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Polen–Schweiz: Wirtschaftlich nicht ohne Reiz


Ulrich Schwendimann: Sicht aus seinem Büro auf Warschaus Symbol, den Kulturpalast. (swissinfo.ch)

Ulrich Schwendimann: Sicht aus seinem Büro auf Warschaus Symbol, den Kulturpalast.

(swissinfo.ch)

Polen ist trotz seiner Grösse ein wenig bekanntes Land, im Fall der Schweiz ist es umgekehrt. In der Wirtschaftskammer in Warschau, die Ulrich Schwendimann leitet, treffen sich Ein- und Ausfuhrspezialisten der beiden Länder.

Der Slawist und Betriebswirtschaftler Ulrich Schwendimann lebt seit den 90er-Jahren in Warschau. Polnisch ist die hauptsächliche Arbeitssprache des Auslandschweizers, der seit 2002 die Polnisch-schweizerische Wirtschaftskammer führt.

Sowohl im Wirtschafts- wie auch im Privatleben laufe in Polen einiges anders als in der Schweiz, meint er. Vor allem sei für die Polen der persönliche Kontakt die Voraussetzung fürs Geschäft. Anderseits wiehere der Amtsschimmel viel lauter.

Schwendimann geht auch auf den Alltag eines Expats in Polen und auf die Erwartungen der Schweizer Firmen im Zusammenhang mit der Kohäsionsmilliarde ein.

swissinfo.ch: Für den Handelsaustausch Schweiz-Polen gibt es nicht nur Ihre Handelskammer, sondern auch den Swiss Business Hub der Osec in Warschau. Wie teilen Sie sich die Arbeit auf?

Ulrich Schwendimann: Der Hub als Beratungsorganisation offeriert Markteintritts-Dienstleistungen für Schweizer Firmen. Wir als Handelskammer und Mitgliederorganisation offerieren vor allem das Kontaktnetz vor Ort. Oft arbeiten wir auch mit dem Hub zusammen. Ein prominentes Beispiel ist der grosse Schweizer Pavillon (120m2), den wir diesen September an der polnischen Leitmesse für die Energiebranche zusammen betreiben.

Viele Investoren operieren auch über eigene Kanäle. Die Grossen, weil sie ohnehin niemanden brauchen und eigene Kontaktnetze haben, die Kleinen ebenfalls. Nur begehen diese häufig Fehler.

Wertvoll für Schweizer Firmen, aber häufig unterschätzt, sind die Treffen, die wir für Newcomer aus der Schweiz arrangieren. Wir bringen sie mit polnischen Akteuren aus derselben Branche zusammen. Das ist unbezahlbar.

swissinfo.ch: Wie muss sich ein Schweizer denn in Polen verhalten?

U.S.: Das ganze Businessgeschehen ist in Polen viel personenorientierter als in der Schweiz. Das persönliche Kennenlernen ist das Wichtigste, nicht das Studieren der Dokumente. Deshalb sollten sich Schweizer nicht schon beim ersten Treffen aufs Inhaltliche konzentrieren, sondern erst eine Beziehung aufbauen.

Beim ersten Treffen sagen einem die Polen noch lange nicht, wo die Probleme liegen, oder was sie nicht wollen. Konkret in die Materie rein gehen sollte man erst beim zweiten Treffen. Die Schweizer verhalten sich diesbezüglich fast schon etwas amerikanisch zu direkt, und unterschätzen in Polen den Wert des Persönlichen.

Das gilt auch für den Umgang mit der Behörde, sprich Bürokratie.

swissinfo.ch: Wie unterscheiden sich polnische Bürokraten von schweizerischen?

U.S.: Die Mitglieder unserer Handelskammer hier sagen, je grösser die Firma, desto kleiner das Bürokratie-Problem. Denn Grossfirmen können auf Anwälte zurückgreifen. Aber einen Service Public-Gedanken wie in der Schweiz darf man in Polen nicht erwarten.

Der Grundreflex eines polnischen Beamten besteht darin, dass er versucht, bei einem Antrag einen formellen Fehler zu finden. Damit kann er ihn zurückweisen. Denn wenn er den Antrag annehmen muss, muss er sich dafür oder dagegen entscheiden. Da könnte er einen Fehler begehen. Jede Entscheidung birgt also potenzielle Risiken. Mit dem Zurückweisen sichern sich Bürokraten maximal ab.

