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Jean-Pierre Gontard erinnert sich


Wie die Schweiz in Kolumbien den Frieden förderte


Von Marcela Águila Rubín


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Die Unterhändler der Farc, Ivan Marquez (links) und der Regierung Kolumbiens, Humberto de la Calle (rechts), reichen sich am 24. August 2016 nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens die Hände. In der Mitte Bruno Rodriguez, Aussenminister des Gastgeberlandes Kuba. (Reuters)

Die Unterhändler der Farc, Ivan Marquez (links) und der Regierung Kolumbiens, Humberto de la Calle (rechts), reichen sich am 24. August 2016 nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens die Hände. In der Mitte Bruno Rodriguez, Aussenminister des Gastgeberlandes Kuba.

(Reuters)

Die kolumbianische Regierung und die Rebellengruppe Farc haben ein historisches Friedensabkommen abgeschlossen. Damit wurde ein 52 Jahre dauernder Konflikt beigelegt, der hunderttausende Todesopfer gefordert hatte. Der Schweizer Jean-Pierre Gontard, ehemaliger Mediator zwischen den Rebellen und der Regierung, würdigt die Rolle, welche die Schweiz im Friedensprozess gespielt hat.

Nach fast vier Jahren harter Verhandlungen in Havanna konnten sich die Parteien am 24. August 2016 in Kuba auf einen "endgültigen, integralen und definitiven" Friedensvertrag einigen. Dieser soll am 2. Oktober zur Abstimmung kommen und wird erst gültig, wenn das Stimmvolk ihn annimmt.

"Entscheidender Schritt zum Frieden"

Die Schweiz gratuliert der kolumbianischen Regierung und der FARC zum gestern unterzeichneten Friedensabkommen. 

"Dies ist ein entscheidender Fortschritt beim Aufbau eines dauerhaften Friedens in Kolumbien.
 
Mit der Volksabstimmung vom 2. Oktober hat die kolumbianische Bevölkerung die einmalige Gelegenheit, eine neue Ära des Friedens für das Land zu schaffen", teilt das Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) mit. 
 
Die Schweiz habe sich seit 2001 an der Förderung des Friedens in Kolumbien beteiligt und den Friedensprozess in verschiedenen Bereichen unterstützt.

"Abgesehen von der technischen Unterstützung bei den Verhandlungen über einen "Waffenstillstand" hat die Schweiz drei Programme der Zusammenarbeit in den Bereichen humanitäre Hilfe, Sicherheit der Menschen und wirtschaftliche Entwicklung umgesetzt", schreibt das EDA auf Anfrage von swissinfo.ch.

Das Abkommen über sechs Punkte der Agenda soll "ein definitives Ende des über 50 Jahre dauernden bewaffneten Konflikts bringen", heisst es in dem von den Verhandlungspartnern unterzeichneten Text. Dieser markiert auch das offizielle Ende der Verhandlungen, die seit November 2012 in Havanna unter der Leitung von Kuba und Norwegen geführt wurden.

Jean-Pierre Gontard ist an diesem von US-Präsident Barack Obama "historisch" genannten Tag begeistert: "Die Historiker wissen, dass alle kolumbianischen Präsidenten Kontakte mit der Guerilla gehabt haben", doch bis jetzt seien diese Annäherungen nie von Erfolg gekrönt gewesen, erklärt er.

"Der Prozess in Havanna war beispielhaft, sei es für die Professionalität, wie auch für die Vorsicht, mit der er geführt wurde", sagt der ehemalige Unterhändler der Eidgenossenschaft zwischen den Guerilla (Farc und ELN) und Bogota.

In seinen Augen war die Rolle der Schweiz relevant. Sie habe ein grosses Kooperationsprogramm in Kolumbien durchgeführt und dabei eine Nach-Konflikt-Strategie einbezogen. "Die Schweiz hat eine sehr wichtige Rolle gespielt und war ein bevorzugter Partner für Kolumbien", bekräftigt er.

"Die Geschichte verzeiht nicht"

In Bogota hat die Unterstützungskampagne von Präsident Juan Manuel Santos für die Friedensvorlage ("JA, der Friede ist mit Dir", "La paz SI esta contigo") bereits die Strassen erobert.

