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Race for Water


Wenn die Ozeane im Plastikmüll ertrinken


Von Simon Bradley, Lausanne


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Kaum ein Meeresbewohner, der nicht die omnipräsenten Plastikpartikel aufnimmt. (raceforwater.com)

Kaum ein Meeresbewohner, der nicht die omnipräsenten Plastikpartikel aufnimmt.

(raceforwater.com)

Nach ihrer Reise um die Welt zur Erforschung des Plastikmülls in den Ozeanen zieht die Schweizer Stiftung Race for Water das erste Fazit: Gross angelegte Reinigungs-Aktionen sind nicht realistisch. Die Forscher schlagen vor, schwimmenden Plastikmüll in Strom umzuwandeln.

"Wir stehen vor einer katastrophalen Situation", erklärte Marco Simeoni, der Präsident der Stiftung Race for Water, Anfang März vor den Medien in Lausanne. "Wie jüngst am Weltwirtschaftsforum berichtet wurde, gibt es, wenn wir nicht reagieren, bis 2050 in unseren Ozeanen gewichtsmässig mehr Plastik als Fische."

Die Jahr für Jahr produzierte Menge an Plastik nimmt weiterhin exponentiell zu: In 50 Jahren stieg der Abfallberg aus Plastik von 15 Millionen Tonnen (1964) auf 311 Millionen Tonnen (2014). Schätzungen gehen davon aus, dass mehr als 5000 Milliarden Plastikstücke in den Ozeanen der Welt treiben und zu Schäden in Organismen der gesamten Nahrungskette führen.

Unter dem Banner Race for Water Odyssey führte Simeonis Stiftung im vergangenen Jahr eine 300 Tage dauernde Forschungsexpedition im Atlantischen, Pazifischen und Indischen Ozean durch, um das Problem zu erforschen. Zum ersten Mal wurden jene fünf Gebiete in den Weltmeeren erforscht, in denen sich aufgrund der Meeresströmungen gigantische Mengen Abfall ansammeln und die so genannten Müllwirbel bilden. Zudem trug die Expedition Informationen zu den Auswirkungen der Verschmutzung auf die lokalen Inselbevölkerungen zusammen.

Die sechsköpfige Crew besuchte 15 Inselstrände und sammelte Plastikproben, wobei sie einer standardisierten Methode folgte. Die Proben wurden zur Analyse an die Eidg. Technische Hochschule Lausanne (EPFL), die Universität Bordeaux und an die Hochschule für Technik und Architektur in Freiburg geschickt.

Ein abschliessender wissenschaftlicher Bericht soll diesen Sommer veröffentlicht werden. Erste Ergebnisse, die Anfang Monat veröffentlicht wurden, zeigen bereits, dass die Verschmutzung mit Plastikteilchen – sowohl mit Makro- (>2.5cm) als auch mit Mikropartikeln (<5mm) – weit verbreitet ist.

"An gewissen Orten hat man das Gefühl, sich auf einer Müllhalde zu bewegen", sagte Simeoni. Etwa 80% der Makro-Plastikabfälle, welche die Crew einsammelte, seien von Fischen oder Schildkröten zerkaut worden, fügte er hinzu.

Das Niveau der Verschmutzung war je nach Ort unterschiedlich und bewegte sich von 26 Makropartikeln (wie Flaschen, Deckel oder Zahnbürsten), die auf einer Fläche von 10 Quadratmetern an einem Strand auf der Osterinsel im Pazifik gefunden wurden, bis zu 162 Stück auf einer etwa gleich grossen Fläche auf der Grossen Insel (Big Island) Hawaiis.  

Auch die Menge der Mikropartikel, die an den Stränden eingesammelt wurden, war unterschiedlich. Die Forscher füllten einen 180ml grossen Container mit Teilchen, die sich auf einer Fläche von 50cm2 an einem Strand auf der Insel Rodrigues im Indischen fanden. Für den Müll von einer etwa gleich grossen Fläche auf der Grossen Insel Hawaiis brauchte es neun solche Behälter.

Plastikmüll einsammeln

Race for Water ist nicht allein. Mehrere grössere Initiativen widmen sich dem Kampf gegen den Kunststoffabfall, der die Ozeane verschmutzt und die Meeresbewohner schädigt.

Eng verfolgt von den Medien werden etwa die Bestrebungen des 21 Jahre alten Niederländers Boyan Slat. Der Gründer der Organisation Ocean Cleanup plant, in der Nordsee, etwa 23 Kilometer vor der Küste der Niederlande, eine 100 Meter lange treibende Barriere zu installieren.

