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Globale Standards im Kampf gegen Elektromüllberg

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Die Entsorgung elektronischer Geräte läuft in der Schweiz gut. Hier ein Angestellter einer Entsorgungsfirma in Regensdorf ZH bei der Arbeit.

Die Entsorgung elektronischer Geräte läuft in der Schweiz gut. Hier ein Angestellter einer Entsorgungsfirma in Regensdorf ZH bei der Arbeit.

(Keystone)

Jedes Jahr fallen weltweit rund 50 Mio. Tonnen Elektroschrott an. Verschwendung wertvoller Ressourcen, Umwelt-Verschmutzung, Krankheiten in Afrika und Asien sind die Folgen dieses Problems. Eine globale Initiative mit Schweizer Beteiligung sucht nach Lösungen.

"Mit jedem Produkt mit einer Batterie oder einem Stecker, das wir auf den Müll werfen - Computer, Fernseher, Radio, Handy, MP3-Player, usw. - vergeuden wir wertvolle Ressourcen. Der Elektroschrottberg wächst weltweit in einem ungeheuren Tempo. Ausserdem werden gebrauchte Elektrogeräte, die in Entwicklungsländer verschickt werden, dort häufig nicht wieder in Gebrauch genommen, sondern illegal entsorgt - meist durch Verbrennen, was nicht nur die wieder verwertbaren Komponenten unwiderbringlich zerstört, sondern auch erheblich zur Umweltverschmutzung in diesen Ländern beiträgt."

Das schreibt die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa. Die Schweizer Forschungsinstitution im Bereich der Eidgenössischen Technischen Hochschulen (ETH) beteiligt sich zusammen mit dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) an der weltweiten Initiative 'Solving the E-Waste Problem' (StEP), die 2007 unter Federführung der United Nations University (UNU) lanciert wurde.

Es geht darum, die Lebensdauer von Computern und anderen elektronischen Gebrauchsgegenständen zu erhöhen, die Umweltverschmutzung bei deren Entsorgung und Recycling zu vermindern sowie die Wiederverwertung zunehmend wertvoller Bestandteile des Elektroschotts zu verbessern. StEP bündelt die Massnahmen der verschiedenen Akteure, darunter Forschung, internationale Organisationen, NGO, Regierungen und auch Hersteller, um das aus den Industriestaaten exportierte Abfallproblem in den Griff zu bekommen.

Gut etabliertes Netzwerk, aber noch Europa- und USA-lastig

"StEP hat sich seit der Gründung im März 2007 sehr gut etabliert als Netzwerk von internationalen Stakeholdern", sagt Mathias Schluep vom Laboratorium für Technologie und Gesellschaft der Empa gegenüber swissinfo.ch.

Die Initiative habe bewirkt, dass sich verschiedene UNO-Organisationen gut koordinierten. Man habe auch einen Link zu Originalproduzenten. "Das ist die positive Seite der über vierjährigen Bilanz. Dazu gehört auch, dass sich StEP international einen Namen gemacht hat."

Im Setzen von Standards und Harmonisierung sei man aber noch nicht so weit wie erhofft, räumt der Empa-Experte ein. Ebenfalls noch nicht gut gelungen sei die Etablierung von StEP in Entwicklungsländern. "Wir müssten mehr Mitglieder haben in Afrika, Lateinamerika, Asien. StEP ist noch sehr auf Europa und die USA konzentriert."

Drittweltländer schützen

Ab 2012 müssen Entwicklungsländer jährlich mehr als 30 Mio. gebrauchte Computer entsorgen. Aus Industriestaaten werden dann laut einer Studie von Gartner Inc., einem US-Anbieter von Marktforschung und Analyse in der weltweiten Technologie-Industrie, pro Jahr 69 Mio. Secondhand-Geräte in Drittweltländer exportiert. Wegen der dortigen Entsorgungspraktiken droht einerseits ein massiver Ressourcenverlust, andererseits belasten unsachgemäss gelagerte toxische Stoffe die Gesundheit von Mensch und Umwelt.

Obwohl die Ausfuhr von Elektronikschrott aufgrund einer EU-Richtlinie über Elektro- und Elektronik-Altgeräte von 2007 illegal ist, werden weiterhin Altgeräte (noch brauchbare wie unbrauchbare) aus Europa und den USA nach Afrika oder Asien verschifft.

Laut Mathias Schluep versucht StEP, mit verschiedenen Task Forces diese Problematik ganzheitlich anzugehen. "Es gibt die 'Policy Task Force', die gemäss der Basler Konvention, die den Export von Sondermüll wie Elektroschrott verhindern soll, Standards erarbeitet, auf die sich verschiedene Stakeholders einigen wollen."

In der Task Force 'Re-Use' nehme man wahr, dass die Benutzung von Secondhand-Produkten in Entwicklungsländern durchaus sinnvoll sei. "Das gibt diesen Leuten Zugriff auf billigere Geräte der Kommunikations-Technologie. Man will Standards setzen für einen sinnvollen Export solcher Geräte."

