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Kampf gegen Altersdiskriminierung "Wir schaffen heute unsere eigene Diskriminierung von morgen"

Ältere Person im Gespräch mit zwei Kindern

Der generationsübergreifende Kontakt ermöglicht einen positiven Austausch sowohl für ältere Menschen als auch für Kinder: Auf diese Weise bekämpfen eine Gruppe von Forschern Stereotypen und Diskriminierungen aufgrund des Alters.

(Thomas Kern)

Sie ist weiter verbreitet als Sexismus und Rassismus. Potenziell riskiert jede und jeder, Opfer zu werden. Paradoxerweise aber ignoriert sie die Mehrheit der Menschen: Altersdiskriminierung. Eine Forschergruppe in der Schweiz will diese Diskriminierung nun durch den Einbezug von Kindern bekämpfen.

Ageism

Im Allgemeinen ist "Ageism die Diskriminierung einer Altersgruppe gegenüber einer anderen Altersgruppe. Das heisst, es geht in verschiedene Richtungen: Ältere Menschen können eine diskriminierende Einstellung gegenüber jungen Menschen haben und umgekehrt.

Die Forschung zeigt jedoch, dass die am stärksten von Altersdiskriminierung betroffene Gruppe die der älteren Menschen ist.

Daher meinen wir in der Fachliteratur, in etwa 90% der Fälle, in denen wir über Altersdiskriminierung sprechen, derzeit Stereotypen, Vorurteile, Diskriminierung – die positiv oder negativ sein können – gegenüber einer Person aufgrund ihres chronologischen Alters oder ihrer Wahrnehmung als alt".

(Quelle: Christian Maggiori)

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Christian Maggioriexterner Link ist Professor an der Universität für Soziale Arbeit in Freiburgexterner Link (HETS.FR) und einer der wenigen Altersexperten der Schweiz. Er leitet verschiedene Projekte. Im Besonderen entwickelt er mit seinem Forscherteam ein Programm zur Sensibilisierung von Grundschülerinnen und Grundschülern für die Altersdiskriminierung (Ageism).

Doch warum gerade Kinder? Hat sich in seiner Forschung zum Thema Altersdiskriminierung herausgestellt, dass diese sich gegenüber älteren Menschen diskriminierender verhalten als gegenüber anderen Altersgruppen?

"Auf keinen Fall. Wir machen das, weil Studien gezeigt haben, dass alles, was Stereotypen, soziale Bilder und Vorurteile betrifft, die Menschen gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen – in diesem Fall ältere Menschen – haben können, von klein auf absorbiert wird", sagt Maggiori.

"Ab dem Alter von 12-13 Jahren ist es praktisch unmöglich, diese Prägungen zu löschen. Obwohl man kognitiv erkennt, dass ein bestimmtes Verhalten unangebracht ist, schafft man es nicht, diesen Automatismus zu unterdrücken."

Diskriminierung des zukünftigen Selbst

"Im Lauf der Jahre entwickeln sie sich weiter, stärken, mutieren, manifestieren sich. Und an einem bestimmten Punkt, wenn man selber alt wird, werden die Stereotypen, die man gegenüber älteren Menschen hatte, zu den Stereotypen von sich selbst. Diese bestimmen das Selbstbild, das der ältere Mensch von sich hat", sagt der Spezialist.

Das grosse Paradox, stellt der Professor fest, sei, dass "unsere altersdiskriminierende Einstellung ein System schafft, dem wir in der Zukunft selber zum Opfer fallen werden. Mit anderen Worten: Wir schaffen heute unsere eigene Diskriminierung von morgen".

Christian Maggiori

(unil.ch)

Die Idee des generationenübergreifenden Projekts unter Maggioris Leitung "ist daher, frühzeitig mit Kindern zu arbeiten, damit sie als Erwachsene ein möglichst korrektes und aktuelles Bild von älteren Menschen haben können".

Unbewusst Opfer

Obwohl sich das Projekt noch in der Sondierungsphase befindet, stösst es bereits auf grosses Interesse. Von der Leenards Foundationexterner Link wurde es bereits mit einem renommierten Preis ausgezeichnet. Maggiori freut sich, dass die Medien darüber sprechen, denn dies "hat es uns ermöglicht, das Problem der Altersdiskriminierung sichtbar zu machen, es zu diskutieren, das Bewusstsein der gesamten Bevölkerung ein wenig zu schärfen".