Trotzdem ist der Ausgang des Referendums unsicher. Ex-Präsident Alvaro Uribe (2002-2010) gehört zu den schärfsten Kritikern des Friedensprozesses, auch wenn zahlreiche Analysten schätzen, dass es sich um eine beispiellose Chance handle, um zu einem Frieden zu kommen und dass eine Abänderung schwierig sei.

"Die Geschichte würde es ihm nicht verzeihen", schätzt Gontard. Ein negativer Ausgang der Abstimmung hätte schwerwiegende Auswirkungen auf den Friedensprozess. Und für die Guerilla wäre es sehr schwer zu akzeptieren, "dass nach einer beispielhaften Arbeit in den Verhandlungen ein ehemaliger Präsident sie zu sabotieren versucht", sagt er.

Die kolumbianische Bevölkerung ist in der Frage gespalten. Bewohnerinnen und Bewohner urbaner Zonen sind sich des Konflikts, der eher in ruralen Zonen geführt wurde, nicht gleichermassen bewusst. Die Schweiz arbeitet besonders in ländlichen Regionen eng mit den lokalen Organisationen zusammen.

"Die Schweiz verfügt über einen guten Zugang zu den ruralen Zonen und kennt die Realitäten vor Ort gut", erklärt das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) gegenüber swissinfo.ch. Ihre Kooperations-Strategie habe es ermöglicht, die Bedürfnisse in jenen Bereichen zu reduzieren, die unzugänglich für den Staat seien, wie auch die Schutzmechanismen für die Zivilbevölkerung zu verstärken, was Zwangsverschleppungen, Unfälle mit Personenminen und Rekrutierung von Kindersoldaten betreffe.

Eine Frau weint in Chita (Department Boyaca) an jener Stelle, wo ein Farc-Angriff am 23. September 2003 zehn Tote und viele Verletzte forderte. Die ländliche Bevölkerung war vom bewaffneten kolumbianischen Konflikt am meisten betroffen. (Keystone)

Eine Frau weint in Chita (Department Boyaca) an jener Stelle, wo ein Farc-Angriff am 23. September 2003 zehn Tote und viele Verletzte forderte. Die ländliche Bevölkerung war vom bewaffneten kolumbianischen Konflikt am meisten betroffen.

(Keystone)

Schweizer Hoffnung und Unterstützung

Die Schweizer Kooperation ist in Kolumbien auch in den Bereichen humanitäre Hilfe, menschliche Sicherheit und wirtschaftliche Entwicklung tätig. Bei seinem Besuch in Kolumbien Anfang August hat Bundespräsident Johann Schneider-Ammann Hilfsgelder der Schweiz im Umfang von 22 Millionen Dollar angekündigt, um die wirtschaftliche Entwicklung des Landes im Rahmen des Friedens zu unterstützen.

Bei dieser Gelegenheit wertete der Bundespräsident den Friedensprozess gemäss einer Mitteilung der Behörden als eine der Entwicklungen der Gegenwart, die hoffnungsvoll stimmten. Ein Prozess, in dem die Schweiz auf verschiedene Weise beteiligt gewesen sei, so auch durch ihre Hilfe an Kuba.

Zur bilateralen Agenda gehören zudem die Aufbewahrung der Friedensabkommen zwischen Kolumbien und der Farc in der Schweiz, die Teilnahme der Schweiz an den Verhandlungen mit der anderen kolumbianischen Guerilla, der Nationalen Befreiungsarmee (ELN), wie auch die Unterstützung des Centro Nacional de Memoria Histórica (CNMH) und der Kampf gegen Verletzungen der Menschenrechte. Ein zentrales Thema, das besonders auch die Aktivitäten von transnationalen Unternehmen in Kolumbien betrifft.

Frieden, Säule der Schweizer Diplomatie

Die Guten Dienste der Schweiz für den Frieden in Kolumbien sind aber kein neues Phänomen: "In fast einem Jahrhundert bilateraler Beziehungen spielte die Schweiz eine sehr wichtige Rolle in Kolumbien", sagt Unterhändler Gontard. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern haben sich 1998 intensiviert, im Rahmen der Vorbereitungen für Gespräche in San Vicente del Caguan: "Die Vertreter von Farc und ELN kamen an das Universitätsinstitut für Entwicklungsstudien, um zu sehen, ob wir ihnen helfen können", erinnert sich Gontard, damals Vizedirektor dieses Instituts.