In der Task Force 'Recycling' geht es um die Entsorgung von gebrauchten Geräten in Entwicklungsländern. "Auch wenn wir das Problem des illegalen Exports von Elektroschrott in den Griff bekommen, brauchen wir eine entsprechende Infrastruktur in diesen Ländern. Diese Task Force unterstützt entsprechende Projekte in solchen Ländern."

Müllberg wächst und wächst

Rund 50 Mio. Tonnen Elektroschrott sollen pro Jahr anfallen - Tendenz steigend. Diese Masse sei für StEP "eine grosse Nummer", sagt der Empa-Experte. "Es ist klar, dass man nicht alles auf einmal lösen kann. Man muss Beispiele für die Lösung dieses Problems vorgeben: Pilotprojekte, neue Standards in Entwicklungs- und OECD-Ländern, die international durchgesetzt werden können."

Gewisse Erfolge sieht Schluep in Europa und den USA: "Nicht gerade eine Harmonisierung ist in Gang, aber eine Annäherung von Standards im Bereich Recycling."

Bewegung bei den Herstellern

Als Erfolg von StEP sieht Schluep die Bewegung auf der Ebene der Produzenten, die vor allem in Europa nach dem Prinzip der erweiterten Produkte- oder Produzentenhaftung handeln. "Sie übernehmen Verantwortung nicht nur für ihre Produkte, sondern auch für den Abfall, der aus diesen entsteht."

Die Hersteller würden beginnen, dieses Prinzip auch für Entwicklungsländer ernst zu nehmen. "Es gibt Produzenten-Foren in Südafrika, in Nigeria, die daran sind, solche Systeme umzusetzen."

Die Beteiligung von Elektronikgeräte-Herstellern wie HP, Philips, Ericsson oder Nokia an der StEP-Initiative habe tatsächlich etwas gebracht. "Man hat diese Akteure über das Netzwerk sukzessive auch in unsere eigenen Empa-Projekte in Afrika und Indien einbinden können."

Auch Konsumenten sind gefragt

Für Mathias Schluep ist auch das Verhalten der Konsumenten wichtig. "Man sollte sich gut überlegen, was man kauft und versuchen, die Produkte länger zu gebrauchen und nicht Jahr für Jahr auf den neusten Hipe zu springen. Wenn ich mein Handy länger gebrauche als zwei Jahre, vielleicht vier Jahre, produziere ich natürlich weniger Abfall."

Dann sollte man als Konsument konsequent die Rücknahmekanäle benutzen. "Wir haben ein gutes Recycling-System in der Schweiz, die Geräte werden umweltgerecht entsorgt; aber natürlich nur dann, wenn die Konsumenten diese an der richtigen Stelle zurückgeben und nicht in den Mülleimer werfen."

Wertvolle Ressourcen

Eine Tonne gebrauchter Handys - das sind rund 6000 Stück - enthalten ca. 3,5 Kilogramm Silber, 340 Gramm Gold, 140 Gramm Palladium und 130 Gramm Kupfer. Zudem kommen noch etwa 3,5 Gramm Kupfer pro Akku. Der kombinierte Wert aller Substanzen beträgt rund 15'000 Dollar. (UNU, 2009).

Das 2004 von der United Nations University (UNU) herausgegebene Buch 'Computers and the Environment' kam zum Schluss, dass der Durchschnitts-Computer inklusive Bildschirm bei seiner Herstellung rund das Zehnfache seines Gewichts an fossilen Energieträgern verbraucht.

Zum Vergleich: Die Produktion eines Autos oder eines Kühlschranks verbraucht gerade mal das Ein- bis Zweifache des Produktgewichts. Konkret heisst das: Die Herstellung eines PC mit 17-Inch-Bildschirm benötigt 240 Kilogramm fossile Energieträger, 22 Kilogramm Chemikalien und 1500 Kilogramm Wasser - insgesamt also 1,8 Tonnen Rohstoffe, soviel wie ein SUV oder ein Nashorn.

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Empa

Offiziell als Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt bekannt, verfügt die Empa über Forschungsstätten in St. Gallen und Dübendorf, Kanton Zürich.

Die Empa ist Teil des Bereichs der Eidgenössischen Technischen Hochschulen (ETH), zu dem auch das Paul Scherrer Institut, die Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL sowie das Wasserforschungsinstitut Eawag gehören.

Laut eigenen Angaben orientieren sich die Forschungs- und Entwicklungs-Aktivitäten der Empa "an den Anforderungen der Industrie und den Bedürfnissen der Gesellschaft und verbinden anwendungsorientierte Forschung und praktische Umsetzung, Wissenschaft und Industrie sowie Wissenschaft und Gesellschaft".

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swissinfo.ch


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