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ASO-Präsident Remo Gysin im Interview


"Auslandschweizer-Organisation muss sich verjüngen"


Von Christian Raaflaub, Basel


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Remo Gysin im Juli 2016 in Basel. (swissinfo.ch)

Remo Gysin im Juli 2016 in Basel.

(swissinfo.ch)

Am Wochenende feiert die Auslandschweizer-Organisation (ASO) ihr hundertjähriges Bestehen. Doch noch nie in ihrer Geschichte hatte sie ein derart grosses Nachwuchsproblem. Der ASO-Präsident will deshalb vermehrt die Jugend ansprechen und die Wählerbasis verbreitern – für mehr Demokratie im Auslandschweizer-Parlament.

swissinfo.ch: 760'000 Schweizerinnen und Schweizer leben heute im Ausland, sei es für einige Jahre oder für immer. Welche Bedürfnisse stellen sie an die Schweiz?

Remo Gysin: Das Bild der Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer ist vielfältig. Die einen intensivieren die Beziehungen zur Schweiz, andere gehen – vielleicht auch nur vorübergehend – auf Distanz. Die meisten Auslandschweizer aber wollen Teil der Schweiz bleiben und über wichtige Entwicklungen in der Schweiz informiert sein. Viele beteiligen sich an Abstimmungen und Wahlen und sind dankbar, wenn sie dies mittels E-Voting tun können.

Auch Auslandschweizerinnen und -schweizer brauchen soziale Sicherheit: Was passiert im Krankheitsfall, im Pensionsalter, allenfalls bei einer Rückkehr? Da braucht es fachmännische Unterstützung und Beratung. Viele, vor allem auch in den USA lebende Auslandschweizerinnen und -schweizer, haben grösste Schwierigkeiten, ein Bankkonto in der Schweiz eröffnen zu können. Ganz wichtig sind auch die konsularischen Dienste.

swissinfo.ch: Gibt es Unterschiede zwischen Jung und Alt?

R.G.: Auf jeden Fall. Es ist ein grosser Unterschied, ob sie in der Schweiz geboren wurden und erwachsen ins Ausland auswandern, als Kind mit den Eltern fortgehen oder in einem anderen Land geboren werden und dort aufwachsen.

Für Jugendliche hat die Auslandschweizer-Organisation drei besondere Dienste: Education Suisse ist für 17 Auslandschweizer-Schulen mit insgesamt rund 7500 Kindern und Jugendlichen zuständig. Die Stiftung für junge Auslandschweizer ermöglicht Jugendlichen unabhängig von Einkommen und Vermögen Ferienaufenthalte. Der Jugenddienst der ASO organisiert Feriencamps, Sprachaufenthalte und politische Schulung der Jugendlichen.

Der Unterschied zwischen Jung und Alt ist auch in den Auslandschweizer Vereinen und im Auslandschweizerrat sichtbar. Viele Vereine haben einen Mangel an Nachwuchs. Jugendliche Auslandschweizer suchen ihre eigenen Strukturen. So haben sie etwa mit Unterstützung der ASO vor einem Jahr ein Jugendparlament für junge Auslandschweizer gegründet. Ermutigend ist die wegweisende Entwicklung in Italien. Dort sind in wenigen Jahren rund 60 verschiedene Jugendgruppen entstanden.

Remo Gysin

1945 in Basel geboren, studierte er Wirtschaft und wurde Unternehmensberater. Zwischen 1984 und 1992 war er Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt.

Der Sozialdemokrat wurde 1995 in den Nationalrat des Schweizer Parlaments gewählt, dem er bis 2007 angehörte.

Gysin setzte sich dort für den Beitritt der Schweiz zu den Vereinten Nationen (UNO) ein, nahm an internationalen Missionen teil und wurde als Wahlbeobachter in verschiedene Länder geschickt.

Seit 2001 ist er Mitglied des Vorstands der Auslandschweizer-Organisation (ASO). Am 14. August 2015 wurde er in Genf an deren Spitze gewählt.

swissinfo.ch: Die ASO feiert dieses Jahr ihr hundertjähriges Bestehen. Welche Herausforderungen stellen sich ihr in der heutigen Welt mit der zunehmenden Mobilität?

R.G.: Mit dem Jubiläum verbinden wir den Wunsch, Auslandschweizer und Inlandschweizer zusammenzubringen und die ASO bekannter zu machen. Die Mobilität nimmt tatsächlich enorm zu. Alles wird schneller, Distanzen schrumpfen. Das Kommen und Gehen nimmt zu. Früher war Armut ein Hauptgrund für die Auswanderung, heute sind es meist berufliche Ziele, die Auslandschweizerinnen und -schweizer in 200 Länder führen.

Die Dienste für Auslandschweizer sind weltweit und über 24 Stunden gefragt. Es braucht Angebote der konsularischen Dienste, wie die internationale Helpline, Beratungsstellen oder auch mobile Equipen, die in Provinzen hinausgehen.

