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Sicht der Historiker Studie zu abgewiesenen Juden entfacht neue Debatte

Jüdische Flüchtlinge bei ihrer Ankunft am Bahnhof Zürich am 11. Oktober 1942

Jüdische Flüchtlinge bei ihrer Ankunft am Bahnhof Zürich am 11. Oktober 1942.

(Keystone)

Eine in Genf verteidigte Doktorarbeit zeichnet ein neues Bild des tragischen Schicksals von Tausenden von Juden, die aus Frankreich kommend Zuflucht in der Schweiz gesucht hatten. Es geht um ein in der Schweiz seit der Affäre um nachrichtenlose Vermögen äusserst sensibles Thema.

Bisher konnten erst die Mitglieder der Jury die Arbeit ausführlich lesen. Auf Anfrage von swissinfo.ch war ein Mitglied der Jury bereit, die Doktorarbeit zu kommentieren und deren Erkenntnisse, aber auch Schwächen zu unterstreichen.

Ein Wälzer mit insgesamt 938 Seiten, die Frucht von 19 Jahren Forschung: Das ist die Doktorarbeit mit dem Titel "Die Flucht in die Schweiz. Migrationen, Strategien, Flucht, Aufnahme, Wegweisung und Schicksal der jüdischen Flüchtlinge, die im Zweiten Weltkrieg aus Frankreich kamen", die Ruth Fivaz-Silbermannexterner Link letzten Samstag an der Universität Genf verteidigt hat.

"Meine Forschungen geben ein viel klareres Bild, wie viele Menschen geflüchtet sind. Und sie zeigen auch ihre Geschichten: Woher kamen sie, warum und wie sind sie geflüchtet? Welche Gefahren mussten sie gewärtigen?", präzisiert die Autorin.

Der Historiker Hans-Ulrich Jost, Mitglied der Jury, verweist zuerst auf die neuen Informationen in der Doktorarbeit: Die Darstellung der von der Forscherin rekonstruierten persönlichen Schicksale. Die beträchtlichen Summen, welche die Menschen im Verlauf ihrer Flucht ausgaben. Oder die die Rolle von Vereinen, die sich einsetzten für die jüdischen Flüchtlinge, die versuchten, der Ausrottungspolitik der Nazis überall im besetzten Europa zu entkommen.

Jost erwähnt auch die in der Doktorarbeit beschriebene Nachsicht auf Seiten eines Teils der französischen Staatsbeamten, obschon sich das Regime von Marschall Pétain der mörderischen antisemitischen Maschine des Dritten Reichs angeschlossen hatte. Eine detaillierte und sensible Darstellung, die es erlaube, einer Realität, die allzu oft auf Statistiken reduziert werde, Gesichter zu geben, Schicksale aufzuzeigen.

Zweifelhafte Methode

Aber: Die von der Universität Genf validierte Dissertation ist nach Ansicht von Jost auf der wissenschaftlichen und methodologischen Ebene anfechtbar: "Es ist eine Ansammlung von Fakten, eine etwas konfuse Chronik ohne wirklich synthetische Betrachtung, ohne klar strukturierte Analyse", kritisiert der emeritierte Professor, der einen bedeutenden Teil seiner Forschungsarbeiten dieser blutigen Periode der europäischen und damit der Schweizer Geschichte gewidmet hat.

Eine Kritik, die einen anderen Historiker nicht überrascht, der sich seit den 1980er-Jahren mit der Lage der Juden in der Schweiz befasst. Marc Perrenoud konnte die nicht publizierte Dissertation Fivaz-Silbermanns zwar nicht lesen, kennt aber ihre früheren Arbeiten zum selben Thema gut: "Man findet darin wichtige Informationen zu individuellen Lebensläufen und humanitären Einstellungen."

Er sagt aber auch, dass eine Anhäufung von Fakten nicht ausreiche, um historisch aussagekräftige Analysen zu strukturieren, weil man die Fakten in einen breiteren Kontext setzen und andere Faktoren in Betracht ziehen müsse.

Schweizer Behörden lange anti-jüdisch

Diese Mängel bringen die Forscherin zu hinterfragbaren Interpretationen. Wie das Westschweizer Fernsehen RTSexterner Link berichtete, vertritt Fivaz-Silbermann die Ansicht, dass Heinrich Rothmundexterner Link, der Leiter der Polizeiabteilung des Justiz- und Polizeidepartements, der als eine Verkörperung der Härte der Schweizer Politik gilt, bei der Anwendung des Entscheid des Bundesrats vom 4. August 1942, die Grenzen für Juden zu schliessen, "viel nuancierter" vorgegangen sei.