Zwischen 1998 und 2002 wurden vier Konferenzen organisiert, die vierte fand während der Kandidatur Uribes statt, und alle Präsidentschaftskandidaten nahmen daran teil. "Das war ein gut strukturierter Aufwand, und es scheint, als sei er gut angekommen", so Gontard. "Die Schweiz war ein bevorzugter Gesprächspartner."

Der Schweizer Friedensvermittler Jean Pierre Gontard (im blauen Hemd) empfängt Farc-Kommandant Ricardo Palmera in San Vicente del Caguan. Dort begannen die Guerilla und die kolumbianische Regierung zwischen 1998 und 2002 einen Friedensprozess, der aber scheiterte. (Keystone)

Der Schweizer Friedensvermittler Jean Pierre Gontard (im blauen Hemd) empfängt Farc-Kommandant Ricardo Palmera in San Vicente del Caguan. Dort begannen die Guerilla und die kolumbianische Regierung zwischen 1998 und 2002 einen Friedensprozess, der aber scheiterte.

(Keystone)

Anklage gegen Gontard

Trotzdem habe sich Präsident Uribe, "der immer von Frieden sprach", ein einziges Mal entschieden, wieder zu den Waffen zu greifen und der internationalen Vermittlung ein Ende zu setzen. Der kolumbianische Präsident habe auf eine Strategie zurückgegriffen, die sich mit der Zeit als Kriegslist herausstellte, und die Gontard beschuldigt habe, die "Guerilla" finanziert und 2001 ein Lösegeld für die Befreiung zweier Angestellter von Novartis bezahlt zu haben, die von der FARC als Geiseln festgehalten wurden.    

Die kolumbianische Justiz eröffnete in der Folge eine Untersuchung gegen den Schweizer Vermittler, was die Beziehungen zwischen Bern und Bogota beeinträchtigte. Das EDA verlangte "das Ende der wiederholten Angriffe gegen den Schweizer Vermittler". "Um humanitäre Ziele zu erreichen, haben Herr Gontard sowie der französische Mediator [Noël Saez] im Rahmen einer internationalen Vermittlung unter der Leitung von drei Ländern (darunter Spanien) unter extrem schwierigen Bedingungen gearbeitet, manchmal unter Lebensgefahr", schrieb das EDA.

In einem Communiqué erwähnte das EDA auch die Anschuldigungen gegen den Vermittler: "Herr Gontard hat zum Erfolg der Verhandlungen zwischen dem Unternehmen und der FARC beigetragen. Er war nie der Träger dieses Geldes, und das betreffende Schweizer Unternehmen hat dies sehr klar bestätigt."

Im Rahmen eines Besuchs in Kolumbien zum hundertjährigen Bestehen der bilateralen Beziehungen zwischen der Schweiz und Kolumbien im August 2008 bestätigte die damalige Aussenministerin Micheline Calmy-Rey die Position der Schweiz. "Wir sind überzeugt, dass unser Vermittler beispielhaft gehandelt hat. Er war in keinerlei Zahlungen zugunsten der FARC verwickelt."

Trotzdem dauerte es noch drei Jahre, bis die kolumbianische Justiz Jean-Pierre Gontard definitiv von allen Anschuldigungen freisprach. 2012 anerkannte sie, dass die Aktivitäten des Schweizer Vermittlers "Teil der Befugnisse waren, welche die kolumbianische Regierung zugestanden hatte" und dass diese ein "äusserst humanitäres Ziel" verfolgten.

"Ich vertraute darauf, dass dieser Entscheid kommen würde, aber ich fand, dass er lange auf sich warten liess", sagt Jean-Pierre Gontard gegenüber swissinfo.ch. Heute gehört diese lang anhaltende Einschüchterung der Vergangenheit an. Gontards Enthusiasmus für den Frieden bleibt intakt.

"Diejenigen, die für den Frieden gearbeitet haben, haben einen grossen Schritt vorwärts gemacht", freut er sich. "Ich hoffe, dass die internationale Gemeinschaft in Bezug auf den Friedensprozess in Kolumbien einen klaren Entscheid fällen wird, um diesen von ausserhalb zu unterstürzen", sagt Jean-Pierre Gontard.


(Übertragen aus dem Französischen: Christian Raaflaub und Peter Siegenthaler)

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