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Gegen das Vergessen Mit jungen Menschen über den Holocaust sprechen

Le camp d'extermination d'Auschwitz en janvier 1945, juste après sa libération par l'armée soviétique.

Aufnahme aus dem Vernichtungslager Auschwitz im Januar 1945 kurz nach der Befreiung durch die sowjetische Armee.

(Keystone)

Ausbildung, Jugend und soziale Medien: So lauten die Prioritäten der Schweiz, die 2017 die International Holocaust Remembrance (IHRA) präsidiert. Man will der Frage nachgehen, wie der Holocaust jungen Menschen zu vermitteln sei. Bereits viel Erfahrung damit hat der Verein CICAD. Ein Erfahrungsaustausch mit dessen Generalsekretär Johanne Gurfinkiel.

Vergangene Woche hat in Genf die IHRA getagt, die dieses Jahr von der Schweiz präsidiert wird. Die 200 Teilnehmenden beschäftigen sich mit Recherche, Ausbildung und Bildung der Jungen. Der Westschweizer Verein CICAD (Coordination intercommunautaire contre l'antisémitisme et la diffamation) tut dies seit Jahren. Generalsekretär Johanne Gurfinkiel im Gespräch.

swissinfo.ch: Wie bewerten Sie den Beitrag der IHRA?

Johanne Gurfinkiel: Diese Organisation hat für eine neue Dynamik gesorgt, das war nötig. Die Zeugen von damals sind alt und sterben. Somit stellt sich die Frage, wie weiter dafür gesorgt werden kann, dass diese Erinnerung präsent bleibt. Letzteres ist aus verschiedensten Gründen von grosser Wichtigkeit. Die IHRA führte ausserdem dazu, dass sich die Mitgliedstaaten oder Anwärter mit ihrer Rolle in dieser Industrialisierung des Todes durch das nationalsozialistische Deutschland auseinandergesetzt haben.

Die IHRA in Kürze

Die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) ist eine 1998 gegründete zwischenstaatliche Organisation mit 31 Mitgliedstaaten. Elf Staaten haben Beobachterstatus.

Ziel der IHRA ist es, namentlich in den Mitgliedstaaten die Forschung und Bildung in Bezug auf den Holocaust zu fördern sowie die Erinnerung an die Opfer durch Gedenkfeiern und -stätten wachzuhalten.

Die UNO, der Europarat, das Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte der OSZE sowie die UNESCO gehören zu den institutionellen Partnern der IHRA.

Die Schweiz ist seit 2004 Mitglied der IHRA. Das Aussendepartement EDA trifft sich mit den wichtigsten Akteuren des Bundes, der Kantone und der NGO im Rahmen einer Begleitgruppe. Letztere wird in die Festlegung und Gestaltung der IHRA-Präsidentschaft der Schweiz einbezogen.

Quelle: EDA

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Einige erwähnen den speziellen Platz, den die Shoah erhalte, sie sprechen von einem Doppel-Standard. Es geht aber nicht darum, zu sagen, einem Genozid komme eine grössere Bedeutung zu als einem anderen. Doch: Ja, die Shoah hat in der europäischen Geschichte einen speziellen Platz. Sie ist sogar ein Gründungsereignis. Ich erinnere daran, dass der Prozess von Nürnberg in der heutigen internationalen juristischen Anschauung ein Schlüsselelement ist. Der ständige Internationale Strafgerichtshof und die Ad-hoc-Strafgerichtshöfe zeugen davon.

Den Jüngeren erlaubt dies ausserdem eine Vorstellung von einem Massenverbrechen zu haben, das auf unserem Kontinenten stattgefunden hat. Ob Akteur oder Zuschauer: Jedermann war darin verstrickt.

swissinfo.ch: Was unternimmt CICAD, um die Jungen zu sensibilisieren?

J.G.: Aufgrund der Anfragen von Schulen haben wir unsere Geschichts- und Erinnerungs-Programme erweitert. Das Thema wird unter verschiedenen Blickwinkeln angegangen: Diskriminierung, Vorurteile, Rassismus, Antisemitismus und Geschichte, um nur einige Beispiele zu nennen.

Wir publizieren auch Werke, wie beispielsweise das über die "Gerechten unter den Völkern" in der Schweiz, die Menschen also, die Juden während des Zweiten Weltkrieges geholfen haben. Wir planen eine überarbeitete Edition. Sie ist mit rund 15 "Gerechten unter den Völkern" ergänzt, auf die wir seit der Erscheinung der Erstausgabe gestossen sind.