Er hofft, dass diese Testbarriere, die in den nächsten paar Monaten platziert werden soll, herumtreibenden Plastikmüll einfangen wird, damit dieser danach entfernt und dem Recycling zugeführt werden kann. Ein ähnliches Projekt ist ebenfalls noch dieses Jahr vor der japanischen Insel Tsushima geplant. Boyan Slats Ziel ist es, bis 2020 eine rund 100 Kilometer lange Barriere auslegen zu können, um innerhalb von zehn Jahren die Hälfte des so genannten Grossen Pazifischen Müllwirbels säubern zu können. 

Und Erfinder aus England entwickeln SeaVax, ein mit Sonnen- und Windenergie betriebenes Schiff, das ihren Angaben zufolge150 Tonnen Plastikmüll ansaugen und lagern können wird.

Simeoni steht solchen grossangelegten Projekten zur Reinigung der Meere von Plastikmüll allerdings skeptisch gegenüber und bezeichnet sie als "unrealistisch".

"Ein grosser Teil des Mülls befindet sich unter Wasser", sagte er. "Man kann die Mikropartikel aus Plastik, die überall herumtreiben und von den Strömungen mitgetragen werden, nicht einsammeln. In den Müllwirbeln beträgt die Wassertiefe 1000 bis 5000 Meter, man kann keine Maschinen verankern. Die Kosten wären zu hoch, die Resultate gering."

Simeonis Stiftung ist überzeugt, dass es zu spät ist, wenn sich ein Plastikgegenstand einmal im Ozean befindet. Die Herausforderung sei, bereits an Land zu handeln, nahe an der Quelle, damit Plastik gar nicht erst ins Wasser gelange. Man müsse einen Weg finden, Plastikabfall generell so wertvoll zu machen, dass die Wiederverwertung interessant werde.

Energiequelle

In grossen Städten auf der ganzen Welt würden Arbeitslose Abfall (Glas, Aluminium, Eisen, Papier, an gewissen Orten auch wiederverwertbare Plastikflaschen) für Geld sammeln. Wieso also nicht alle Plastikabfälle?

Die Stiftung glaubt, ein kostenwirksames Geschäftsmodell gefunden zu haben, das es ermöglichen würde, Leute dafür zu bezahlen, Plastik einzusammeln, der in saubere Energie umgewandelt werden könnte.

Sie ist im Gespräch mit einer bisher nicht genannten Firma, die einen Prozess zur Ultrahochtemperatur-Hydrolyse (Vergasung) entwickelt hat. Das Unternehmen verfügt über Prototyp-Einheiten mit Reaktoren, die Abfall bei Temperaturen von 1200 bis 1400 Grad Celsius verbrennen, und das ohne Sauerstoff.

Bei solch hohen Temperaturen wird Plastik unmittelbar in synthetisches Gas – Synthesegas – umgewandelt, eine Mischung, die vor allem aus Wasserstoff sowie Kohlenmonoxid und Kohlendioxid besteht. Mit dem brennbaren Synthesegas könnten dann Turbinen angetrieben und Strom erzeugt werden.

"Eine Fünf-Tonnen-Einheit kann 1680 Tonnen Plastikmüll pro Jahr in 3500 Megawattstunden Energie umwandeln. Das reicht aus, um den Strombedarf von rund 2000 Inselbewohnern zu decken", erklärte Simeoni.

Andere Vorteile des Modells seien, dass unterschiedlichste Plastikabfälle zusammen verbrennt werden könnten, statt sie trennen und säubern zu müssen; zudem würden keine giftigen Emissionen entstehen.

Die Firma hat eine Fünf-Tonnen-Einheit und eine 25-Tonnen-Einheit entworfen und steht zurzeit in der Produktionsphase. Verläuft alles nach Plan, hofft die Stiftung, die Technologie nutzen zu können, um gegen Ende 2016 auf der Osterinsel ein Pilotprojekt zu starten.

Danach könnte die Idee auf andere Inseln ausgeweitet werden – und schliesslich auf Küstenstädte, die Hauptquellen der Meeresverschmutzung. Noch sind  jedoch viele Hürden zu überwinden. Simeoni räumte ein, dass die komplexe neue Technologie noch nicht zu 100% verlässlich sei. Dazu kommt ein weiterer bedeutender Aspekt - das Geld.

"Wir müssen Leute mobilisieren, das öffentliche Bewusstsein schärfen und Verhaltensweisen verändern, dies ist keine einfache Mission", sagte Simeoni. "Wir versuchen zudem, Sponsoren und Spender zu finden, auch dies ist keine einfache Sache. Denn es ist nicht sehr attraktiv, über Abfälle und Verschmutzung zu reden."


(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch

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