Genau das ist das Ziel des Professors: die Menschen darauf aufmerksam machen, dass bestimmte Verhaltensweisen diskriminierend und damit unannehmbar sind. Neben der Tatsache, dass alle potenziell Gefahr laufen, eines Tages zum Opfer zu werden, sei die andere grosse Besonderheit der Altersdiskriminierung im Vergleich zu anderen Diskriminierungen wie Sexismus oder Rassismus das Nichtbewusstsein.

"Die Opfer ignorieren oft, Opfer zu sein. Und Personen, die sich altersdiskriminierend verhalten haben – auch unbewusst – ignorieren, dass sie sich unangebracht verhalten haben. Dadurch entsteht eine Art Teufelskreis: Man ignoriert es, somit unterschätzt man es auch", so der Forscher.

Das mangelnde Bewusstsein der Opfer konnte Maggiori in einer Studie über den Zusammenhang zwischen Altersdiskriminierung und Lebensend-Entscheidungenexterner Link nachweisen, die er letztes Jahr mit einer Kollegin mit Menschen ab 65 Jahren in der Westschweiz durchgeführt hat.

Auf die allgemeine Frage, ob sie im Vorjahr eine oder mehrere Situationen ungerechter oder unangebrachter altersbedingter Behandlung erlebt hätten, antworteten etwa 35% der Befragten mit Ja. Als sie jedoch mit einer Reihe präziserer Fragen nach typischen altersbedingten diskriminierenden Behandlungen gefragt hätten – zum Beispiel, ob sie wie Kinder behandelt wurden oder ob ihre Ansichten aufgrund ihres Alters ignoriert wurden –, sei der Anteil jener, die antworteten, eine oder mehrere dieser Situationen erlebt zu haben, auf 80% gestiegen, sagt Maggiori.

Es gibt keine Strafnorm

Die Schweiz ist kein Einzelfall. Der Forscher erinnert daran, dass in einer europäischen Umfrageexterner Link, die 2008 in 28 Ländern – darunter der Schweiz – durchgeführt wurde, festgestellt wurde, dass Altersdiskriminierung auf europäischer und schweizerischer Ebene häufiger auftritt als Sexismus und Rassismus.

In der Gesetzgebung hinke die Schweiz allerdings anderen Ländern hinterher, bemerkt der Professor und nennt das Beispiel Frankreichs, wo Diskriminierung aufgrund des Alters gesetzlich strafbar ist.

Maggiori betrachtet das Fehlen von rechtlichen Mitteln zur Bekämpfung von altersdiskriminierendem Verhalten in der Schweiz als gravierendes Defizit. Er begrüsst deshalb die geplante Lancierung einer Volksinitiative gegen Altersdiskriminierung. "Das wäre ein wichtiger Schritt: Es würde auch die Regierung und das Parlament zu einer Stellungnahme zwingen", sagt er. Dies würde eine breite Debatte eröffnen, die endlich das Ausmass des Phänomens ins kollektive Bewusstsein bringen würde.

Das Phänomen ist seit langem in der Gesellschaft verwurzelt. Obwohl der Begriff Ageism neu ist – er wurde 1969 vom amerikanischen Gerontologen Robert Butler erstmals offiziell eingeführt –, gebe es Stereotypen und Diskriminierungen aufgrund des Alters schon seit langem, sagt Maggiori.

"Eine amerikanische Studie, die von Mitte 1810 bis 2010 etwa 400 Millionen Begriffe in einer Textdatenbank analysierte, zeigte, dass die negativen Begriffe im Zusammenhang mit älteren Menschen allmählich zugenommen haben. Um 1880 übertrafen sie die positiven, und seitdem gibt es keine Wende mehr", sagt der Experte.

Es steht viel auf dem Spiel

Und doch wird erst seit kurzer Zeit darüber diskutiert. Wahrscheinlich auch, weil heute der Anteil der älteren Menschen an der Bevölkerung wächst. Auch deshalb wird es immer dringlicher, das Problem anzugehen.

"Es muss noch viel getan werden. Wir stehen erst am Anfang unseres Wissens über die Manifestationen, Ursprünge und Folgen des Ageism. Aber wir wissen sicher, dass Altersdiskriminierung in unserer Gesellschaft überall präsent ist, sie hat echte Auswirkungen auf den Einzelnen, der betroffen ist, sowie auf die gesamte Gesellschaft und ihr Funktionieren", sagt Maggiori.

Medianalter der ständigen Wohnbevölkerung in der Schweiz, 1971-2017

Grafik: Durchschnittsalter der Schweizer Bevölkerung 2017: 42,5 Jahre

Die Entwicklung des Medianalters von 1971 bis 2017 zeigt die ständige Alterung der Schweizer Bevölkerung.


(Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub)

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Warum fehlt die weibliche Kunst in den Schweizer Museen?

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