission zusammen. Und er will im nächsten Jahr eine parlamentarische Session für Migranten auf die Beine stellen, nach Vorbild der Eidgenössischen Jugendsession.

Welche Träume hat er im Alter von 69 Jahren? "Ich wollte gerne einen Fussmarsch von Belem in Amazonas-Gebiet von Brasilien nach Lima in Peru machen, um gegen die Abholzung zu protestieren. Doch mir wurde davon abgeraten. Es sei zu wegen der Holz-Mafia zu gefährlich." Aber auch gesundheitliche Gründe spielten eine Rolle. Seit kurzem hat er Probleme mit dem Herzen.

Er gibt sich aber nicht geschlagen. Durchhaltevermögen ist seine Stärke. "Ich würde gerne einen internationalen Marsch mit Unterstützung von WWF und Greenpeace organisieren, eine Art Staffellauf mit Teilnehmenden aus unterschiedlichen Ländern.“ Ist er also immer noch ein Träumer? "Sicherlich, aber wer keine Träume hat, wird nie irgendetwas realisieren. Und ich will auch nicht aufgeben. Einer meiner Leitsprüche besagt, dass es besser ist, an der Front zu sterben als im eigenen Bett.“

Der Boom der 1950er Jahre

Die erste Immigrationswelle in die Schweiz erfolgte am Ende des 19.Jahrhunderts. Zwischen 1888 und 1910 kommen rund 260‘000 Ausländer in die Schweiz, vorab aus den Nachbarstaaten.

Während dem Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg wächst der Bedarf an Arbeitskräften exponentiell an. Zwischen 1951 und 1970 kommen 2,68 Millionen Ausländer in die Schweiz. Die Spitzenwerte werden 1961-62 erreicht. Die Immigranten erhalten eine Jahres- oder Niederlassungsbewilligung. Im gleichen Zeitraum werden rund drei Millionen Bewilligungen für Saisonarbeiter vergeben. Das wichtigste Herkunftsland der so genannten Saisoniers ist Italien.

Die Immigration wird ab 1963 begrenzt. Bis 1971 geht sie um fast 60% zurück. Während der Rezessionsjahre 1974-1976 müssen rund 300‘000 Ausländer in ihre Herkunftsländer zurückkehren. In diesen Jahren ist häufig auch von "Überfremdung" die Rede. Entsprechende Volksinitiativen gegen Ausländer werden lanciert.

Die Immigration in die Schweiz bleibt einige Jahre auf niedrigem Niveau und nimmt aber ab 1986 mit der Hochkonjunktur wieder massiv zu. Die Einwanderer werden zum bestimmenden Faktor des Bevölkerungswachstums.

Nach einem ersten Rückgang in Folge einer schwächelnden Wirtschaft ab 1994 kehrt sich die Tendenz ab 1998 wieder um. Die Migration steigt an. Ab 2002 wird schrittweise der freie Personenverkehr zwischen der EU und der Schweiz eingeführt. Der Anteil der ausländischen Bevölkerung steigt seither an.


(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch

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