Die ASO informiert, berät, vernetzt und vertritt die Interessen der Auslandschweizerinnen und -schweizern. Eine besondere Herausforderung ist die Unterstützung bei Wahlen und Abstimmungen. Zur Wahrnehmung der politischen Rechte muss das E-Voting dringend ausgebaut werden. Alltagsprobleme gibt es wie erwähnt im Bankenbereich: Ein Bankkonto ist für einen Auslandschweizer sehr wichtig, aber nicht immer leicht zu bekommen. Da setzen wir uns sehr dafür ein.

swissinfo.ch: Die ASO nimmt die Interessen der Auslandschweizerinnen und -schweizer wahr. Sie bezeichnet sich als "Sprachrohr der Fünften Schweiz". Aber lediglich etwa drei Prozent der Schweizerinnen und Schweizer im Ausland sind in der ASO organisiert. Kann man da von einer echten Interessenvertretung sprechen?

R.G.: Die ASO ist für alle Auslandschweizerinnen und -schweizer da. Dies erfordern Stiftungszweck und Leistungsauftrag. Wir haben Informationsinstrumente wie die Schweizer Revue mit einer Auflage von 400'000 Exemplaren. Mit ihr erreichen wir etwa 700'000 bis 800'000 Personen.

Rund 600 Auslandschweizer Vereine bilden die organisatorische Basis beziehungsweise statutarische Trägerschaft der ASO. Sie sind unsere Stütze und Stärke, umfassen als Mitglieder aber nur zwischen zwei und vier Prozent aller Auslandschweizer. Da stellt sich tatsächlich die Frage, wie die Mitgliederzahlen der Schweizer Vereine und ihrer Dachorganisationen erhöht werden können.

swissinfo.ch: Diese zwei bis vier Prozent wählen den Auslandschweizerrat, das Parlament der Fünften Schweiz, das die Interessen der gesamten Auslandgemeinde vertritt. Woher holt der Rat seine Legitimation? Sie sprachen gegenüber swissinfo.ch kürzlich von einer "Schicksalsfrage"

R.G.: Die "Schicksalsfrage" bezieht sich einerseits auf die Schweizer Vereine und andererseits auf den Auslandschweizerrat. Bei den Vereinen beobachten wir sehr unterschiedliche Entwicklungen. Es gibt immer wieder Neugründungen, aber leider auch Auflösungen wegen zu kleiner Mitgliederzahl. Eine generelle Erscheinung ist der Nachwuchsmangel. Ein Kernproblem, das die Zukunft bestimmt und deshalb zu lösen ist.

Zum Auslandschweizerrat: Er umfasst 120 Mitglieder aus dem Ausland und 20 aus dem Inland. Die Mitglieder aus dem Ausland werden von den Schweizer Vereinen delegiert. Je mehr Auslandschweizer und Mitglieder dieser Vereine sich an den Wahlen beteiligen, umso repräsentativer und wirkungsvoller wird der Auslandschweizerrat.

swissinfo.ch: Besteht die Möglichkeit, die Wählerbasis des Auslandschweizerrats mit einer Öffnung auf alle Auslandschweizerinnen und -schweizer zu verbreitern?

R.G.: Die Vision einer Direktwahl in den Auslandschweizerrat, an der sich alle Auslandschweizer beteiligen können, ist seit Jahrzehnten ein Thema. Dazu braucht es das E-Voting sowie die Bereitschaft der Schweizer Vereine und des Auslandschweizerrats.

Mehrere Länder wie Belgien und Grossbritannien zeigen, dass eine Öffnung heute schon möglich ist, so dass sich auch Auslandschweizerinnen und -schweizer, die nicht in einem Verein sind, an den Wahlen beteiligen können. Grossbritannien hat ein Modell, das den Weg für eine Übergangslösung weisen könnte: Von vier Sitzen im Auslandschweizerrat werden zwei von Mitgliedern der Schweizer Vereine besetzt. Für die zwei anderen können alle Auslandschweizerinnen und -schweizer in Grossbritannien kandidieren.

Wir wollen schon bei den nächsten Wahlen in den Auslandschweizerrat 2017 demokratische Fortschritte machen. Eine Arbeitsgruppe, zusammengesetzt aus Ratsmitgliedern, arbeitet daran.

swissinfo.ch: Vor allem Junge und Kurzaufenthalter im Ausland scheinen nicht interessiert zu sein, sich in Schweizer Vereinen zu engagieren. Junge Menschen machen sich wenig aus solchen Strukturen. Wie wollen Sie die Jugend an Bord holen?

R.G.: Wie die Gründung des Parlaments für jugendliche Auslandschweizerinnen und -schweizer zeigt, arbeiten wir intensiv an der Attraktivitätssteigerung und einer verstärkten Ausrichtung auf die Jugend. Da ist einiges am Wachsen und Entstehen. Die erfolgreiche Jugendförderung in Italien ermutigt auch andere Länder.

Wichtig ist, dass die Jugendlichen ihre Visionen und Wünsche selbst definieren. Die "Stammvereine" können ihnen dann allenfalls Unterstützung bei der Verwirklichung anbieten. Übrigens: Unsere Plattform Swisscommunity ist auch für Jugendliche interessant.



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