Vor allem aber organisieren wir seit rund 15 Jahren einmal pro Jahr einen Studientag im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Zuerst stand dieser Tag nur Lehrenden offen, später auch 16-jährigen oder älteren Schülern und Schülerinnen. Es braucht eine gewisse Reife, um den Schock einer solchen Konfrontation zu verdauen. Aber diese Reise kann eine Erfahrung und eine Lektion fürs Leben und den Bürgersinn werden, nicht nur ein Studium einer Geschichtsseite.

Hierfür haben wir zusammen mit Lehrern und Pädagogen eine Reise-Vorbereitung erarbeitet: Ein Treffen mit einem Überlebenden, eine Dokumentation in schriftlicher Form sowie ein Video gehören dazu.

Begleitet werden die Teilnehmenden nach Auschwitz von Reiseführern und Historikern. Über die Ergriffenheit hinaus geht es auch darum, den ganzen Vernichtungs-Prozess zu verstehen, diese Industrialisierung des Todes, die das Dritte Reich errichtet hatte.

Zurück von der Reise schliesslich machen wir mit den Schülern und den Lehrern eine Rückmeldungs-Runde. Und in den meisten Fällen arbeiten die Schüler anschliessend in Form von Gruppenarbeiten an dem Thema weiter. An der internationalen Schule von Genf zum Beispiel, hat ein Kunstlehrer die Schüler auf freiwilliger Basis dazu aufgefordert, das Thema auf künstlerische Art und Weise zu behandeln – eine andere Form, die Erinnerung zu erhalten.

swissinfo.ch: Stossen Sie auch auf Widerstand, den Holocaust zu thematisieren?

J.G.: Ja. Manchmal werden Lehrer von Schülern daran gehindert, die diese historische Frage mit Themen vermischen, die nichts damit zu tun haben, zum Beispiel mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt. Andere machen antisemitische oder den Holocaust leugnende Bemerkungen – auf der Basis von auf dem Internet gefundenen Meinungen.

Wir müssen deshalb mit den Lehrpersonen zusammenarbeiten können, damit wir analysieren und Lösungen finden können, um aus solchen Blockierungen herauszufinden. Hierbei handelt es sich um ein weiteres Programm, das wir anbieten. Die Grundidee ist ein Begleitungs-Service für die Lehrpersonen mit Blick auf Inhalt und Wissen. Das tun wir in Zusammenarbeit mit den kantonalen Bildungsbehörden in Form einer Weiterbildung. Es geht auch darum, den Lehrenden zu helfen, die nicht immer über ein vertieftes Wissen dieser Geschichtsperiode verfügen.

Auch auf Widerstand stossen wir, wenn wir eine in unseren Augen fundamentale Frage angehen: die Schweiz und der Zweite Weltkrieg. Dieses Thema bleibt für einige Partner immer noch sehr schmerzhaft und ihnen ist es lieber, wenn wir es nicht ansprechen. Doch das ist für uns unvorstellbar.

Uns ist es wichtig, dass Lehrer und Schüler von all den hierzu geführten Studien und den zur Verfügung stehenden Informationen profitieren. Denn die Schweiz hat damals nicht alles richtig gemacht. Ich möchte gerne sagen, das sei nicht weiter schlimm, denn man muss nach gemachten Fehlern auch mal ein Kapitel abschliessen können. Aber hierfür muss man sich den Realitäten einer Epoche auch stellen, ob die nun gut oder schlecht sind. Das sorgt immer noch für Probleme, denn einige finden, man greife hiermit die Integrität der Schweiz an.

Dieses Misstrauen nimmt mit den Jahren ab. Es handelt sich heute nicht mehr um eine Bewegung, wie das in der Vergangenheit der Fall war. Aber einige gibt es noch, die meinen, dass dadurch das Bild der Schweiz angegriffen werde. Es ist aber nicht akzeptierbar, dass im Jahr 2017 dieses Thema immer noch für so heftige Reaktionen sorgt. Diese Frage muss frontal angegangen werden können.

Denn schlussendlich ist es ein grosses Zeichen von der Schwäche der eigenen Identität, wenn man sich dieser Realität nicht stellen will.

swissinfo.ch: Solche Reaktionen nehmen also zunehmend ab?

J.G.: Ja. Aber es gibt immer Menschen, Parteien, die diesbezüglich von einer linken Version der Geschichte sprechen. Das ist komplett surrealistisch.

Doch abgesehen davon stellen wir bei den Schülern sowie den Lehrpersonen ein grosses Interesse für unsere Programme fest, beispielsweise für die Reise nach Auschwitz. Dies gilt insbesondere für die privaten Schulen. Denn dieses Programm kostet etwas und öffentliche Schulen können sich das nicht immer leisten. Denn der Bund finanziert diese Reisen nicht.


(Übertragung aus dem Französischen: Kathrin Ammann)

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