"Er war keineswegs antisemitisch", meinte die Forscherin, die mehrere Dokumente entdeckte, die ihren Angaben zufolge belegen, dass Rothmund eine weniger restriktive Politik angewandt habe.

Gemäss Perrenoud reicht es aus, die diplomatischen Dokumente der Schweiz und die Berichte der Bergier-Kommission zu lesen, um festzustellen, dass Rothmund eine sehr vielschichtige Persönlichkeit war, die nicht als Sündenbock behandelt werden sollte. Aber er sei einer der Verantwortlichen des Schweizer Antisemitismus, auch wenn dieser sich zweifellos von jenem der Nazis oder Vichy-Frankreichs unterschieden habe, unterstreicht der Historiker.

Was auch diese Erklärung Rothmunds vom 27. Januar 1939 zusammenfasse: "Wir haben nicht seit zwanzig Jahren mit dem Mittel der Fremdenpolizei gegen die Zunahme der Überfremdung und ganz besonders gegen die Verjudung der Schweiz gekämpft, um uns heute die Emigranten aufzwingen zu lassen."

Perrenoud präzisiert: "Die Politik der Schweizer Behörden gegenüber den Juden während dem Krieg reiht sich ein in eine Politik, die bis mindestens zum Ersten Weltkrieg zurückreicht. Das Ziel war immer, die Zahl der Juden in der Schweiz zu begrenzen, im Gegensatz zu dem, was Ruth Fivaz-Silbermann behauptet. Es gab während des Krieges keinen Unterbruch, sondern eine Verstärkung dieser Politik."

Zweifelhafte Zahlenbilanz

Ein anderes Problem, das die beiden Historiker ansprechen, ist, dass Fivaz-Silbermanns Dissertation eine alte Polemik über die Zahl der Juden, die von den Schweizer Behörden während des Krieges an der Grenze abgewiesen wurden, neu entfacht.

Aufgrund ihrer Forschungen erklärte die Historikerin, während des II. Weltkriegs hätten mehr als 15'000 Jüdinnen und Juden versucht, über die französisch-schweizerische Grenze in die Schweiz zu gelangen, von denen 2844 abgewiesen worden seien. "Wir wissen auch, dass 27% der jüdischen Flüchtlinge, die in der Schweiz Zuflucht suchten, via Italien kamen. Eine (noch nicht publizierte) Studie der Tessiner Archive schätzt, dass dort 6000 jüdische Personen in die Schweiz einreisen konnten und etwa 300 zurückgeschickt wurden. Für die österreichische und die deutsche Grenze gibt es keine Studien. Doch es wird angenommen, dass die Zahlen dort sehr tief waren", erklärte sie.

Dieses Zahlenmaterial der Historikerin steht in Kontrast mit der Zahl von 24'398 Personen, Juden und andere, die gemäss dem Bergier-Berichtexterner Link zwischen 1939 und 1945 an der Grenze zur Schweiz abgewiesen worden waren. Die Kommission unter Leitung des Wirtschaftshistorikers Jean-François Bergier hatte zwischen 1997 und 2002 die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg untersucht.

Erinnern wir daran, dass diese Historiker-Kommission von der Schweizer Regierung während der Affäre um die nachrichtenlosen Vermögen auf Schweizer Banken eingesetzt wurde. Vermögen, die nach dem Krieg trotz vieler Bemühungen nie an die Nachfahren der Konteninhaber zurückgegeben worden waren. Ein internationaler Skandal hatte die Schweiz damals stark unter Druck gesetzt.

Hans-Ulrich Jost ruft zunächst in Erinnerung, dass sich das Mandat der Bergier-Kommission auf die nachrichtenlosen Vermögen und die Haltung der Schweizer Behörden gegenüber dem Nazi-Regime bezogen habe. Die Teile des Berichts, bei denen es um die Wegweisungen ging, waren nur eine Ergänzung, um die zentrale Problematik der Forschungsarbeiten der Kommission auszuleuchten, und um zu erklären, dass die verfügbaren Dokumente es nicht erlaubten, eine genaue Statistik zu erstellen, mit der man auch in der Lage wäre, zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Abgewiesenen zu unterscheiden.

Nationalistische und konservative Kreise in der Schweiz verweisen aber seither regelmässig auf diese Zahlen, um die Arbeit der Bergier-Kommission insgesamt zu diskreditieren.

Marc Perrenoud betont: "Die Lücken in den Archiven sind bekannt. Eine gewisse Anzahl der Wegweisungen hat keine schriftlichen Spuren hinterlassen. Zudem sind seit 1945 Archive verschwunden. Die verfügbaren Dokumente sind zu lückenhaft und heterogen, um genaue und umfassende Statistiken zu erstellen." Eine Feststellung, die von einer Mehrheit von Historikern geteiltexterner Link wird.

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(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)

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