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Einwanderungs-Serie (Teil 3)


Haben wir es wirklich mit einer beispiellosen Migrationskrise zu tun?




Immer wieder sorgen die so genannte "Flüchtlingskrise" oder die "Migrantenflut" in jüngster Zeit für Schlagzeilen. Europa sei mit einer noch nie dagewesenen "Massenmigration" konfrontiert, so das vorherrschende Gefühl. Was aber sagen die Zahlen?

Eine oft zitierte Zahl, über die wir in unserer vorhergehenden Geschichte berichtet haben, stammt von den Vereinten Nationen: Die 244 Millionen Migranten im Jahr 2015 entsprechen 3,3 Prozent der Weltbevölkerung. Diese beeindruckende Zahl steht für alle Menschen, die nicht mehr in ihrem Geburtsland leben. Sie unterscheidet beispielsweise nicht zwischen einem Austauschstudenten, der nur während einem Jahr im Ausland wohnt, und einer Person, die seit 40 Jahren in einem anderen Land lebt.

Zum Glück haben Forscher Zahlen erfasst, die mehr darüber aussagen, wer wann und wohin ausgewandert ist. Guy J. Abel* ist Professor am Institut für Asien-Demografie der Universität Shanghai. Er hat eine Methode entwickelt, mit der sich die Dynamik der globalen Migration aus Bestandsdaten ableiten lässt. Die Resultate veröffentlichte er in der Fachzeitschrift Science. Hier einige seiner Ergebnisse:

Das fällt auf:**

  • Die grössten Migrationsflüsse finden innerhalb von Regionen statt und nicht zwischen Kontinenten. Das wiederspiegeln die breitesten Pfeile in der Grafik: Sie kehren zu jenem Kontinent zurück, von dem sie ausgegangen sind. Die Pfeile stehen für die Migration von Hundertausenden, beispielsweise von Indien nach Dubai oder von Syrien in den Libanon.
  • Es migrieren mehr Menschen innerhalb Europas, als von Afrika nach Europa.
  • Menschen wandern nicht in erster Linie von den ärmsten in die reichsten Länder aus. Vielmehr zieht es Migranten in Länder mit einer etwas besseren Wirtschaftslage als in ihrer Heimat. Beispiele hierfür sind Migrationen von Bangladesch nach Indien, von Simbabwe nach Südafrika oder von Italien in die Schweiz.

Diese Darstellung relativiert eine verbreitete eurozentrische Weltsicht, wonach die ganze Welt versucht, nach Europa zu gelangen. Aufgrund des grossen Zustroms an Flüchtlingen und anderer Migranten in den letzten Jahren steht Europa vor grossen Herausforderungen. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Doch entspricht die Zahl der Menschen, die nach Europa kommen, nur einem Bruchteil des weltweiten Migrationsflusses.

Blick auf die Schweiz

Diese Zeichnung zeigt die Migrationsflüsse in die Schweiz. Auch hier gilt: Die Migration aus verschiedenen Ländern Europas in die Schweiz (in grüner Farbe) entspricht in ihrer Grösse in etwa der Migration aus anderen Regionen der Welt.

Migration flows into Switzerland 2010-2015 (Guy J. Abel)

Migrationsfluss in die Schweiz 2010-2015. Die Kreis-Balken stehen für das totale Migrationsvolumen pro Land oder Region. Die Linien innerhalb des Kreises repräsentieren die Anzahl Migranten, die in die Schweiz gekommen sind.

(Guy J. Abel)

Kleinste globale Migration seit 1960

Die Zahlen zur weltweiten Migration können bis 1960 verglichen werden. Dies erlaubt es, die aktuelle Entwicklung in einen grösseren Zusammenhang zu stellen: Während mehr als einem halben Jahrhundert lag der Migranten-Anteil gemessen an der ganzen Weltbevölkerung erstaunlich konstant bei rund 0,6 Prozent. Das heisst, über einen Zeitraum von fünf Jahren migrierten jeweils sechs von 1000 Menschen in ein anderes Land. Die 0,5 Prozent der letzten fünf Jahre entsprechen also dem kleinsten je gemessenen Wert seit 1960. Ein historisches Hoch erreichte die globale Migrationsrate zwischen 1990 und 1995. In dieser Zeit fiel der Eiserne Vorhang, und im ehemaligen Jugoslawien tobte ein Krieg.

Einwanderungs-Serie

Masseneinwanderungs-Initiative, Brexit, Spannungen innerhalb der Europäischen Union angesichts des Zustroms von Asylsuchenden: Die Einwanderung steht im Zentrum der Sorgen des gesamten Kontinents – und darüber hinaus.

In der Schweiz und im Vereinigten Königreich scheint man bereit zu sein, die Zahl der Einwanderer auf die Gefahr hin zu beschränken, den Zugang zum europäischen Markt zu gefährden.

Anhand von Grafiken präsentiert swissinfo.ch eine Serie zur Einwanderung. Von den weltweiten Migrationsströmen über die historische Entwicklung bis zu Schweizer Besonderheiten. Jede Woche gibt es hier die wichtigsten Zahlen zu diesem Thema.

*Guy J. Abel ist Professor am Institut für Asien-Demografie der Universität Shanghai und forscht am Wiener Institut für Demografie.

**Die Schlussfolgerungen sind Aussagen von Guy J. Abel aus einem Artikel von spiegelonline.

Mehr Informationen zu den Migrationsflüssen seit 1990 finden Sie auch unter http://www.global-migration.info/.


(Übertragung aus dem Englischen: Kathrin Ammann)

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