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Wolken über dem FC Neuenburg Xamax

Trotz hoher Stimmenzahl bei der Präsidentenwahl bleibt die Kritik am neuen Xamax-Boss Tschagajew laut.

(Reuters)

Terrorisierte Spieler, unglückliche Aktionäre, entlassene Mitarbeiter, Publikum, das sich abwendet, und schlechte Resultate auf dem Feld: Das Drama des Fussballclubs Neuenburg Xamax geht weiter.

Der tschetschenische Geschäftsmann Bulat Tschagajew besitzt den Club erst seit gut drei Monaten. Sein Führungsstil hat während dieser Zeit mehr als nur ein paar Haare zerzaust. Der in der Schweiz lebende Oligarch fühlt sich missverstanden und zeigt sich schockiert davon, wie man ihn hier behandelt.

Kaum hatte der wenig bekannte, in Lausanne lebende Tschetschene den hoch verschuldeten Club am 12. Mai übernommen, kippte die Hochstimmung. Tschagajew war mit dem Versprechen angetreten, den Super League Club in die Uefa Champions League zu führen.

An der ausserordentlichen Generalversammlung am Montag, die dazu diente, die Statuten zu ändern, um eine nicht-schweizerische Geschäftsleitung zu ermöglichen, flogen die Fetzen. Minderheitsaktionäre äusserten ihre Unzufriedenheit über die Art und Weise, wie der Club geführt wird.

"Es ist inakzeptabel, beschämend, eine Diktatur!", rief ein älterer Fan. Weil der tschetschenische Geschäftsmann die Aktienmehrheit hält, konnte die Revolte seine Pläne nicht durchkreuzen.

Der aus "familiären Gründen" abwesende Tschagajew wurde zum Vereinspräsidenten gekürt und sein Mitarbeiter, Islam Satujew, zum stellvertretenden Präsidenten – obwohl die Gegner ihr Missfallen durch laute Buh-Rufe äusserten.

Immer mehr Kritik

In letzter Zeit wurden die Presseberichte über Tschagajews Führungsstil zunehmend kritischer. Die Zeitungen Le Matin und L'Express/Impartial berichteten beispielsweise, dass der Oligarch nach dem 2:2 gegen Tabellenschlusslicht Lausanne mit bewaffneten Leibwächtern die Umkleidekabinen gestürmt hätte, um einige der Spieler und Trainer Joaquin Caparros zu kritisieren. "An solche Szenen müssen wir uns gewöhnen", sagte ein Spieler.

Weiter wird berichtet, dass Tschagajew beim Schweizer Cupfinal am 29. Mai in der Halbzeit-Pause einen ähnlichen Auftritt in der Umkleidekabine hatte. Xamax lag damals gegen Sion 0 : 2 im Rückstand. Um seine Spieler zu motivieren, soll er geschrien haben: "Ich werde Euch alle töten!"

Nach dem verlorenen Cup-Final feuerte der Tschetsche den früheren FC Zürich-Trainer Bernard Challandes. Dieser hatte Didier Olle-Nicolle ersetzt, der einen Tag nach Tschagajews Vereins-Übernahme gefeuert worden war.

Nach der zweiten Niederlage des Teams in der neuen Spielsaison entliess er den Xamax-Sportdirektor, den ehemaligen Barcelona und Brasilien-Stürmer Sonny Anderson, den Trainerstab und drei Mitglieder des Teams.

Am 23. August erhielt der neu ernannte Präsident Andrei Rudakow seinen Marschbefehl. Sponsoren und Fans haben begonnen, sich vom Club abzuwenden.

Betroffener Eigentümer

In einem Anfang dieses Monats erschienen Interview mit dem Wochenmagazin Illustré sagte der mysteriöse Unternehmer, er sei betroffen von dem Empfang, der ihm bereitet worden sei. Er hätte sich überlegt, das Handtuch zu werfen.

"Die Leute kamen zu mir, damit ich den ums Überleben kämpfenden Club rette, und jetzt behandelt mich jeder wie einen Dieb und Verbrecher… Als ich kam, habe ich mich mit allen zusammengesetzt. Ich erklärte meine Vision für die Zukunft des Clubs und bat um vollen Einsatz jedes Einzelnen. Diejenigen, die das unterstützten, sind immer noch hier. Schade für die anderen."

Am Montag hat Tschagajew erklärt, er würde den Club an die Stadt Neuenburg übergeben, wenn ihn die Medien weiterhin derart angriffen.

Nicolas Willemin, Chefredaktor des Neuenburger L'Express/Impartial, sagte, die Neuenburger wären bereit gewesen, dem Tschetschenen eine Chance zu geben, aber es scheint, dass sich die Situation verändert hat.