Diese Beamtenlogik verlängert die Prozeduren und führt zu Aktenbergen. Das dürfte noch ein Überbleibsel aus dem Sozialismus sein. Aber es ist schon viel besser geworden in den letzten Jahren.

Dennoch scheint mir dies einer der grossen Unterschiede zwischen Polen und der Schweiz zu sein.

swissinfo.ch: Kritisiert man Beamte, darf auch die Kritik an der Steuerbehörde nicht fehlen. Wie zahlt man in Polen Steuern?

U.S.: Polen sind jeweils sehr erstaunt, wenn ich ihnen erzähle, dass man in der Schweiz seinen Steuerbeamten persönlich treffen könne. Und dass dieser einen berate, teils sogar, wie man Steuern sparen kann.

Das wäre in Polen völlig undenkbar. Derart kompetente Steuerbeamte, so die polnische Logik, würden offenhörig für Bestechung.

swissinfo.ch: Spielt da Angst vor Korruption mit?

U.S.: Ja, aus lauter Angst davor versucht man, alles möglichst genau zu regeln. Fliegen dennoch Fälle auf, versucht man, noch genauer zu regeln. Und zuletzt geht dieses Kalkühl trotzdem nicht auf.

Im Vergleich zu den Schweizer Beamten erscheinen die polnischen um einiges komplizierter zu sein, weil sie anders denken. Hört man jedoch von Unternehmen, was sich in Deutschlands und Frankreichs Amtstuben alles zuträgt, scheinen diese sich von der polnischen viel weniger zu unterscheiden.

So gesehen dürften dann eher die Schweizerischen Beamten die Ausnahme sein.

swissinfo.ch: Wie steht es mit den Erwartungen der Schweizer Firmen, in Polen vom Geld der Schweizer Kohäsionsmilliarde profitieren zu können? Oder von den hundert EU-Kohäsionsmilliarden?

U.S.: Schweizer Firmen in Polen haben keine Hemmungen, EU-Töpfe anzuknacken. Als die Kohäsionsmilliarde vor wenigen Jahren zum Thema wurde, hatte die Handelskammer sehr viel Kontakte zu Schweizer Firmen. Alle glaubten, dass sei jetzt das gefundene Fressen für sie.

In Absprache mit der Schweizer Botschaft mussten wir dann kommunizieren, dass die Kohäsionsmilliarde nicht als gebundene Hilfe für die Firmen gedacht sei, weil sie als eine Art Pendant zum EU-Kohäsionsfonds laufe.

Die Firmen können im Gegenzug von den gut dotierten Strukturfonds der EU profitieren, insbesondere jene, die auf die Förderung von Firmen ausgelegt sind, sei es bei der Bezuschussung von Investitionen oder der Ausbildung der Mitarbeiter.

Beispielsweise hat sich Biella, eine in der Schweiz bekannte Firma, einige ihrer Anlagen von der EU (mit-)finanzieren lassen, die jetzt zu den modernsten in Europa gehören. Nestle erhielt Hilfe für die Wasseraufbereitung. ABB konnte EU-Mittel für seine Schulungsprogramm erhalten.

Schweizer Firmen profitieren also nicht weniger als polnische oder andere europäische von Fördertöpfen. Von den Kohäsionsgeldern der Schweiz profitieren jedoch alle höchstens indirekt, da die primären Nutzniesser vor allem Gebietskörperschaften und öffentliche Institutionen sind. Firmen können erst mit der Ausschreibung von Projekten, die schon den Zuschlag erhalten haben, zum Zuge kommen

Man muss also klar sehen, dass die Kohäsionsgelder nicht zur Förderung von Firmen gemacht sind, ganz gleich woher sie kommen. Dafür gibt es wie gesagt viele EU-Strukturfonds, die allen zugute kommen.

Die eidgenössische Milliarde ist aber nicht dafür gedacht, dass möglichst viel davon wieder in die Schweiz zurückfliesst. Wer das denkt, macht sich etwas vor.

swissinfo.ch: Wie finanziert sich Ihre Handelskammer?

U.S.: Durch die Mitglieder, meist Schweizer Firmen in Polen respektive polnische Firmen mit Schweizer Kapital. Es gibt auch polnische Firmen, die Vertriebspartner von Schweizern sind. Oder polnische Exporteure. Diese alle zahlen Beiträge.