"Am Ende der Ära Bernasconi [Präsident 2005 - 2011] war einige Inkompetenz zu spüren und auch viel Kritik. Deshalb war die Idee zur Klärung der Situation sehr willkommen. Aber Tschagajew hat zu stark aufgeräumt. Und jetzt gibt es viele offene Fragen", sagt er gegenüber swissinfo.ch. Der jüngste Zwischenfall mit den bewaffneten Leibwächtern habe das Fass zum Überlaufen gebracht.

Willemin ist der Meinung, der neue Besitzer sei "äusserst naiv" gewesen und hätte überdies wenig kulturelles Bewusstsein an den Tag gelegt, wie sich die Menschen in der Schweiz verhalten.

Das brutale Gesicht des Fussballs

Neuenburgs Behörden sind besorgt, wie sich die Sache entwickelt hat. "Was wir heute sehen, ist das brutale Gesicht des Profifussballs – wo Geld alles bedeutet", sagte der Neuenburger Finanz-Staatsrat Jean Studer am Dienstag im Radio.

"Ich mache mir Sorgen um die Zukunft des Clubs", sagte Philippe Gnägi, Leiter des kantonalen Amts für Bildung, Kultur und Sport gegenüber swissinfo.ch. "Wir müssen Alles tun, damit wieder Ruhe und Gelassenheit einkehrt."

Beobachter meinen jedoch die Behörden könnten nicht viel tun. Wenn Tschagajew den Bettel hinschmeisse, sei es unwahrscheinlich, dass die Stadt die auf 15 bis 20 Millionen Franken geschätzten Schulden übernehmen könnte. Sie hätte zudem wenig Einfluss, abgesehen davon, dass sie Eigentümerin des Stadions sei.

"Ich glaube nicht, dass Tschagajew bleibt", sagt Willemin. Aber was passiert dann? Vielleicht findet sich doch noch ein neuer Käufer. Am wahrscheinlichsten erscheint jedoch der Konkurs oder Xamax geht zusammen mit dem besten lokalen Team, dem FC Serrières [Gruppe 2 der 3. Liga.]"

Auch Raffaele Poli, Fussball-Experte beim Internationalen Zentrum für Sportstudien (CIES) an der Universität Neuenburg denkt an eine eher düstere Zukunft des Clubs: "Meiner Meinung nach waren der Verein und die Fans naiv, aber man träumte halt von Grösse. Und vielleicht hat auch Tschagajew geglaubt, es sei einfach, Erfolg zu kaufen.

Bulat Tschagajew

Der wohlhabende neue Eigentümer von Neuenburg Xamax soll ein begeisterter Fussballfan sein. Er ist ehemaliger stellvertretender Präsident des tschetschenischen Liga-Clubs Terek Grosny.

Im Januar 2011 heuerte er dort den niederländischen Fussballstar Ruud Gullit als Manager an und feuerte ihn fünf Monate später wieder.

1987 zog Tschagajew zunächst nach Zug und wohnte später in Genf. Seit 1991 wohnt er in St Sulpice am Genfersee. Seine Art, Geschäfte zu machen, bleibt geheimnisumwittert.

Er ist Besitzer zweier in Genf ansässiger Firmen, Dagmara Trading und Envergure Holding, welche wahrscheinlich seine Geschäfte überwachen wie Öl- und Gashandel sowie sein Immobilien und Bau-Imperium. Tschagajew weigert sich, Angaben über die Höhe seines Vermögens zu machen.

In einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen sagte er: "Ich weiss nicht, was schmutziges und was sauberes Geld ist. Geld hat weder einen Familiennamen noch eine Staatsangehörigkeit – es ist nur Geld."

Er bestätigte auch, Kontakte mit dem tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrof, dem Nichtregierungsorganisationen Menschenrechtsverletzungen vorwerfen.

"Er ist für mich wie ein Bruder", sagte Tschagajew am Fernsehen.

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Neuenburg Xamax

Neuenburg Xamax wurde 1970 durch eine Fusion der beiden Vereine gebildet. Das Team hat zweimal, 1987 und 1988, die Schweizer Fussballmeisterschaft gewonnen.

Sylvio Bernasconi war von Juni 2005 bis Mai 2011 Präsident und  Besitzer des Clubs. Während der letzten Spielzeiten griff er dem Verein zur Deckung seiner Schulden jeweils unter den Arm.

Das Team liegt derzeit nach sieben Meisterschaftsspielen auf dem zweitletzten Platz.

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Übertragung aus dem Englischen: Etienne Strebel, swissinfo.ch

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