Wir verkaufen auch Dienstleistungen, wie Beratungen. Neuerdings machen wir Schulungen für Top-Executives, zusammen mit der Universität St. Gallen.

swissinfo.ch: Und wie steht es mit dem Alltag in Polen – wie ist der Blick auf die Schweiz? Wo ist es zum Beispiel einfacher, eine Familie zu haben?

U.S.: Wenn ich die Probleme höre, die Familien in der Schweiz rund um Schule und Kinder haben, erstaunt mich das. Ich empfinde es als stossenden Anachronismus, wenn in der Schweiz gewisse Leute wollen, dass die Frau zuhause bleiben soll, weil es anders nicht gehe. Und wenn dazu noch je nach Wohnkanton Schulisch vieles anders ist.

In Polen ginge so etwas gar nicht. Der Lebensstandard ist generell tiefer und die Arbeitslosigkeit höher. Da ist es akzeptiert, dass neben dem Vater auch die Mutter arbeiten muss, um die Familie finanziell über die Runden zu bringen. Auch die Stellung der Frau ist eine andere.

Zwar verdienen Frauen auch in Polen rund 20 Prozent weniger als Männer. Mit ihrer Position in der Öffentlichkeit hat das aber nichts zu tun. Diese ist viel selbstverständlicher als in der Schweiz, und nicht so stark nur aufs Politische beschränkt.

So war zum Beispiel Polens Zentralbankpräsidentin eine Frau – ein Posten, der in der Schweiz als absolute Männerdomäne gilt.

swissinfo.ch: Wenn Väter und Mütter arbeiten, wie steht es denn mit den Haushaltshilfen für Familien?

U.S.: In Polens Mittelstand sind solche Hilfen im Gegensatz zur Schweiz gang und gäbe. Hier ist es auch noch bezahlbar. Die Hilfen sind oft Ukrainerinnen oder Studentinnen. Diese Frauen formell korrekt anzumelden wie das in der Schweiz verlangt wird, macht hier niemand. Man würde das als "Soldat Schwejk-ähnliches", also leicht absurdes Verhalten erachten.

Ich muss jedoch gestehen, dass wir das gemacht hatten für unsere ukrainische Kinderhilfe. Wir wollten, dass sie als Nicht-EU-Bürgerin einen geregelten Aufenthalt hat. Die Aufenthaltspapiere hat eine spezialisierte Firma erledigt Die Abrechnung mit Sozialversicherung und Steueramt haben wir selbst gemacht. Der Papierkrieg übertraf alle unsere Erwartungen. Womit wir wieder bei der Bürokratie angelangt wären.

Interview: Alexander Künzle, swissinfo.ch, Warschau

Ulrich Schwendimann

Schwendimann kam in den 90er-Jahren über ein Nationalfonds-Projekt nach Polen.

In Zürich hatte er Slawistik mit polnischer Sprache sowie Betriebswirtschaft studiert, und eine Polin geheiratet.

Nach dem NF-Projekt baute er sich in Warschau als Journalist eine Existenz auf.

2002 bewarb er sich für die Stelle als Direktor der Handelskammer, wobei ihm natürlich sein BWL-Hintergrund zu Gute kam.

Exporte - Importe

Polen hat 2008 für 114,6 Mrd. Euro Waren und Dienstleistungen ausgeführt.

Davon gingen 25% nach Deutschland.

Auf die Schweiz entfielen 0,7%.

Importiert hat Polen für 139,3 Mrd. Euro, davon 22,8% aus Deutschland.

Und 1% aus der Schweiz.

Der für die Schweiz positive Handelssaldo weitete sich 2008 auf den Rekordwert von 1.2. Mrd. CHF aus.

Exportiert nach Polen werden in erster Linie pharmazeutische Erzeugnisse und Maschinen.

Importiert aus Polen werden Maschinen und Fahrzeuge/Flugzeuge.

Handelskammer

Die Wirtschaftskammer wurde 1998 gegründet.

Sie ist eine freiwillige, nicht subventionierte Vereinigung.

Die Mehrheit der in Polen tätigen Schweizer Firmen sind Mitglieder, zur Zeit rund 140.

Die Hauptaufgabe der Kammer in der Schaffung eines für die Entwicklung der polnisch-schweizerischen Wirtschaftskontakte günstigen Umfelds.

Die Mehrheit der in Polen tätigen Schweizer Firmen sind Mitglieder.

Partner der Kammer sind die Schweizer Botschaft in Polen und der Swiss Business Hub Poland.

Sie arbeitet auch mit Osec Business Network Switzerland zusammen.



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